Wenn Krankenhäuser Hilfe brauchen

    29. Mai 2018, 12:42
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    In vielen öffentlichen Spitälern herrscht dicke Luft. Es fehlen Ärzte und Pflegepersonal, die Qualität der Behandlung leidet

    Immer wieder habe er den Dialog mit dem Vorstand des Salzburger Landeskrankenhauses gesucht, mehrmals habe er darauf hingewiesen, dass die Stimmung unter Ärzten und Pflegepersonal am Tiefpunkt sei. Ohne Erfolg. Nun sieht er keine andere Wahl mehr, als sich öffentlich zu äußern: "Ich möchte der Klinikleitung nicht in die Suppe spucken, aber die Situation hat sich mittlerweile so verschärft, dass die Sicherheit der Patienten auf wackeligen Beinen steht", warnt Markus Pitterka, der seit 2015 Vorsitzender des Angestelltenbetriebsrats im Salzburger Landeskrankenhaus ist.

    Mehrere Ärzte des Uniklinikums hat der STANDARD um ein Gespräch gebeten, keiner war bereit, offen zu reden. "Es will sich niemand die Finger verbrennen und seine Karriere gefährden", interpretiert der Betriebsrat die ärztliche Zurückhaltung gegenüber dem medialen Interesse.

    Einer, der nichts zu befürchten hat, formuliert es noch deutlicher: "Der Frust der Belegschaft ist zum Teil enorm. Auch die Angst vor Kündigungen sitzt tief", sagt Andreas Jungwirth, der 17 Jahre als Urologe am Salzburger Landeskrankenhaus tätig war und vor 14 Jahren in die Halleiner Emco-Privatklinik wechselte. Die Hauptgründe für seine Entscheidung: schlankere Strukturen, mehr Freiheiten und vor allem geregelte Arbeitszeiten. "Mit zunehmendem Alter wurden die Nachtdienste immer mühsamer. Häufig waren es drei an einem Stück, das wollte ich nicht mehr." Eine gute Entscheidung, wie er betont. "Ich bin rechtzeitig gegangen, obwohl damals das Arbeitsklima noch sehr gut war."

    Weniger Arbeitszeit, gleich viel Arbeit

    Die 72-Stunden-Dienste gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Viele Mediziner begrüßen das neue Krankenanstaltenarbeitszeitgesetz, durch das bis zum Jahr 2021 die maximalen Arbeitsstunden am Stück auf 25 Stunden und die durchschnittliche Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden verkürzt werden sollen. Der Leistungsdruck im Spital wird dadurch aber nicht geringer, im Gegenteil, wie der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer berechnet hat: "Trotz Arbeitszeitverkürzung und den neu geschaffenen Planstellen ist die Anzahl der Patienten pro Arzt nicht gesunken."

    Das heißt vor allem eines: Es werden Überstunden gemacht, zum Teil unbezahlt, da sie bewusst nicht aufgezeichnet werden. Zu diesem Ergebnis kam eine Befragung der Wiener Ärztekammer, die im Februar 2018 präsentiert wurde. Diese Praxis kann auch arbeitsrechtlich ins Auge gehen.

    "Krankenhäuser und in der Folge die Abteilungsleiter müssen das neue Arbeitszeitgesetz einhalten", betont Lukas Kirchmair, Leiter der Anästhesie und Intensivmedizin im Bezirkskrankenhaus Schwaz in Tirol. Er berichtet von punktuellen Kontrollen des Arbeitsinspektorats und erklärt, dass die 48 Stunden "keine österreichische Erfindung" seien, sondern eben der europäischen Arbeitszeitvorgabe (European Working Time Directive) entsprechen, die alle Sparten betrifft, nicht nur die Mediziner. Hinsichtlich geordneter Freizeit und der nötigen Erholungszeit begrüßt Kirchmair die neue Regelung. "Aber natürlich muss klar sein, dass die Zeit, in der man arbeitet, dadurch verdichtet wird."

    Lange Wartezeiten

    Der Druck auf die Spitalsärzte und das Pflegepersonal wird zukünftig noch weiter zunehmen, sind Experten überzeugt. Das liegt vor allem daran, dass immer mehr Menschen die Spitalsambulanzen als Ersatz für den niedergelassenen Bereich sehen. Laut Daten des Gesundheitsministeriums ist allein die Anzahl der Erstaufnahmen in Österreichs Ambulanzen zwischen 2013 und 2016 um rund 364.000 Patienten gestiegen, im Bundesland Salzburg waren es 24.000 zusätzliche Behandlungen. "Diese Arbeitsverdichtung ist nur durch Überstunden zu bewältigen. Wir brauchen aber nicht nur mehr Mediziner, in der Pflege fehlen derzeit mindestens 40 Vollzeitäquivalente", schätzt Pitterka.

