Christian Goller: Plagerei mit einem Meisterfälscher

    27. Mai 2018, 11:00
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    Das Geheimnis seines Fälscheroeuvres nahm er mit in sein Grab. Mit seinen "Imitationen" werden sich der Kunsthandel und Sammler noch jahrelang plagen müssen

    Täuschend echte Nachahmungen und Fälschungen mögen kein Phänomen jüngeren Datums, sondern eine tief in der Kunst- und Kulturgeschichte verankerte Begleiterscheinung sein. Das ändert allerdings nichts am Problem, das dort beginnt, wo ein wirtschaftlicher Schaden entsteht. Betroffen davon sind hauptsächlich Privatsammler, sehr viel seltener Institutionen.

    foto: repro (f. winkler, 1948), bassenge (berlin), germanisches nationalmuseum (o. mack) / standard grafik
    Am 31. Mai gelangt bei Bassenge (Berlin) ein Anfang des 16. Jahrhundert datiertes Porträtgemälde (m.) zur Versteigerung. Als Vorbild diente eine Zeichnung im Bestand des Stadtmuseums Danzig (l.), die 1948 von Friedrich Winkler ("Augsburger Malerbildnisse der Dürerzeit") publiziert wurde. Damit lässt sich der porträtierte Maler als Jörg Badelskircher aus Kaufbeuren identifizieren. 2012 wurde das Gemälde in Nürnberg eingehender Untersuchungen unterzogen, u.a. einer Infrarotreflektografie (r.), über die Unterzeichnungen sichtbar wurden.

    Christian Goller bediente über Jahrzehnte beide Gruppen. Sein Fall ist in vielerlei Hinsicht beispielhaft, weil er Schwachstellen und Schlupflöcher offenbart, denen weder Experten noch Ermittler oder die Justiz beizukommen imstande sind. Ein Armutszeugnis für das System und kein Kavaliersdelikt, das es zu beklatschen gilt.

    Erster Ritterschlag

    Während seiner Ausbildung zum Tiefdruckretuscheur versuchte er sich an Ikonen, wechselte 19-jährig zu altdeutscher Malerei und besuchte Mitte der 1960er-Jahre ein paar Kurse für angehende Restauratoren. Dort habe er sich, wie Weggefährten später berichten sollten, besonders für die Herstellung von Pigmenten nach alten Rezepten interessiert.

    Knapp zehn Jahre später folgte der ultimative Ritterschlag: Sein in der Manier des im 16. Jahrhundert tätigen Matthias Grünewald gemaltes Bildnis der Märtyrerin Katharina von Alexandrien war im Cleveland Museum of Art in Ohio gelandet. Eine knappe Million Dollar hatte das Museum dem aus Wien gebürtigen Frederik Mont für das vermeintlich echte Grünewald-Werk bezahlt.

    Fritz Mondschein, wie er bis zu seiner Emigration in die USA 1939 hieß, war einst bei Galerie St. Lucas in Wien tätig und im europäischen Altmeisterhandel gut vernetzt. In Deutschland etwa mit der Galerie Scheidwimmer aus München, die das Bild 1973 für mehr als 50.000 Mark aus Privatbesitz erworben hatte.

    Er sei Imitator, kein Fälscher

    Der Verkäufer habe von altem elsässischem Familienbesitz schwadroniert, erzählte der Galerist, als das Bild 1977 als Fälschung aufflog. Ermittlungen führten zu Goller, dem Kirchenmaler und Restaurator aus Niederbayern. Eine Fälschungsabsicht bestritt der vehement, er sei nur ein Imitator.

    Mehr als 100 solcher Werke habe er schon gemalt, dieses für die bescheidene Summe von 4500 Mark verkauft. Was Dritte damit machen würden, könne man ihm nicht anlasten. Eine Betrugsabsicht war nicht nachweisbar. Die Ermittlungen wurden schließlich eingestellt.

    Fortan führte Goller eine Karriere im Verborgenen. Wie viele Bilder in den nachfolgenden Jahrzehnten entstanden, die über Mittelsmänner in den Markt eingeschleust wurden, ist unbekannt. Inkognito schmücken sie private Wohnzimmer und lauern vorerst unerkannt in Warenlagern.

    Cranach im Akkord

    "Akkordarbeit für Stücklohn" nannte er es und malte, wie er in einem Interview erklärte, was andere bestellt haben sollen. Bei Dürer ("zu viele Lasuren") wie Holbein ("die Gewänder, eine Wahnsinnsarbeit!") monierte er den Aufwand. Dagegen schätzte er eine "leicht verständliche Bildsprache", beispielsweise jene eines Cranach, für den er höchstens acht Tage benötigen würde.

    Eine Vorliebe, die ihm 2014 zum Verhängnis wurde. Allerdings nur kurzfristig. Nach der Anzeige des Heidelberger Kunsthistorikers Michael Hofbauer war er ins Visier des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) gekommen.

    foto: www.cranach.net
    2008 ersteigerte Cranach-Spezialist Michael Hofbauer bei Nagel (Stuttgart) ein als "Lucas Cranach der Ältere (Schule)" bezeichnetes Knabenbildnis (m.). Bald stellte sich heraus, dass es sich um eine Fälschung handeln dürfte. Im Zuge der Ermittlungen des Bayerischen Landeskriminalamtes gegen Christian Goller fand sich der zweifelsfreie Beleg dafür. Als Vorlage diente Goller eine Zeichnung aus dem Bestand des Louvre (Paris). Die Infrarotreflektografie offenbart sowohl ein gleichartiges Krakelee-Bild als auch stilistische Ähnlichkeiten (u.a. Augen, Wimpern, Nase).

