Debatte um Binnen-I: Nein zu Angstmache und Fehlinformation

    Userkommentar4. Juni 2018, 08:01
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    Der Ring Freiheitlicher Studenten mobilisiert gegen geschlechtsneutrale Sprache in der Wissenschaft. Doch Unis müssen ein Raum sein, wo freies Denken möglich ist

    Der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) ruft derzeit alle österreichischen Studierenden per Massenmail dazu auf, im Rahmen einer Bürgerinitiative gegen die Verwendung einer geschlechtsneutralen Sprache in der Wissenschaft vorzugehen.

    Dabei wird auf eine 2015 erfolgte Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ Bezug genommen, die erklärte, dass in manchen (!) Fachhochschulen die Verwendung von geschlechtergerechten Formulierungen Voraussetzung für eine positive Benotung ist. Eine kritische Nachfrage kann hier durchaus angebracht sein. Jedoch stellt sich die Frage, in welchem Kontext derartige Arbeiten stehen. Betont werden muss aber vor allem auch, dass an den Universitäten in Österreich die gendergerechte Sprache kein Beurteilungskriterium ist. Die vom Ring Freiheitlicher Studenten heraufbeschworene Einschränkung der Freiheit der Wissenschaft und der leider viel zu oft zitierte "Genderwahn" sind also unangebracht.

    Die Macht der Fehlinformation

    Verwunderlich ist die Aktion leider nicht. Viel zu gut weiß der Ring Freiheitlicher Studenten um die Macht der Fehlinformation. Diese streut er hierbei gezielt. Denn natürlich muss man die Verwendung des Binnen-I nicht gut finden. Und selbstverständlich geht es beim Gender-Mainstreaming nicht nur um eine geschlechtsneutrale Sprache. Eine solche zu fordern, sich aber gleichzeitig nicht für die Gleichberechtigung aller Menschen einzusetzen, wäre völlig unsinnig.

    Gender-Mainstreaming ist eine Strategie der Gleichstellungspolitik, die soziale Unterschiede und strukturelle Ungleichheiten hinterfragt und versucht diese sichtbar zu machen. Das Ziel: Unterschiede dort zu beseitigen, wo sie nichts zu suchen haben. Es geht dabei nicht um die Abschaffung des biologischen Geschlechts oder gar der Identitäten. Es geht nicht darum einen neuen Menschen oder eine "weibliche Zukunft" zu schaffen. Sondern darum eine "menschliche Zukunft" (Johanna Dohnal) anzustreben, in der alle Menschen dieselben Chancen haben.

    Ideologien sehen wo sie wirklich sind

    Gerade die Universitäten müssen ein Raum sein, wo freies Denken möglich ist. Deshalb muss und soll hier auch jener Ort sein, an dem Entwicklungen kritisch hinterfragt werden dürfen. Auch im Feminismus gibt es Strömungen, die es mit dem Einsatz für alle Menschen nicht mehr so genau nehmen. Dies ist zu kritisieren.

    Das feministische Grundanliegen – Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene abzuschaffen – deshalb jedoch als Ideologie zu verunglimpfen, ist nicht nur falsch, sondern auch zynisch. Weil es die Lebensrealitäten zahlreicher Frauen ignoriert.

    Gerade eine Studentenorganisation sollte sich das Ziel setzen, reflektierter mit Begriffen und Entwicklungen umzugehen und sich ihrer Verantwortung der Gesellschaft als offener und freier gegenüber stärker bewusst sein. (Irene Klissenbauer, 4.6.2018)

    • Universitäten hinterfragen Entwicklungen kritisch – ohne das feministische Grundanliegen zu verunglimpfen.
      foto: apa/roland schlager

      Universitäten hinterfragen Entwicklungen kritisch – ohne das feministische Grundanliegen zu verunglimpfen.

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