Filmdrama "In den Gängen": Träume aus dem Schutzraum

    Video25. Mai 2018, 18:41
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    In dem deutschen Filmdrama "In den Gängen" knüpfen Franz Rogowski und Sandra Hüller im Großmarkt ein zartes Band der Liebe. Ein außergewöhnliches Kammerspiel

    Wien – "Tierfutter gehört seltsamerweise zum Waschmittel. Die haben aber nur einen ganz kleinen Stapler. Hat nicht mal Servolenkung. In Sibirien – Tiefkühl – gibt’s gar keinen. Passt nicht rein." Die Einschulung im Großmarkt, in dem der schweigsame Christian (Franz Rogowski) seinen ersten Arbeitstag antritt, fällt so nüchtern aus, wie sein zukünftiger Arbeitsplatz aussieht.

    foto: polyfilm
    Wenn der Tag aus wenigen Minuten besteht: "Frischling" (Franz Rogowski) und "Miss Süßwaren" (Sandra Hüller) machen Pause von der Wirklichkeit.

    Doch Bruno (Peter Kurth), der sich bald als väterlicher Freund erweist, meint es gut mit dem Neuen. Und so kalt wie in Sibirien ist das Klima gar nicht. Im Gegenteil spürt man eine menschliche Wärme, die dem monotonen Alltag zwischen den Gängen trotzt. Selbst wenn sie nur als kleine Flamme überreicht wird – so wie die Kerze auf einem Kuchenriegel, den Christian später seiner netten Kollegin Marion (Sandra Hüller) zum Geburtstag schenken wird.

    Jedes Ding hat seinen Platz, vor allem in den Regalen, die Christian in der Getränkeabteilung jede Nacht, wenn die letzten Kunden den Markt am Rande Leipzigs verlassen haben, wieder auffüllen muss. Und jeder Mensch braucht einen. Christian ist auf der Suche nach einem neuen in der Gesellschaft. Bis zum Ende dieses Films wird man nicht viel über seine Vergangenheit erfahren, nur einmal besucht sie ihn zufällig in Gestalt zweier suspekter Gestalten, die sich im Markt mit Schnaps ein decken und ihm sein früheres Leben wieder schmackhaft machen wollen.

    In den Gängen, basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clemens Meyer, funktioniert wie ein Kammerspiel in einem scheinbar unendlich großen Raum, in dem nur gerade Linien die Richtung vorgeben. Doch die Routine, die hier alles und jeden bestimmt, inszeniert Regisseur Thomas Stuber als vielleicht letzte Möglichkeit, einen Schutzraum aufrechtzuerhalten.

    kinocheck

    Wenn Christian nach der Schicht allein in seiner Wohnung sitzt, hört man Rogowskis Erzählstimme, eine Brücke zur literarischen Vorlage, aus dem Off: "Draußen war alles anders. Als wenn wir in einen tiefen Schlaf gefallen sind und am nächsten Tag nach Hause zurückkommen." In ein Zuhause zwischen Getränkekisten, vor dem Kaffeeautomaten und Mülleimern, in denen die abgelaufene, aber noch genießbare Ware entsorgt wird.

    Die zart angedeutete Liebesgeschichte zwischen dem "Frischling", wie sie ihn nennt, und "Miss Süßwaren" erweist sich dabei als so fragil, wie sich die Biografien der Charaktere als brüchig herausstellen. In den Gängen legt somit auch Zeugnis davon ab, dass im Osten Deutschlands, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, die Wunden eben nicht vernarbt sind. Davon was geschieht, wenn die Menschen sich selbst überlassen werden und in einer auf maximale Effizienz ausgerichteten Arbeitswelt deshalb Zuflucht nehmen, weil sie die einzige ist, die man ihnen gelassen hat.

    Bei der ersten Begegnung zwischen Christian und Marion im Pausenraum vor der Südseefototapete ist Meeresrauschen zu vernehmen. In Wahrheit kann man das Rauschen auch in den Gängen hören, doch das erfährt man erst am Ende. (Michael Pekler, 25.5.2018)

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