Erektionsstörungen: Keine Frage des Alters

    28. Mai 2018, 06:00
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    Erektile Dysfunktion kann jeden treffen und sollte medizinisch abgeklärt werden. Ärzte warnen vor Arzneien aus dem Internet

    Ist bei einem Mann dauerhaft die Fähigkeit beeinträchtigt, eine Erektion zu bekommen oder für einen befriedigenden Akt aufrechtzuerhalten, sprechen Mediziner von erektiler Dysfunktion (ED). Auf den ersten Blick scheint dieses Problem eines der zweiten Lebenshälfte zu sein, wie Georg Schatzl von der Ambulanz für Andrologie und erektile Dysfunktion am AKH Wien präzisiert: "Generell kann man sagen, dass 52 Prozent der Männer zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr an Potenzproblemen leiden."

    Allerdings können Erektionsstörungen auch in jungen Jahren auftreten. Einzig die Hintergründe unterscheiden sich. "Bei jungen Männern treten eher psychogen bedingte Erektionsstörungen auf, bei den älteren zeichnen teilweise organische Ursachen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder auch Durchblutungsprobleme für Potenzprobleme verantwortlich", führt Schatzl aus. Deshalb lasse sich schwerlich ein Durchschnittsalter Betroffener, die in der Ambulanz vorsprechen, festmachen.

    Die Gefahr, Potenzprobleme organischen Ursprungs zu entwickeln, steigt mit dem Alter. Neben gefäßbedingten Ursachen zählen Vorerkrankungen wie Prostatakrebs, kardiale Probleme, Nervenverletzungen nach operativen Eingriffen, hormonelle Ursachen sowie Medikamentennebenwirkungen zu den weiteren Risikofaktoren.

    Risiko für Herzinfarkt

    "Erektionsstörungen können auch ein Indiz für andere Erkrankungen sein", gibt der stellvertretende Leiter der Urologie am Hanusch-Krankenhaus, Christof Mrstik, zu bedenken. "Ist das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigt, zeigt sich das mitunter zunächst anhand von Potenzproblemen. Männer, die von diesen betroffen sind, tragen das Risiko in sich, irgendwann einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden." Es erhöhe sich, je länger die Probleme anhalten. "Wir überweisen bei Verdacht zwecks umfassender Abklärung zum Internisten."

    Wer eine Beeinträchtigung seiner Erektionsfähigkeit an sich feststellt, sollte frühestmöglich einen Urologen aufsuchen. Da das Thema häufig schambesetzt ist und tabuisiert wird, versuchen Betroffene nicht selten, sich selbst zu therapieren, wovon Experten aber dringend abraten. "Niemand spricht gern über Erektionsstörungen. Allerdings können daraus resultierende Versagensängste und Frust zu Depressionen führen. Außerdem lassen sich Betroffene manchmal dazu hinreißen, ihnen nicht bekannte Medikamente im Internet zu bestellen. Diese werden nicht selten unter ihrem Handelsnamen vertrieben, haben aber andere Inhaltsstoffe und sind somit wirkungslos", so Mrstik.

    Des Weiteren sei es nicht ungefährlich, irgendwelche Präparate einzunehmen, da es zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen könne. "Glücklicherweise stehen heutzutage verschiedenste Möglichkeiten zu Verfügung, das Problem zu beseitigen. Es gibt Patienten, die beispielsweise von einer Änderung ihres Lebensstils profitieren und somit Risikofaktoren eliminieren. Rauchentwöhnung, eine Verringerung des Alkoholkonsums, regelmäßige Bewegung, Gewichtsreduktion und gesundes Essen können viel bewirken."

    Potenzsteigernde Präparate

    Des Weiteren sollten die Betroffenen Stress reduzieren. Ist die Einnahme von Medikamenten notwendig, stehen potenzsteigernde Präparate, sogenannte PDE-5-Inhibitoren, zur Verfügung: "In Österreich sind vier Medikamente dieser Gruppe auf dem Markt. Die Wirksamkeit und auch das Nebenwirkungsspektrum sind ähnlich, die Unterschiede bestehen in der Dauer des Wirkeintrittes und in der Wirkdauer", erläutert Schatzl. Sollte die Einnahme nicht den gewünschten Effekt erzielen, gilt es, mit dem behandelnden Arzt mögliche Einnahmefehler oder andere Ursachen, die infrage kommen, zu erörtern.

    Für Patienten, die PDE-5-Inhibitoren ablehnen oder bei denen eine Kontraindikation besteht, stellt unter Umständen die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) eine Alternative dar. Lin Wang, auf TCM spezialisierte Allgemeinmedizinerin, erklärt: "In der TCM gelten Erektionsstörungen als natürlicher Prozess des Älterwerdens. Liegt eine organische Ursache vor, lassen sich Energieblockaden mittels Akupunktur behandeln. Die Traditionelle Chinesische Medizin geht davon aus, dass Potenzstörungen von einer Schwäche des Nierenmeridians verursacht werden. Die Nadeln setzen Impulse in der Nebenniere, was die Ausschüttung der Sexualhormone anregt." Eine Wirkung ist keineswegs gesichert: "Nach etwa fünf Sitzungen lässt sich sagen, ob der Patient von der Behandlung profitiert."

    Pumpen und Implantate

    Neben den genannten Therapiemöglichkeiten stehen außerdem Vakuumpumpen sowie Schwellkörperimplantate zur Verfügung. Schwellkörperinjektionen, Harnröhrenstäbchen oder Cremes, die Wirkstoffe wie Alprostadil enthalten, gelten ebenfalls als Alternative zur oralen oder operativen Therapie. Manche Patienten profitieren außerdem von einer Behandlung mittels Stoßwelle (LESWT).

    Ob psychische beziehungsweise psychosoziale oder organische Ursachen – die erektile Dysfunktion bedarf in jedem Fall einer ärztlichen Abklärung und zwar so schnell wie möglich. Die Einbeziehung des Sexualpartners kann sowohl bei der Ursachenforschung als auch hinsichtlich der Therapie hilfreich sein. Von selbsttherapeutischen Maßnahmen mit Medikamenten, die nicht vom Arzt verschrieben und über fragwürdige Quellen bezogen wurden, sowie mechanischen Hilfsmitteln wird Patienten dringend abgeraten. (Sonja Streit, 28.5.2018)

    • Experten raten Patienten mit Erektionsstörungen dringend davon ab, sich selbst zu therapieren.
      foto: istock

      Experten raten Patienten mit Erektionsstörungen dringend davon ab, sich selbst zu therapieren.

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