Gewalt in der Schule: Von der Politik im Stich gelassen

Kommentar24. Mai 2018, 19:06
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Viele Kinder schleppen heute einen Rucksack an Problemen mit – doch es fehlt an Begleitlehrern, Psychologen und Sozialarbeitern

Die Gewalt an den Schulen ufert aus. Zumindest in der Welt, wie sie Kronen Zeitung und Österreich darstellen. Von einem Anstieg einschlägiger Delikte im Ausmaß von bis zu 1200 Prozent berichtet der Boulevard. Doch dahinter steckt blanke Fehlinformation, wenn nicht bewusste Stimmungsmache: Im Jahr 2014, Basis der Berechnung, wurden die Gewalttaten an Bildungsinstitutionen noch nicht vollständig erfasst. Von lückenhaften Daten aus lässt sich rasch eine Explosion ableiten.

Tatsächlich fällt das Plus, das die Anzeigenstatistik ausweist, deutlich moderater aus. In Wien etwa nahmen die Fälle von Körperverletzung von 2015 bis 2017 um knapp sieben Prozent zu – und auch diese Zahlen haben begrenzte Aussagekraft. Eine Meldung bei der Polizei sagt nichts darüber aus, ob dahinter tatsächlich eine ernst zunehmende Tat steckt. Genauso gut kann ein Anstieg damit zu erklären sein, dass Eltern und Lehrer angesichts der aufgeheizten Debatte über Flüchtlinge und Kriminalität heute genauer hinschauen – oder auch jeden Schubser zur Schlägerei aufbauschen.

Letztlich ist die Zahlentüftelei aber zweitrangig. Denn, dass es ein Problem gibt, lässt sich nicht bestreiten: Davon zeugen allein die Erfahrungen von Lehrerinnen und Lehrern.

Rucksack an Problemen

Wer sich in (Haupt-)Schulen umhört, bekommt Beunruhigendes berichtet. Viele Kinder schleppten heute einen Rucksack an Problemen mit, erzählen Pädagogen, das reiche von Anzeichen der Verwahrlosung bis zu psychischen Auffälligkeiten. Aggressionsschübe, Gewaltneigung und zunehmende Enthemmung seien Teil des Spektrums: So manchem Schüler fehle die soziale Kompetenz, Konflikte anders als mit der Faust zu lösen. In ersten Klassen sei über Monate gruppendynamische Basisarbeit nötig, ehe überhaupt an echten Unterricht zu denken sei.

Da drängt sich natürlich eine Frage auf: Hat das etwas mit den vielen Ausländern zu tun? Probleme ballen sich per se in schlecht situierten Schichten, in denen Zuwanderer überrepräsentiert sind – doch das ist eine Frage des sozialen Status, nicht der Herkunft. Vor fünf Jahren kam eine an der Uni Wien erstellte Studie zu dem Schluss, dass Gewalt an Schulen selten ethnisch motiviert sei. Dem widersprechen allerdings jüngere Erfahrungswerte von Lehrern. Ein Wiener Direktor etwa betonte im STANDARD unlängst zwar, dass Gewalt keinesfalls alleinige Domäne von Migranten sei, nannte nationale Dünkel aber sehr wohl als eine Triebfeder: Oft verliefen die Fronten zwischen Tschetschenen und Afghanen, Türken und Syrern.

Ein anderes Phänomen: Eine kleine Anzahl von Flüchtlingen, die aus kriegszerrütteten Gesellschaften stammen, bringt offenbar brutale Angewohnheiten in die Klassen mit.

Die Schulen können diese Probleme natürlich nicht allein lösen. Die Maßnahmen müssen von Hilfe für überforderte Eltern bis zur gezielten Bekämpfung von Abschottungstendenzen in Migrantenvereinen reichen. Eines ließe sich in den Klassen aber jedenfalls verbessern. Seit vielen Jahren rufen Lehrer – ob links oder konservativ, ob rot oder schwarz – nach mehr Support von außen. Doch Sozialarbeiter, Beratungslehrer und Psychologen sind vielerorts nur sporadisch verfügbar.

Diverse Regierungen haben die Schulen im Stich gelassen – und die Zeichen stehen so, als ob die aktuelle Koalition, die Geld für ihr Prestigeprojekt separater Deutschklassen braucht, diese unselige Tradition fortsetzt. (Gerald John, 24.5.2018)

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Serie: Aus dem Klassenzimmer

  • Dass es ein Problem gibt, lässt sich nicht bestreiten: Davon zeugen allein die Erfahrungen von Lehrerinnen und Lehrern.
    foto: ap photo/markus schreiber

    Dass es ein Problem gibt, lässt sich nicht bestreiten: Davon zeugen allein die Erfahrungen von Lehrerinnen und Lehrern.

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