Urzeitlicher Gigant war größer als ein Walhai – und schneller als gedacht

    1. Juni 2018, 08:00
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    Biologen berechnen Stoffwechsel des größten Knochenfisches aller Zeiten und kommen auf verblüffende Ergebnisse

    foto: ap/catalina island marine institute
    Der Riemenfisch (Regalecus glesne) gilt als längster rezenter Knochenfisch. Er kann bis zu acht Meter lang werden und könnte Grundlage für viele Seeschlangen-Sagen sein.

    Valencia – Biologen schlagen sich bis heute mit dem Problem herum, warum Knochenfische (Osteichthyes) im Durchschnitt eher klein sind im Vergleich zu Knorpelfischen, zu denen die Haie, Rochen und Seekatzen zählen. Der Walhai etwa, die größte und schwerste rezente Fischart wird mindestens 13 Meter lang und 12 Tonnen schwer. Der schwerste Knochenfisch-Vertreter dagegen, der Mondfisch (Mola mola), erreicht bei einer Länge von maximal 3,2 Metern eine Gewicht etwa zwei Tonnen.

    foto: hasama underwater park
    Mondfische, hier ein Exemplar der Spezies Mola alexandrini, sind die schwersten bekannten Knochenfische der Jetztzeit.

    Der Europäische Hausen (Huso huso), der früher sogar die Donau bis nach Österreich hochwanderte, wird zwar nicht so schwer, erreicht dafür aber eine Länge von über sechs Metern. Der Riemenfisch wird sogar acht Meter lang, gleicht dabei aber eher einer flach gedrückten Seeschlange. Alle drei sind allerdings Ausnahmen, der Großteil der Vertreter der Osteichthyes, die 95 Prozent aller Fischarten ausmachen, bleibt weit darunter.

    foto: archiv
    Der größte Süßwasserknochenfisch der Erde ist der Europäische Hausen. In früheren Zeiten wurden Exemplare von über sechs Meter gefangen. Diese Riesen sind mittlerweile kaum mehr zu finden. Dieses Tier hier ging 1921 den Fischern von Tetyushi an der Wolga ins Netz.

    Einschränkender Stoffwechsel?

    Vielfach gingen Forscher unter anderem davon aus, dass die Größe von Knochenfischen durch ihren Stoffwechsel begrenzt wird: Große Tiere müssen mit weniger Sauerstoff pro Gramm Körpergewebe auskommen als Leichtgewichte. Weil Knochenfische generell höhere metabolische Ansprüche stellen als etwa Haie, schien es lange Zeit einfach unmöglich, dass Knochenfische massereicher werden könnten als der heutige Mondfisch.

    Leedsichthys problematicus allerdings wirft all diese Argumente völlig über den Haufen: Der Gigant durchstreifte die Ozeane des mittleren und oberen Jura vor rund 165 Millionen Jahren und gilt nicht nur als größter bekannter Knochenfisch, sondern – zumindest nach manchen Einschätzungen – überhaupt als größter Fisch aller Zeiten: Welche Ausmaße der Planktonfresser tatsächlich erreichte, lässt sich anhand der Funde nicht so genau bestimmen, weshalb er auch den Artennamen "problematicus" erhielt.

    illustr. picturedesk.com
    Leedsichthys problematicus lebte vor rund 165 Millionen Jahren und war ein typischer Planktonfresser, der vermutlich wieder der heutige Walhai mit weit geöffnetem Maul durch den Ozean zog.

    16 bis 27 Meter lange Riesen

    Einige Forscher schätzten die Länge des Fundexemplars NHM P.10156 früher aufgrund seines Kiemenkorbes auf über 27 Meter. Bis in die 1980er-Jahre hielt man teilweise an dieser Einschätzung fest. Mittlerweile gehen Paläontologen eher davon aus, dass Leedsichthys zumindest 16 Meter lang und 45 Tonnen schwer wurde – was ihn immer noch um einiges größer macht als das größte bekannte Walhaiexemplar.

    Nachdem die Biologen erkannt haben, dass sie die prähistorischen Fische in ihren Überlegungen nicht berücksichtigt hatten, ging ein Team um Humberto Ferrón von der spanischen Universität Valencia daran, den Stoffwechselbedarf des Urzeitgiganten neu zu berechnen.

    Das verblüffende Ergebnis haben sie nun im Fachjournal "Palaeontology" präsentiert: Auf Basis der Daten zum Energieumsatz rezenter Knochenfische kamen die Forscher zu dem Schluss, dass Leedsichthys bei einer ausreichenden Sauerstoffversorgung seines Körpers etwa 18 Kilometer pro Stunde schnell schwimmen konnte. Zum Vergleich: die heute schnellsten Fischarten erreichen bis zu 30 Kilometer pro Stunde.

    Die Schlüsse, die Ferrón und seine Kollegen aus ihrer Studie ziehen, führen letztlich zurück zum ursprünglichen Rätsel: Warum gibt es heute keine riesigen Knochenfische mehr? An den Einschränkungen ihres Metabolismus kann es nach den aktuellen Ergebnissen ja nicht liegen. Möglicherweise, so die Vermutung von Ferrón, ist die geringe Größe moderner Knochenfische bloß einem evolutionären Zufall zu verdanken. (tberg, 1.6.2018)

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