Wo die Kuschelnerven versagen

    29. Mai 2018, 10:52
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    Ein Forscherteam untersuchte den Einfluss der C-taktilen Fasern auf die Großzügigkeit – der so genannte Midas-Effekt konnte nicht bestätigt werden.

    Die Haut ist insgesamt zwei Quadratmeter groß. Taktile Empfindungen wie ein Kribbeln oder einen Tropfen auf der Haut nehmen wir über Millionen von Nervenenden und Rezeptoren wahr.

    Ob wir eine Berührung als angenehm empfinden, entscheiden sogenannte C-taktile (CT-) Fasern, die in den behaarten Hautabschnitten zu finden sind. Schwedische Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass diese "Kuschelnerven" besonders stark auf eine Berührung reagieren, wenn diese sanft und bei Körpertemperatur stattfindet: Die CT-Fasern melden dann Wohlgefühl.

    Ein Team aus internationalen WissenschafterInnen der Universitäten Wien und Oslo hat erforscht, ob "Kuschelnerven" dafür sorgen, dass wir uns großzügiger verhalten, wenn wir berührt werden. Obwohl dieser so genannte Midas-Effekt in vielen Studien beschrieben wird, dokumentierten die Psychologinnen Lisa Rosenberger und Uta Sailer vom Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden der Universität Wien nun in drei Laborstudien, dass großzügigeres Verhalten kaum mit der Aktivierung dieser Fasern zu tun hat. Dafür sorgen vermutlich andere Faktoren, wie die Nähe zu der berührenden Person.

    Berührung mit Kalkül

    Zahlreiche Feldstudien belegen, dass Menschen nach einer Berührung großzügiger werden. So bekommen etwa KellnerInnen mehr Trinkgeld, wenn sie Restaurantbesucher berühren. Weiters steigt die Bereitschaft, an einer Umfrage teilzunehmen oder Zigaretten mit Fremden zu teilen. Dieses Phänomen ist als Midas-Effekt bekannt, da König Midas in der griechischen Mythologie alles, was er berührte, in Gold verwandelte.

    Vor einigen Jahren entdeckten ForscherInnen so genannte C-taktile Fasern in unserer Haut. Diese CT-Fasern nehmen angenehme Berührungen wahr und melden diese in den emotionalen Zentren unseres Gehirns. Die Doktorandin Lisa Rosenberger hat nun untersucht, ob diese auch "Kuschelnerven" genannten Fasern dafür sorgen, dass Berührungen uns großzügiger machen.

    In drei aufeinander aufbauenden Studien variierten die WissenschafterInnen jene Person, der gegenüber man sich großzügig verhalten konnte: Einmal war sie eine anonyme, übers Internet verbundene Person, einmal eine Person im selben Raum, die man aber nicht sehen konnte, und einmal diejenige Person, die die ProbandInnen berührte. Nachdem die VersuchsteilnehmerInnen dreiminütige Streicheleinheiten bekommen hatten, die entweder die Kuschelnerven besonders stark oder weniger stark aktivierten, erhoben die ForscherInnen, ob sie sich der anderen Person gegenüber großzügiger verhielten.

    These widerlegt

    In der Folge zeigten die Kuschelnerven aktivierenden Berührungen in keiner der drei Studien eine Auswirkung auf das Verhalten der VersuchsteilnehmerInnen. Egal ob die C-taktilen Fasern stark aktiviert wurden oder weniger – die ProbandInnen verhielten sich nicht großzügiger. "In unserem Laborversuch konnten wir überhaupt keinen Midas-Effekt beobachtet, was im krassen Gegensatz zu den dokumentierten Effekten in vielen Feldstudien steht", erklärt Rosenberger.

    Zum einen könnte das damit zu tun haben, dass das reine Ausführen einer Aufgabe schon großzügiger macht. Zum anderen folgern die ForscherInnen aber, dass die C-taktilen Fasern keine sehr große Rolle beim Midas-Effekt spielen. "Vermutlich sind hier andere Faktoren wichtig. Wenn man jemanden berührt, kommt man der Person sehr nahe, was wiederum eine gewisse Intimität schafft. Vermutlich interpretiert man das Verhalten der Person – bewusst oder unbewusst – als Ausdruck von Sympathie", so die Psychologin. Es könnte also diese Interpretation des Verhaltens sein, und nicht die Berührung selber, die uns großzügiger stimmt. (red, 29.5.2018)

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