    Hofbauers Spezialgebiet sind Werke der Malerdynastie Cranach. 2008 hatte er beim Auktionshaus Nagel (Stuttgart) ein angeblich aus deren Werkstatt stammendes Knabenbild ersteigert, das sich, wie das LKA aktuell dem STANDARD bestätigte, 2014 zweifelsfrei als Werk Gollers entpuppte. Konkret über Unterlagen, die im Zuge einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt worden waren.

    Nicht verhandlungsfähig

    Nach knapp 1,5 Jahren Ermittlungen kündigte die Staatsanwaltschaft Passau 2016 eine Anklage wegen gewerbsmäßigen Betruges gegen Christian Goller und vier Mittäter an. Am Ende ging es nur noch um sechs von anfänglich 60 Bildern, der Rest war entweder verjährt oder ließ sich nicht zweifelsfrei nachweisen.

    Im Mai 2017 entschied das Amtsgericht Passau, dass Goller krankheitsbedingt auf Dauer verhandlungsunfähig sei. Am 13. November 2017 verstarb er 74-jährig und nahm das Geheimnis zu Umfang und konkreter Beschaffenheit seines OEuvres mit ins Grab.

    Mit seinen Werken wird indes munter weitergehandelt, ist Michael Hofbauer überzeugt. Zwangsläufig hat er sich im Laufe der Jahre auch zum Goller-Experten entwickelt und konnte eine Vielzahl von Arbeiten identifizieren.

    Zeichnung als Vorlage

    Bei Bassenge (Berlin) soll am 31. Mai ein auf 30.000 Euro geschätztes und in das 16. Jahrhundert datiertes Bild versteigert werden. Laut Katalogangaben handle es sich um ein "der Forschung noch unbekanntes Gemälde" und "außerordentliches Beispiel früher deutscher Porträtkünste".

    Als Vorbild diente nachweislich eine Zeichnung im Bestand des Stadtmuseums Danzig, die den Maler Jörg Badelskircher aus Kaufbeuren zeigt und als Teil einer Serie 1948 (Friedrich Winkler, "Augsburger Malerbildnisse der Dürerzeit") publiziert wurde.

    Wer das Gemälde schuf? "Die Frage der Autorschaft", merkt das Auktionshaus an, müsse "einstweilen noch offen bleiben". Für Hofbauer ist die Frage schnell geklärt, zweifelsfrei ein Werk Gollers, wie er auf Anfrage mitteilt. Dazu führt er nicht nur stilistische, sondern vor allem auch technische Kriterien ins Treffen.

    Bassenge verweist auf Untersuchungen des Restaurators des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg 2012. Demnach seien eindeutig alte Pigmente verwendet worden. Solche sind allerdings bis heute im Handel erhältlich, auch das legendäre, jedoch gegenwärtig kaum gebräuchliche Bleiweiß übrigens.

    Künstliches Krakelee

    Handgerieben und nicht maschinell gemahlen? Kein Problem, Fälscher kennen solche Fallstricke bestens. Auch wenn es um künstliche Alterung und für alte Bilder typische Risse in der Farbschicht (Krakelee) geht.

    foto: details, germanisches nationalmuseum (o. mack) / standard grafik
    Details der digitalen Infrarotreflektografie, die auch die bei älteren Gemälden typischen feinen Risse der Farbschicht verdeutlichen. Laut Katalog handelt es sich um ein "Öl auf Holz" gemaltes Werk. Das Krakelee müsste demnach der auf der Rückseite der Holztafel (seitenverkehrt) erkennbaren Maserung entsprechen, weicht jedoch davon ab: sieht man von den unzähligen vertikalen Rissen ab, folgen sie nicht den Astaugen der Kieferholztafel, wie an der Kappe rechts erkennbar ist. Tatsächlich muss das Bild ursprünglich auf einem textilen Malgrund entstanden und auf die Tafel kaschiert worden sein.

    Darin war Goller ein Spezialist, betont Hofbauer, aber nicht frei von Fehlern. Das belegt ein Blick auf die zugehörige Infrarotreflektografie, die sowohl die Unterzeichnung als auch das Krakelee-Netz deutlich zeigt. Diese Risse müssten im Normalfall der auf der Rückseite der Holztafel erkennbaren Maserung folgen. Warum sie das nicht tun, vor allem nicht bei den Astaugen der Kiefertafel, kann man sich bei Bassenge spontan auch nicht erklären.

    Vielleicht weil das Bild ursprünglich auf einem textilen Malgrund entstand und aufkaschiert wurde? Möglich. Typisch Goller, meint Hofbauer, da er nur so das Krakelee herstellen konnte.

    Um Klärung bemüht

    Damit würde sich gewissermaßen das ebenfalls vorliegende dendrochronologische Gutachten zur Altersbestimmung der Holztafel erübrigen. Denn die Fusion kann genau genommen irgendwann stattgefunden haben.

    Kiefer ist ein Weichholz, das auch im 16. Jahrhundert von Tischlern verarbeitet wurde, beispielsweise als Rückenwand für Kommoden oder Schränke und als Fußboden. Der Altholzhandel floriert bis heute.

    Naturwissenschaftliche Analysen scheinen die Frage der Datierung und damit auch der Echtheit in diesem Fall nicht eindeutig klären zu können. Stilistisch bestehen Ähnlichkeiten zu jenem Knabenbildnis, das Hofbauer einst auf die Spur von Goller führte. Bassenge ist um eine Klärung bemüht. Im Zweifelsfall werde das Bild zurückgezogen. Bei Redaktionsschluss stand die Entscheidung noch aus. (Olga Kronsteiner, 27.5.2018)

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