"Patrick Melrose": Über den Durst trinken

    29. Mai 2018, 07:00
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    Die Nachricht vom Tod des Vaters löst bei Patrick Melrose tiefe Zufriedenheit aus. Oder beginnen gerade die Drogen zu wirken? Benedict Cumberbatch lässt in der fünfteiligen Serie nichts aus – ab Dienstag auf Sky

    Nüchtern betrachtet schlägt die Nachricht vom Tod seines Vaters bei Patrick Melrose nicht sehr ein. Das hat zum einen damit zu tun, dass Patrick Melrose so gut wie nie nüchtern ist und er sich, als der Anruf mit den schlechten Nachrichten kommt, gerade eine Spritze mit aller Wahrscheinlichkeit nach bewusstseinserweiternden Substanzen gesetzt hat und im seligen Halbdelirium schwebt. Zum anderen fällt das Traurigsein auch deshalb schwer, weil das Verhältnis zum Erzieher nicht unbedingt das beste war.

    Aus dieser Kombination lässt sich somit die erste Reaktion des Hinterbliebenen schlüssig erklären: So zugedröhnt kann man gar nicht sein, als dass eine solche Botschaft nicht ein sehr breites, erleichtertes Grinsen ins Gesicht des Sohnes zauberte, der von jetzt an glaubt, eine Sorge weniger zu haben. "Der Bastard ist tot", sagt Patrick zu Debbie (Morfydd Clark). Die umarmt ihn herzlich und fest. "Lass uns feiern", sagt er – und meint es ernst.

    Heroin hilft nicht, aber wirkt

    Bis hierher könnte man vermuten, dass nun ein tiefgründiges Erzählwerk ansetzen würde, das von der Drogenkarriere eines unglücklichen Mannes kündet und an dessen Ende vielleicht sogar der mahnende Hinweis wartet, dass Heroin garantiert nicht hilft und schon gar nicht beim Problemelösen.

    Bestimmt ist das so, aber ganz leicht macht es dieser Serienheld den Zuschauern nicht. Wenigstens so lange die Wirkung des Heroins anhält.

    In fünf Folgen erzählt Patrick Melrose die zum Teil autobiografischen Geschichten des britischen Journalisten und Schriftstellers Edward St Aubyn. Die fünf Bücher waren ein Teil von dessen Selbsttherapie.

    showtime

    St Aubyn verarbeitete Kindheitserlebnisse mit therapeutischem Schreiben: "Obsessiv, kontrollierend, hyperisoliert, leicht narzisstisch, immer in höchster Aufregung, um etwas zu Papier zu bringen – und eigentlich mit dem Anspruch, dass nicht der kleinste Passus im Buch geändert werden soll", brachte er seine Erinnerungen zu Papier.

    St Aubyn wuchs als Sohn einer der ältesten englischen Adelsfamilien auf. Als Kind wurde er von seinem Vater sexuell missbraucht. Der Vater hatte dem Buben gedroht, er würde ihn töten, wenn dieser jemals über das Erlebte erzählen oder darüber schreiben würde. St Aubyns Leben war gekennzeichnet von Drogen, Verzweiflung und Suizidgedanken. Er war 25, als der Vater starb. "Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergegangen wäre ohne seinen Tod, denn es war kein gesundes Leben, das ich damals führte", sagte der 58-Jährige in einem Interview.

    Wie ein rasender Rauschhaxn übersetzt Benedict Cumberbatch (Avengers: Infinity War, Sherlock) die Vorlage als Legende vom heiligen Junkie, bei dem zwischen Lachen und Weinkrampf nur ein Wimpernschlag und nicht mehr liegt.

    Jede Episode der von Showtime und Sky coproduzierten Dramaserie basiert auf einem der fünf Romane. David Nicholls (Am grünen Rand der Welt, Zwei an einem Tag) adaptierte die Serie. Unterstützt wurde er vom Regisseur Edward Berger (Deutschland 83, Jack).

    Eine Flasche Whiskey

    Die Tücke der Sucht ist, dass es immer mehr zur Erlösung braucht. Über so banale Weisheit ist Patrick längst hinweg. Ihn plagen ganz praktische Sorgen: Wie übersteht man einen Langstreckenflug von London nach New York ohne Heroinnachschub? Die Frage bleibt offen, bringt ihn zeitlich an seine Grenzen und ziemlich ins Schwitzen. Geld spielt ja Gott sei Dank keine Rolle, solange der Hotelservice tippitoppi arbeitet und eine Flasche Whiskey schnell im Zimmer ist. 34. Stockwerk, allerdings. Ganz schön lang.

    foto: showtime/sky uk ltd/justin downing
    Nach einer Whiskeydusche fühlt sich Patrick Melrose (Benedict Cumberbatch) gleich wieder frischer.

    In der Hotellobby kommt es denn auch zu mehreren skurrilen Situationen, bei denen unverkennbar an Wes Andersons schnurgeradem Ausstattungskino Anleihen genommen wurden. Die Menschen in diesem Hotel erleben diesen Bewohner zumeist hackedicht. Der Witz daraus ergibt sich nebenbei aus der Tatsache, dass offenbar keiner wirklich checkt, was mit dem guten Patrick los ist. Als nach einer dieser Selbstauflösungsexzesse ein Auge fehlt, ist das Nirgendwo eine besondere Erwähnung wert. Zwischen London und New York ist man gerade mit anderem beschäftigt.

    Aber auch das ist egal, denn was hilft gegen zu viele Drogen? Richtig, mehr Drogen. Eine Nase voll weißen Pulvers, ein Spritzer Wasser für den Teint, und es geht schon wieder.

    Selbstzerstörerische Methode

    Der Wahnsinn hat Methode, Cumberbatch arbeitet sich wie in einer One-Man-Show am Bild des Selbstzerstörers ab, der so und nicht anders handeln kann, um den körperlichen Schmerz nicht im seelischen zu spüren, was ins Auge gehen kann, buchstäblich. Den klaren Blick hat Patrick Melrose hier längst verloren, man wirft es ihm nicht vor, und es tut auch gar nicht weh. Er ist schließlich nicht der Einzige, der leidet.

    Nahtlos reihen sich die Grenzgänge des dauerbetäubten Sprosses aneinander. Langweilig werden sie nicht so schnell. Schließlich sind die Abgründe tief und New Yorks Gassen sehr dunkel, und am Ende ist man um eine Erkenntnis reicher, nämlich dass Erinnerung ganz oft vor allem eines ist: zum Speiben. Und das macht Patrick Melrose dann auch. Die fünf Episoden der ersten Staffel sind ab Dienstag um 20.15 Uhr auf Sky zu sehen. (Doris Priesching, 29.5.2018)

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