Die 23 Monate der Demokratischen Republik Aserbaidschan

6. Juni 2018, 08:09
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Der junge Staat gab sich vor hundert Jahren ein modernes politisches System. Doch er wurde zwischen den Interessen der Großmächte zerrieben

In einem Spannungsfeld von osmanischen, russischen, deutschen und britischen Interessen war dem jungen Staat keine lange Unabhängigkeit beschieden. Dennoch verfügte die Demokratische Republik Aserbaidschan für die kurze Phase ihrer Existenz über eines der modernsten politischen Systeme ihrer Zeit.

Die Pläne der Staatsgründer waren für ihre Zeit revolutionär: Die junge aserbaidschanische Republik sollte nicht nur demokratisch und säkular geführt werden, die Demokratie sollte auch für alle gleichermaßen gelten. Folgerichtig erhielten auch die Frauen das Wahlrecht – damit gab sich Aserbaidschan nicht nur eine Vorreiterrolle unter den muslimischen Ländern, sondern gehörte auch weltweit zu den allerersten Staaten mit einem derart modernen politischen System. Nur die kurzlebige, ebenfalls mehrheitlich muslimische Volksrepublik Krim verfügte wenige Monate zuvor auch über eine demokratische Verfassung.

Machtkarussell

Im Zuge des Untergangs der großen Reiche in Mittel- und Osteuropa am Ende des Ersten Weltkrieges entstand eine Vielzahl von neuen Staaten. Den meisten davon war kein langer Bestand beschieden. Rund um das zerfallene russische Zarenreich entstanden unter anderem Weißrussland, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, die Volksrepublik Buchara, Chiwa, die Ukraine, und in der Kaukasusregion die Transkaukasische Demokratisch-Föderative Republik, die Südwest-Kaukasische Republik, die Kommune von Baku, die Zentralkaspische Diktatur und die Demokratischen Republiken Georgien, Armenien und Aserbaidschan.

Nach der Februarrevolution im russischen Reich strebten die Aserbaidschaner eine Abspaltung vom zentralistischen Vielvölkerstaat an. Die Revolutionswirren sorgten jedoch insbesondere im Kaukasusgebiet für chaotische Bedingungen: In kurzer Abfolge lösten einander verschiedene Organisationsformen um Machteinflüsse ab.

Oktoberrevolution

Zunächst setzte die provisorische Regierung in Moskau ein "Besonderes transkaukasisches Komitee" im Südkaukasus ein, das sich an den Räten der Menschewiki orientierte. Durch die folgende Oktoberrevolution der Bolschewiki und innere ethnische Konflikte geriet das Komitee unter Druck. Bedingt durch den systematischen Völkermord der Osmanen an den Armeniern waren hunderttausende Armenier in das Südkaukasusgebiet geflüchtet, was dort für zusätzliche Spannungen sorgte. Im Herbst 1917 ermordeten armenische Kämpfer in Karabach mehr als 7.000 Aserbaidschaner und zerstörten mehr als hundert Siedlungen. Armenische Bolschewiki unter der Führung von Stepan Schahumjan setzten sich ab Ende Oktober 1917 in Baku fest und konstituierten einen regionalen Sowjet.

Die antibolschewistischen armenischen, aserbaidschanischen und georgischen Politiker gründeten daher im November 1917 eine einheitliche Regierung in Tiflis und im Februar 1918 ein Parlament, den transkaukasischen Sejm.

Osmanische Offensive

Im Vertrag von Brest-Litowsk vom 3. März 1918, mit dem Russland aus dem Ersten Weltkrieg ausstieg, wurden dem Osmanischen Reich die armenischen und georgischen Gebiete um Ardahan, Kars und Batumi zugesprochen. Der Sejm in Tiflis war nicht bereit, diese Regionen abzutreten, und entschied sich, die Unabhängigkeit zu erklären. Am 22. April 1918 wurde daher die Transkaukasische Demokratisch-Föderative Republik ausgerufen. Die Armee der Osmanen stieß in das militärische Vakuum vor, das die Russen hinterlassen hatten. Die Transkaukasier hatten nichts entgegenzusetzen, da sie völlig uneinig und unkoordiniert agierten. In einer Friedenskonferenz in Batumi erweiterte das Osmanische Reich seine Gebietsansprüche noch erheblich.

Georgien trat daher am 26. Mai 1918 aus der Transkaukasischen Demokratisch-Föderativen Republik aus und erklärte sich für unabhängig. Armenien und Aserbaidschan folgten mit ihren eigenen Unabhängigkeitserklärungen zwei Tage später. Die neue Demokratische Republik Georgien rief umgehend das im Weltkrieg mit den Osmanen verbündete Deutsche Reich zu Hilfe und schloss am 28. Mai den Vertrag von Poti mit den Deutschen. Diese ließen sich für ihre Unterstützung den Zugriff auf Bodenschätze und Erdöl garantieren. Die aserbaidschanische Regierung, die wegen der Bolschewistenherrschaft in Baku vorerst in Ganca residierte, verbündete sich hingegen mit den Osmanen.

Massaker an Aserbaidschanern

Erster Premierminister der Demokratischen Republik Aserbaidschan wurde Fatali Chan Choiski von der nationalistischen Müsavat Partiyası, der Gleichheitspartei. Diese gewann bei den ersten Wahlen 38 von 125 Mandaten im Parlament. Choiski stützte sich auf eine Koalitionsregierung aus mehreren Parteien. Alle fünf Regierungen der kurzlebigen Republik wurden von Müsavat angeführt.

