Festwochen-Projekt "Archipelago": Reif für die Insel

    31. Mai 2018, 08:00
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    Bei den Wiener Festwochen wird der Bibliothek als einem Sinnbild idealer Gesellschaft gehuldigt

    Wien – Wer auf einer Insel sitzt, wird sich nicht als Nabel der Welt begreifen – zumindest sollte er das nicht. Wer hingegen auf einer Insel im karibischen Archipel lebt, wird sich damit leichter tun. Sich also nicht isoliert, sondern als Teil eines größeren Komplexes zu sehen, dafür hat der Philosoph Edouard Glissant (1928-2011) den Begriff des "archipelisches Denkens" geprägt. Dass die öffentliche Bibliothek einer Stadt ein famoses Sinnbild für dieses von Vielheit und Offenheit geprägte Denkmodell ist, fand Festwochen-Kurator und Ö1-Redakteur Wolfgang Schlag. Im respektvollen Nebeneinander ihrer Benützer ist sie auch ein utopisch anmutender Ort einer idealen Gesellschaft.

    Archipelago. Insel des unvorhersehbaren Denkens heißt das Projekt in der Reihe "Into the City", das nach vielen Jahren der Leerstandnutzung nun in einen wahrlich frequentierten öffentlichen Raum der Stadt ausrückt: 3000 Menschen besuchen die Hauptbücherei am Wiener Gürtel täglich. Kunst, Performances und Diskussionen, die sich bis 16. Juni dort einweben, sind eine wahre Ode an diese lebendigen, demokratischen Archive des Wissens. Eine dringend notwendige Huldigung, denn das Interesse am Lesen schwindet, obwohl Wissen die Werkzeuge zur kritischen Hinterfragung unserer Welt bereithält.

    filmstill (detail): kamen stoyanov
    Die Bibliothek von Lubljana im Video "Flying Library" von Kamen Stoyanov (Detail).

    Dass eine Bibliothek im besten Fall ein Ort des Widerstands sein kann, erzählt etwa Kamen Stoyanov im kurzen Film Flying Library. 1941, unmittelbar nach der Fertigstellung der Nationalbibliothek in Ljubljana, marschierten die italienischen Besatzer ein. Die Bevölkerung fürchtete, das Gebäude könnte okkupiert werden: In einer schier unglaublichen Menschenkette wurde in nur einer Nacht die Bibliothek mit einer Million, von Hand zu Hand weitergereichter Bücher befüllt, der Zugriff so verunmöglicht.

    Iris Andraschek und Hubert Lobnig lenken den Blick auf die Sammlung im Iran verbotener Bücher, die nach und nach aus der Hauptbücherei verschwinden; man vermutet, der Geheimdienst ist für die nie retournierten Exemplare verantwortlich.

    Ein vitales Denkgebäude statt eines Wolkenkuckucksheims. (Anne Katrin Feßler, 30.5.2018)

    foto: luca faccio
    "Die Abhängigkeiten" heißt diese Arbeit von Marlene Hausegger: An Haarzöpfen, die in manchen Kulturen als Zeichen der Stärke gelesen werden, wird ein Regal mit feministischen Magazinen und DVDs symbolisch hervorgehoben. Dass hier nicht wirklich etwas ins Schweben oder Verrücken gerät, kann auch als Bild dafür interpetiert werden, dass es schwer ist, patriarchale Perspektiven aufzugeben.
    Verena Megarejo Weinandt: "Reading Resistance / Widerstand lesen / Leyendo Reistencia", 2018
    videostil: ovidiu anton
    Wie nähern wir uns der Welt, wie erfahren wir sie? Eine Metapher darauf könnte die in der schnellen Folge von Filmverfolgungsjagden oder Parcour-Videos gedrehte Sightseeingtour "It Doesn’t Matter Where" (2009) sein. Die "Gemachtheit" entlarvt Ovidiu Anton aber ganz bewusst durch den Wechsel von Licht, Wetter und Kleidung.
    foto: feßler
    Für den Umstand, keinen adäquaten Weg in die Zukunft zu finden, hat Aldo Gionotti ein Bild gefunden ("What goes up must come down", 2018)
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