    Für diese Situation die Bevölkerung verantwortlich zu machen, greift jedoch zu kurz. "Die Patientenströme sind völlig unreguliert – nicht zuletzt deshalb, weil es verabsäumt wurde, die Attraktivität des niedergelassenen Bereichs zu steigern", kritisiert Gesundheitsökonom Pichlbauer. Diesen Schluss legen auch die Zahlen der Österreichischen Ärztekammer nahe: Während die Anzahl der Wahlärzte zwischen 2010 und 2018 um ein Viertel zugenommen hat, stagniert das Segment der Vertragsärzte seit Jahren.

    Vor allem Fachärzte wenden sich zunehmend vom Vertragsmodell der Krankenkassen ab. Der Stand im Jahr 2018: 7.412 Wahlfachärzte und 3.249 mit Kassenvertrag. Das heißt auch: In den Praxen der Fachärzte auf Krankenschein stehen die Patienten Schlange. Wer einen Termin will, muss oft Wochen, mitunter sogar mehrere Monate warten.

    "Der niedergelassene Bereich versagt völlig. Mich wundert es nicht, dass jene, die sich keinen Wahlarzt leisten können, sich auf den Weg ins Spital machen", sagt Jungwirth. Zu spüren bekommt das vor allem das Personal in den großen Kliniken, zu denen auch das Salzburger Landeskrankenhaus zählt. "Nicht nur aus dem gesamten Bundesland, sondern auch aus Deutschland kommen Patienten zu uns. In manchen Ambulanzen warten zu Spitzenzeiten bereits ab neun Uhr in der Früh 100 Menschen, die dann nur mehr im Akkord abgefertigt werden können", erzählt Pitterka. Was die Situation zusätzlich verschärft: In den Ambulanzen im Landeskrankenhaus Salzburg herrscht Aufnahmepflicht. "Es dürfen keine Patienten ohne Behandlung nach Hause geschickt werden", so der Betriebsrat.

    Fortschritt macht Arbeit

    In der Diskussion um Planstellen gibt es zudem einen Faktor, der bislang völlig untergegangen ist: der medizinische Fortschritt. "Die Entwicklung ist rasant. Ständig werden neue Studien zu den unterschiedlichsten Behandlungsformen publiziert, die von den Ärzten gelesen werden sollten" , sagt Gesundheitsökonom Pichlbauer. Pro Jahr sind es etwa drei Millionen medizinische Artikel, die in Fachjournalen veröffentlicht werden. "Auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben, ist völlig unmöglich und führt zu einem permanenten Gefühl der Überforderung", ist der Experte überzeugt.

    Doch nicht nur das Wissen wächst ständig, auch die medizinische Versorgung hat einen immensen Sprung nach vorn gemacht. "Dadurch ist der Behandlungsaufwand gestiegen, der zusätzliches Personal erfordern würde" , weiß Pitterka aus Erfahrung. Dass sich die finanzielle und personelle Lage der Spitäler in Zukunft entspannt, hält Lukas Kirchmair für unwahrscheinlich: Effektivität und Produktivität im Krankenhaus werden durch die neue Arbeitszeitregelung weiter in den Vordergrund rücken, prognostiziert er. "Man darf nicht vergessen, dass die 48 Stunden zu einer Kostensteigerung im Gesundheitssystem geführt haben."

    Versagen der Politik

    Hier sei die Politik gefordert, sagen die Experten. So seien etwa die Mehrkosten, die mit der Arbeitszeitreform einhergehen, absehbar gewesen. Aber, so die Kritik vieler Insider, es fehle den Entscheidungsträgern oftmals an Einblicken und wichtiger Sachkenntnis. Und in der Folge am nötigen Mut, Entscheidungen zu fällen. Vielerorts, so die Kritik hinter vorgehaltener Hand, herrsche zudem Inseldenken vor, das echte Verbesserungen im Gesundheitssystem und zukunftsorientiertes Handeln schwierig mache.

    Kirchmair verweist auf Dänemark, wo das "Gesundheitssystem vor Jahren am Boden war" und von Grund auf neu aufgestellt wurde. "Aber hier in Österreich werden Reformen nur schleppend umgesetzt, weil es aufgrund der involvierten Berufsgruppen zahlreiche Interessen zu vertreten gilt." Er spielt auf die neun unterschiedlichen Krankenanstaltsgesetze und die unterschiedliche Refundierung von Leistungen an.

    Zudem erachtet er den "unfairen Wettbewerb mit privaten Gesundheitsdienstleistern" als ein Problem des österreichischen Systems. Denn diese Dienstleister würden sich nur die lukrativen Patienten raussuchen, "die in der medizinischen Behandlung unkompliziert sind, aber gute Erlöse bringen und schnell gehen". Diesem "Verwässern der Patientenströme" müsse sich die Politik annehmen. (Steffen Arora, Günther Brandstetter, 29.5.2018)

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      Gesundheitssysteme sollen kranke Menschen unterstützen. Ein Problem ist, wenn dafür die Ressourcen fehlen – am Landeskrankenhaus Salzburg zum Beispiel.

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