"Hussy.io": Aufregung um Portal, das Sexarbeit vermitteln will

    25. Mai 2018, 10:14
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    Start-up gewann österreichischen Wettbewerb trotz mangelhaften Whitepapers – Pioneers-Festival lud Firma offenbar aus – Kritik an Namen und Geschäftsmodell

    Man verspricht, "das älteste Gewerbe der Welt zu revolutionieren". Mit einer Onlineplattform will das vom TU-Wien-Studenten Peter Tulala gegründete und in Estland registrierte Start-up "Hussy.io" Sexarbeiter und ihre Kunden zusammenbringen. Die Arbeiter, mehrheitlich Damen, sollen Daten von Gesundheitschecks und Informationen über ihre Identität hochladen. Gesichert werden soll alles anonymisiert in einer Blockchain.

    Verdienen will man daran, dass die Sexarbeiter für Inserate und Reichweite zahlen, für Freier soll der Dienst kostenlos sein. Mitte 2019, so die aktuelle Roadmap, will man in Europa den Betrieb aufnehmen.

    Das System soll den Escorts und Prostituierten mehr Sicherheit bieten, Menschenhandel einschränken und dazu helfen, das Geschäft zu entkriminalisieren. Man warb aber auch damit, Betrug seitens der Sexarbeiter unterbinden zu wollen. Das Unternehmen gewann im April den "Startup Live Vienna"-Wettbewerb und kam dort erstmals zu größerer Bekanntschaft. Über den Erfolg entspann sich eine Kontroverse rund um Namen und Zielsetzung der Firma.

    Heftige Kritik nach Wettbewerbssieg

    Auch der Sieg bei dem Bewerb selbst wurde kritisiert. In der Präsentation wurden urheberrechtlich geschützte Bilder verwendet. Und im Whitepaper, das die Funktionsweise und die Technik hinter der Plattform skizziert, war "Lorem Ipsum"-Platzhaltertext zu finden. Das Unternehmen erhielt ein Investment in der Höhe von 10.000 Euro, eine Wildcard für das 4Gamechangers-Festival und wurde auch zum Pioneers-Festival in der Hofburg eingeladen.

    Doch schon der Name sorgte schnell für Kritik. Denn "Hussy" lässt sich umgangssprachlich als "leichtes Mädchen" oder "Flittchen" übersetzen, was nicht unbedingt Wertschätzung gegenüber der anvisierten Kundschaft ausdrückt. Zudem würde eine solche Plattform an den bestehenden Problemen in der Sexarbeitsbranche nichts ändern, sondern höchstens Abhängigkeiten verlagern. Statt Zuhältern oder Bordellbetreibern – so diese überhaupt ausklammerbar sind – würden letztlich die Hussy-Betreiber von den Escorts und Prostituierten profitieren.

    Lisa Weindorfer, Mitorganisatorin von Start-up Live und den dort involvierten Female Founders, verließ beide Organisationen unter anderem aus Protest gegen die Entscheidung der Jury. Der öffentliche Ausstieg sorgte dafür, dass die Diskussion auch außerhalb der Start-up-Welt Fuß fasste. Das Investmentangebot wurde zurückgezogen.

    Eine Lösung, nach der niemand verlangt hat

    Bei "Trending Topics" hat man bezüglich des Themas eine Escortdame, "Julia", und Christian Knappik von der Plattform "sexworker.at" befragt. Beide sehen für die Arbeiter im Sexgeschäft keinen Vorteil, aber zusätzliche Risiken. Für illegale Prostituierte, die immer noch fixer Bestanteil des Gewerbes sind, wäre Hussy von Haus aus keine Option. Sie können sich bereits jetzt kaum gegen Missbrauch und Betrug wehren. Schalten sie die Polizei ein, droht ihnen die Abschiebung. Damit ist die Übermittlung ihres Passes oder anderer persönlicher Informationen an eine Website ebenfalls tabu.

    Doch auch legale Sexarbeiter würden niemals persönliche Dokumente einem Freier zeigen. Viele meiden auch soziale Netzwerke und nutzen im Kontext ihres Broterwerbs mehrere Prepaid-Handys. Grund ist, dass es sich bei der Sexarbeit häufig um einen "Zweitjob" handelt, von dem Verwandte, Freunde oder mitunter auch Ehepartner nichts wissen sollten. Die Folgen einer "Enttarnung", privat und beruflich, sind potenziell gravierend.

    Übertriebene Versprechungen

    Dass Hussy nach eigener Angabe Frauen unabhängiger machen will und Freiern gesundheitliche Sicherheit verspricht, bezeichnet Julia als "absurdes Theater". Denn sie müssten ihre Einkünfte nun eben mit den Betreibern teilen. Und die amtlich vorgeschriebenen Untersuchungen, die einen sechswöchigen Rhythmus vorsehen, würden längst keinen vollständigen Schutz bedeuten.

    Zum einen könne in einem solchen Zeitraum eine Infektion nicht ausgeschlossen werden, und der Umfang der Untersuchungen sei recht beschränkt. Getestet wird demnach auf HIV, Aids und Tripper, nicht aber etwa auf HPV oder Hepatitis. Ein Problem, das auch eine Verwahrung der Daten bei einer Seite wie Hussy nicht ändern würde. Illegale Sexarbeiter wiederum haben aus genannten Gründen nicht einmal die Möglichkeit einer amtsärztlichen Bescheinigung. "Der beste Schutz für Frauen und ihre Kunden ist ein Kondom", hält Julia fest.

    Gesetzeslage und Preistreiberei als reale Probleme

    Die Vermittlungsdienste von Hussy könnten zudem auch rechtlich problematisch sein. Hausbesuche sind nur in Wien, Niederösterreich und im Burgenland erlaubt, nicht aber in den anderen Bundesländern. Dort gibt es nur Bordelle als Option – somit wären Zuhälter und Bordellbetreiber ohnehin wieder mit im Spiel und am Verdienst beteiligt.

    Zwar verlagert sich die Vermittlung von erotischen und sexuellen Dienstleistungen stärker ins Web, doch die drängenden Probleme der Sexarbeiter seien nicht durch Technologie lösbar, meint Knappik. Die Zimmerpreise in den Laufhäusern sind mit 80 bis 160 Euro pro Nacht happig, die in Wien zugewiesenen Plätze für die Anbahnung düster und abgelegen. In Medien, wo die Dienstleistungen beworben werden können, würden zudem viel höhere Preise verlangt als für andere Werbekunden.

    Nicht mehr beim Pioneers-Festival

    Die Teilnahme von Hussy am Pioneers-Festival 2018 ließ die Debatte in den vergangenen Wochen erneut hochkochen. Offenbar mit Folgen. Denn kurz vor Beginn wurde von Insidern kolportiert, dass das Start-up wieder ausgeladen wurde. Das hat sich offenbar bewahrheitet. Denn die Firma ist nicht (mehr) unter den teilnehmenden Start-ups gelistet. Ein offizielles Statement bezüglich dieser Änderung wurde bisher allerdings nicht veröffentlicht. (red, 24.05.2018)

    • "Hussy" erntet Kritik für Name und Geschäftsmodell.

      "Hussy" erntet Kritik für Name und Geschäftsmodell.

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