In Baku verübten von 30. März bis 3. April 1918 Schahumjans Bolschewiki und armenische Nationalisten, die Daschnaken, ein Massaker an der muslimischen aserbaidschanischen Bevölkerung. Dabei kamen rund 12.000 Menschen ums Leben, in den folgenden Tagen wurden auch in anderen Gebieten tausende Aserbaidschaner ermordet. Noch im April gründete Schahumjan mit anderen linken Gruppen die Kommune von Baku, die Bolschewiken erhielten jedoch aus Moskau keine ausreichende militärische Unterstützung. Die vorrückende Armee der Osmanen von Westen und ein britisches Expeditionsheer von Süden brachten Ende Juli 1918 das Aus für die Kommune: Der Sowjet von Baku stimmte darüber ab, die Briten als Schutzmacht zu akzeptieren. Die Bolschewiken wurden überstimmt und traten zurück.

Wettlauf um Öl

Das vom britischen General Lionel Charles Dunsterville befehligte Expeditionsheer aus tausend freiwilligen Briten, Australiern, Kanadiern und Neuseeländern war quer durch Persien marschiert. Ziel der "Dunsterforce" war es, den Zugriff der Deutschen und Osmanen auf die Ölfelder am Kaspischen Meer zu verhindern.

Auf die Kommune von Baku folgte daher die "Zentralkaspische Diktatur". Dunsterville ließ die 26 bolschewistischen Kommissare verhaften, die zuvor versucht hatten, mit dem Schiff nach Astrachan zu flüchten. Doch auch der Zentralkaspischen Diktatur war nur eine kurze Existenz beschieden. Ab 26. August starteten die Osmanen ihre Offensive auf Baku und bombardierten die Stadt mit der Artillerie. Die britischen Truppen erlitten Verluste, Dunsterville entschied jedoch, die Verteidigung der Stadt zunächst noch aufrecht zu halten. In der belagerten Stadt kam es zu Morden an Muslimen durch armenische Soldaten. Am 12. September notierte Dunsterville in sein Tagebuch: "Diese bösen Armenier hören nie mit ihren Grausamkeiten gegen die Mohammedaner auf. Letzte Nacht überfielen sie ein tatarisches Haus."

Armenierpogrom

Schon am 14. September musste die Dunsterforce angesichts der Übermacht der "Islamischen Armee" Enver Paschas Baku räumen und setzte sich per Schiff nach Bandar Anzali in Persien ab. Die armenische Bevölkerung konnte zum Teil ebenfalls fliehen, ein Großteil blieb jedoch in der Stadt zurück. Der osmanische Kriegsminister Ismail Enver Pascha war schon einer der Hauptverantwortlichen für den Genozid an den Armeniern ab 1915, und der Einmarsch seiner Armee des Islam und der aserbaidschanischen Truppen führte zu einem Massaker in Baku. Die Opferzahl des Pogroms am 15. September wird je nach Quellen mit 9.000 bis 50.000 Toten angegeben.

Knapp zwei Jahre später wurde Fatali Chan Choiski, der von der Armenischen Revolutionären Föderation für den Armeniergenozid verantwortlich gemacht wurde, in Tiflis in der "Operation Nemesis" als Rache ermordet.

Weiße gegen Rote

Trotz des militärischen Erfolges im Kaukasus war der Krieg für das Osmanische Reich längst verloren. In Folge des Waffenstillstand von Moudros vom 30. Oktober 1918 mussten unter anderem alle Gebiete abgetreten werden, die vor dem Krieg den Russen gehört hatten. Auf die osmanischen Truppen in Baku folgten jene der Alliierten, der britische General William Montgomery Thomson wurden Militärgouverneur. Die Briten blieben bis August 1919, und die Republik hätte – trotz eines Konfliktes mit Armenien um die Region Bergkarabach – die Bedingungen für eine einigermaßen stabile Entwicklung gehabt.

Doch der russische Bürgerkrieg zwischen der Weißen Armee und den Bolschewiki ließ auch die Nachbarn nicht unbehelligt. Aserbaidschan schloss mit Georgien ein Bündnis gegen die Truppen des Generals der Weißen Anton Denikin, dessen Offensive auch die Grenzen der beiden Staaten bedrohte. Denikin verbündete sich mit Armenien, was die Probleme zwischen Baku und Eriwan noch verschärfte. Denikins Truppen wurden jedoch im Winter 1919/1920 von der Roten Armee geschlagen. Damit war der Weg zum Südkaukasus für die Sowjets frei. Am 25. April 1920 marschierte die 11. Rote Armee in Aserbaidschan ein und erzwang die Auflösung des Parlaments. Am 28. April 1920 endete die Demokratische Republik Aserbaidschan – nur 23 Monate nach ihrer Gründung. Die am selben Tag ausgerufene Aserbaidschanische Sozialistische Sowjetrepublik bestand bis zum Ende der Sowjetunion im Jahr 1991.

Symbolische Anknüpfung

Die heutige aserbaidschanische Republik versucht, an die ursprüngliche Demokratische Republik anzuknüpfen – zumindest was die Symboliken betrifft. So entsprechen staatliche Insignien wie Flagge und Hymne im Wesentlichen jenen von 1918.

Anlässlich des Jahrestages wurden auch mehr als sechshundert Häftlinge per Dekret des Staatspräsidenten Ilham Aliyev begnadigt, darunter auch rund ein Dutzend politischer Gefangener. Von diesen gibt es reichlich im Land, die Führung Aserbaidschans geht repressiv gegen Journalisten und Oppositionelle vor.

Die Gleichheitspartei Müsavat Partiyası existiert noch heute: Sie überlebte die Sowjetunion als Exilpartei und wurde im Zuge der neuerlichen Unabhängigkeit Aserbaidschans neu gegründet. Heute spielt die Oppositionspartei aber keine entscheidende Rolle mehr in der Landespolitik. (Michael Vosatka, 5.6.2018)

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    foto: imago/ karimov

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