Ultraschall macht schmerzende Nerven sichtbar

    4. Juni 2018, 08:00
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    Mit Ultraschall können bereits kleinste schmerzende Nervenäste erkannt werden, die beim Patienten oft jahrelang nicht gefunden wurden

    Jeder Mensch hat zwei Nervensysteme – das Zentralnervensystem (ZNS) und das periphere Nervensystem (PNS). Letzteres liegt außerhalb des Gehirns und Rückenmarks, versorgt Muskeln und Haut und ist für die Empfindung von Schmerz, Berührung und Temperatur verantwortlich. Ist es gestört oder verletzt, kann das zu chronischen Schmerzen führen, deren Ursache oftmals mit gängigen bildgebenden Verfahren und Untersuchungen nicht festgestellt werden kann.

    Da jeder fünfte Österreicher von chronischen Schmerzen betroffen ist, für die nicht selten Nervenprobleme die Ursache sind, wird auch der Ultraschall als diagnostisches Tool immer wichtiger. Gerd Bodner, Facharzt für Radiologie und jahrelang am Wiener AKH, hat sich auf die Darstellung peripherer Nerven spezialisiert und ist Experte auf diesem Gebiet. "Nachdem sich die Technik vor allem in letzter Zeit enorm weiterentwickelt hat, können wir mittlerweile kleinste Nervenäste erkennen. Dank hochauflösender Schallköpfe bleibt uns also kein Nervenproblem mehr verborgen", sagt der Mediziner.

    Gemeinsam mit dem Radiologen und Sportarzt Christopher Pivec untersucht er täglich Betroffene, deren Schmerzursachen oftmals jahrelang nicht gefunden werden. Das bestätigt auch Georg Riegler, Facharzt für Radiologie am AKH und auf Untersuchungen des peripheren Nervensystems mittels Ultraschall spezialisiert. "Bestes Beispiel sind Glassplitter-Verletzungen. Die Patienten weisen eine für das MRT nicht sichtbare Nervenverletzung auf, ein Glasstückchen wird übersehen und erst im Ultraschall erkennbar. Meist sehen wir sie nach der ersten Operation, die an ihrer Schmerzsymptomatik nichts geändert hat."

    Enorme Sensibilität

    Doch Unfälle sind nicht die einzige Bedrohung für unsere hochsensiblen Nerven: Da das periphere Nervensystem wie ein Stromnetz durch den Körper verläuft, ist es anatomisch bedingt immer wieder mit Engstellen konfrontiert. Diese Bereiche sind geradezu prädestiniert für sogenannte Nervenkompressionssyndrome, zu denen das Tarsaltunnelsyndrom im Fuß, das Pendant zum sehr bekannten Karpaltunnelsyndrom, gehört.

    Zwischen Nerv und anderen Strukturen entsteht ein Missverhältnis, es wird ihm buchstäblich zu eng, und er ist in seiner Reizweiterleitung gestört. Es kommt zu Missempfindungen, Schmerzen und motorischen Störungen. "Weisen Patienten typische Symptome auf, wird in den meisten Fällen eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG) angeordnet. Das ist durchaus sinnvoll, allerdings zeigt sich bei diesen Messungen meist nur, ob der Nerv ein Problem hat, aber nicht, weshalb er eines hat. In der Ultraschalluntersuchung wird der genaue Grund ersichtlich, was für alle weiteren Maßnahmen von großer Bedeutung ist", so Pivec.

    Neben den Einengungssyndromen oder Splitter- beziehungsweise unfallbedingten Verletzungen können der Einsatz eines künstlichen Gelenks, eine Operation (zum Beispiel Leistenbruch oder Kaiserschnitt), aber auch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus zu Nervenschmerzen führen. Diese äußern sich in der Regel durch ein brennendes Gefühl, Ameisenlaufen, einschießenden Schmerz, Kribbeln oder Gefühlsstörungen sowie Überempfindlichkeit bei Berührungen.

    Permanente Schmerzsignale

    Veith Moser vom Unfallkrankenhaus Lorenz Böhler ist auf Nervenchirurgie spezialisiert und führt mittlerweile jährlich an die 500 Eingriffe am peripheren Nervensystem durch: "Ich habe kürzlich eine Dame aus Großbritannien behandelt, die seit 13 Jahren unter Schmerzen im Knie litt. Sie hatte einen Kniegelenksersatz erhalten, und dabei waren Nervenfasern so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie permanent Schmerzsignale ans Gehirn sendeten. Wir haben diese mithilfe des hochauflösenden Ultraschalls identifiziert, eine Hautmarkierung durchgeführt, und ich konnte somit millimetergenau schneiden und die Fasern durchtrennen. Die Patientin ist heute schmerzfrei."

    Wenngleich der hochauflösende Ultraschall in der Lage ist, vom peripheren Nervensystem ausgehende Schmerzursachen sichtbar zu machen, kann mitnichten jeder Patient von einer Operation profitieren. Deshalb sollte der Eingriff mittels ultraschallgezielter Testblockade simuliert werden. "Ich suche den betroffenen Bereich auf, injiziere während der Sonografie eine kleine Menge lokalen Betäubungsmittels und lasse die Patienten ein Protokoll anfertigen. Sind sie mindestens zwei Stunden schmerzfrei, ist eine Operation das Mittel der Wahl", erklärt Bodner. Um es dem Operateur so einfach wie möglich zu machen und dem Patienten zu lange Hautschnitte zu ersparen, markiert er bei Bedarf das betroffene Areal vor der Operation auf der Haut oder setzt am zu operierenden Nerv einen Markierungsdraht.

    Patienten, bei denen ein Eingriff nicht infrage kommt, können unter Umständen von der Behandlung mit Schmerzmedikamenten oder konservativen Behandlungsmethoden profitieren. "Jeder Patient muss individuell betrachtet und entsprechend behandelt werden. Den Patienten muss auch bewusst gemacht werden, dass die Operation ihnen möglicherweise nicht helfen kann. Operiert wird nur, wenn ich davon überzeugt bin, dass es danach besser wird", so Moser.

    Sichtbar machen

    Neben peripheren Nerven lassen sich kleinste Gefäße, Muskeln, Sehnen, Bänder und Knochenoberflächen sichtbar machen. Auch in der Sportmedizin lassen sich viele Probleme ultraschallgezielt behandeln, indem Wirkstoffe punktgenau an betroffene Sehnen, Bänder, Muskeln und so weiter appliziert werden.

    Des Weiteren wird der hochauflösende Ultraschall bereits in der Brustgesundheit und Brustkrebsvorsorge angewandt. Dafür braucht es hochqualifizierte Untersucher, entsprechende Geräte, die perfekt bedient werden müssen, sowie Experten, die sich permanent weiterentwickeln.

    Die Vorteile der Untersuchung liegen darin, dass sie bei Bedarf in der Dynamik zur Anwendung kommen und minimalste Veränderungen auf den Bildschirm bringen kann. Außerdem ist sie vergleichsweise kostengünstig und kann praktisch überall durchgeführt werden. (Sonja Streit, 4.6.2018)

    • Auch der Einsatz eines künstlichen Gelenks kann zu Schmerzen führen. Dabei können die Nervenfasern so in Mitleidenschaft gezogen werden, dass sie permanent Schmerzsignale ans Gehirn senden.
      foto: istock

      Auch der Einsatz eines künstlichen Gelenks kann zu Schmerzen führen. Dabei können die Nervenfasern so in Mitleidenschaft gezogen werden, dass sie permanent Schmerzsignale ans Gehirn senden.

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