Vom Hippie zum Hacker: Die Anfänge des Computerzeitalters

30. Mai 2018, 06:00
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In den 1960ern waren Computer Sache von Militär und Konzernen, doch die Gesellschaft traf Vorbereitungen, sich die Technologie anzueignen

Eines Abends zwängten sich Steve Wozniak und Steve Jobs, die einige Jahre später ein Unternehmen namens Apple gründen sollten, gemeinsam in eine Telefonzelle, um den Papst anzurufen. "Wir sind gerade bei einem Gipfeltreffen in Moskau und wir müssen mit dem Papst reden", soll Wozniak, der sich als Henry Kissinger ausgab, gesagt haben – laut Walter Isaacsons Steve-Jobs-Biografie. Der Streich ging schief: Der Bischof am anderen Ende nahm Wozniak die Geschichte nicht ab.

Die technologiegeschichtliche Relevanz des Anrufs liegt in dem Mittel, mit dem er getätigt wurde: einer Blue Box. Ein Mann namens John Draper entdeckte, dass mit der Pfeife aus einer Cornflakes-Packung ein Ton zu erzeugen war, mit dem man das Telefonsystem von AT&T austricksen und kostenlos Ferngespräche führen konnte. Draper führte Jobs und Wozniak in das Geheimnis ein. Die Sage geht, dass die beiden an die 100 Blue Boxes, die die Frequenz digital simulierten, gebaut und an Studienkollegen verkauft haben.

Die Anekdote aus den frühen 1970er-Jahren illustriert eine Entwicklung, die sich im Jahrzehnt davor auf vielfältige Weise angebahnt hatte: Abkömmlinge eines frühen Hackertums wollen komplexe technologische Systeme nicht mehr Konzernen und Militär überlassen, sondern sie im eigenen Sinn gestalten. Das hat einerseits mit den "technologischen Graswurzelbewegungen" jener Zeit, meist Bastlergruppen an Hochschulen, zu tun, andererseits aber auch mit den Idealen und Utopien der Hippie-Bewegung von 1968. Die Ironie der Geschichte ist, dass aus der damaligen Aneignung die machtvollsten Konzerne der Gegenwart – Apple, Microsoft und Co – entstanden.

Computer waren für eine politische Gegenkultur in den USA der 1960ern noch ein verhasstes Symbol des "militärisch-industriellen Komplexes". Integrierte Schaltkreise, das war etwas für Atomkraftwerke und Polaris-Mittelstreckenraketen. Wer sich dennoch dafür interessierte, hatte an Universitäten die besten Chancen. "Die jungen Forscher, die die teuren und meist lückenlos ausgebuchten Rechner bedienten, kamen in der Nacht zurück, um sie für eigene Projekte zu nutzen", veranschaulicht Peter Purgathofer vom Institut für Informatik der TU Wien.

Modeleisenbahn-Nerds

1961 wurde etwa eines der ersten grafischen Computerspiele, "Spacewar!", am Massachusetts Institute of Technology (MIT) programmiert. Involviert war auch der dort ansässige Tech Model Railroad Club, ein studentischer Modelleisenbahnclub, der dank Erfindungsreichtum bei elektronischen Aspekten als früher Einflussgeber der Hackerkultur gilt.

1968 gründete Robert Noyce, einer der Mitentwickler integrierter Schaltungen, gemeinsam mit Gordon Moore das bis heute erfolgreiche Technologieunternehmen Intel. Man arbeitete an Prozessen für die Herstellung von Halbleiterschaltungen und an Arbeitsspeicher-Chips. Ein Jahr zuvor trafen einander Hippies zum legendären Summer of Love in San Francisco. Auch sie sollten Einfluss auf die Computergeschichte haben.

Viele von ihnen zogen in der Folge aufs Land, um in Kommunen ihre alternativen Lebensentwürfe zu verwirklichen. Für Stanford-Professor Fred Turner sind diese Menschen – zwischen 1966 und 1973 werden es bis zu zehn Millionen – ein Sammelbecken einer weiteren Gegenkultur. Ihre Angehörigen wollten sich nicht politisch engagieren, sondern bildeten kleine Gemeinschaften auf Basis gleicher Werte und Ansichten. Man war gegen den militärisch-industriellen Komplex, aber konnte sich durchaus für Technologie begeistern, die man selbst im Kleinen nutzen konnte.

Transformiertes Bewusstsein

Die einflussreichste Publikation dieser Kultur war der "Whole Earth Catalog". Er startete als ein Ratgeber für "Werkzeuge", die man für das neue, selbstbestimmte Leben brauchen konnte. Traktor? Pflug? Nein, zum größten Teil waren es Bücher – "keine Werkzeuge für die Bestellung des Landes, sondern Werkzeuge für die Transformation des Bewusstseins", fasst Turner zusammen.

In dem Katalog konnte eine Rechenmaschine von HP neben Norbert Wieners Kybernetik-Schriften stehen. Leser sandten Vorschläge ein, was man aufnehmen sollte. Zuerst las man voneinander, später traf man sich zu Conventions. "Die Gegenkultur wurde für sich selbst sichtbar", sagt Turner. Der erste Schritt in Richtung einer "virtual community", wie sie später die elektronischen Netze prägen sollten, war getan.

Gründer und zentrale Figur der Entwicklung war Stewart Brand. Er wurde zum Bindeglied zwischen den sozialen Utopien der Hippies und einer erstarkenden Hightech-Kultur. Brand sollte knapp 20 Jahre später zu den Gründern eines technologischen Updates des "Whole Earth Catalog" gehören: "The WELL" war eine der ersten virtuellen Communitys, in denen sich Menschen in Echtzeit in Foren austauschten. Die Kommune brauchte letztendlich keine körperliche Anwesenheit mehr.

Turner sieht in seinem Buch "From Counterculture to Cyberculture" eine Kontinuität vom Kommunenleben bis zur New Economy der 1990er. In den 1960er-Jahren bereitete sich die Gesellschaft insgeheim darauf vor, sich die Computer anzueignen, sie zum Teil des individuellen Lebens zu machen. Brand selbst prägte auch den Begriff des "Personal Computers", der große Karriere machen sollte. Purgathofer verweist auf den Entwickler Vint Cerf, der in den 1970ern das TCP/IP-Protokoll mitentwickelte, das den Datentransfer im Internet koordiniert. Dieser betonte bereits stets den egalitären Charakter der Technologie, die Rechner frei von Hierarchien verbindet. Cerf entwickelte das Protokoll für das Arpanet, den Militär-Vorläufer des Internets. Purgathofer: "Im Lauf der Geschichte hat die Zivilgesellschaft dem Militär die Kontrolle über diese Technologie abgerungen." (Alois Pumhösel, 30.5.2018)

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    Prägende Gestalten auf dem Weg zur Computertechnik von heute: Intel-Gründer Robert Noyce ...

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    ... und Stewart Brand, Gründer des "Whole Earth Catalog".

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