Deutschklassen zwischen Politik und Praxis

    23. Mai 2018, 21:10
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    Schulinspektoren besprechen Umsetzung, Lehrergewerkschafter formulieren Protest

    Wien – Während sich die Wiener Pflichtschulinspektorinnen und -inspektoren am Mittwoch im Bildungsministerium zur Besprechung über die Umsetzung der ab Herbst geplanten Deutschförderklassen zusammengesetzt haben, hat man andernorts gleich eine Resolution gegen die von Minister Heinz Faßmann (ÖVP) geplante Maßnahme beschlossen: "Wir fordern den Minister zu Gesprächen auf", erklärte der rote Pflichtschullehrergewerkschafter Thomas Bulant, der wie sein schwarzes Pendant Paul Kimberger ob der befürchteten "organisatorischen Probleme" bereits gewerkschaftliche Maßnahmen in den Raum gestellt hat. Natürlich hat sich Faßmann umgehend zu Gesprächen bereit erklärt. Und auch die 100 Fragen, die der Wiener Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky ob der Deutschklassen an den Minister gestellt hat, sind – in Auszügen – bereits beantwortet.

    "Nicht nachvollziehbar"

    Ein Beispiel: Die Frage, ob es auch künftig Vorschulklassen geben werde, hält man im Ministerium für "nicht nachvollziehbar". Es gäbe gesetzliche Bestimmungen, wonach Vorschulklassen für schulpflichtige Kinder mit Entwicklungsverzögerungen vorgesehen sind – "sollte Wien die gesetzlichen Bestimmungen bisher anders interpretiert haben, wären nähere Informationen dazu aufschlussreich".

    Damit nicht genug des politischen Geplänkels, auch die Rechnungen, die man in Wien über zusätzlich benötigte Klassenräume anstellt, sorgen im Ministerium für Kopfschütteln. Von 22 bis 121 zusätzlichen Klassen sei die Rede. Im Ministerbüro spricht man von "willkürlichen Zahlen" und "Verhinderungstaktik".

    Auf Nachfrage des STANDARD spricht man im Büro des Bildungsstadtrats von einem Mehrbedarf von 120 Klassen – eine Schätzung für Herbst, mittelfristig sei schwer abschätzbar, wie viele Kinder eine Deutschförderklasse besuchen werden.

    Nicht mehr als schon bisher in den Sprachstartgruppen (in 1022 solcher Gruppen erhalten Kinder im Umfang von 11 Wochenstunden Förderung) versorgt werden mussten, glaubt man im Ministerium. Mit den Praktikern der Schulaufsicht habe man die Raumfrage jedenfalls schnell abgehandelt. Beim nächsten Termin Anfang Juni soll geklärt werden, wie man aus der Deutschförderklasse in den Regelunterricht wechseln kann. (riss)

    Folgende Erklärungen haben die Wiener Bezirksschulinspektoren vom Bildungsministerium am Mittwoch zur Umsetzung der Deutschförderklassen erhalten:

    - Ab kommendem Herbst wird das Beherrschen der Unterrichtssprache Deutsch als Schulreifekriterium festgelegt.

    - Volksschulkinder mit mangelnden Deutschkenntnissen verbringen 15 Stunden, Schüler in der Sekundarstufe I verbringen 20 Stunden in einer Deutschförderklasse. Für Aktivitäten wie Sport oder Musik sollen, so die Vorstellung des Bildungsministeriums, alle Schüler gemeinsamen Unterricht erhalten.

    - Darüber, wer eine Deutschförderklasse besuchen muss, soll künftig mittels eines 20-30 Minuten dauernden Tests entschieden werden. Weil die Klasseneinteilung für das kommende Schuljahr bereits erfolgt und das Testinstrument bislang noch nicht entwickelt ist, stellt man im Bildungsministerium den April 2019 dafür in Aussicht. Jedenfalls für den Volksschulbereich. Für die Sekundarstufe I soll das Testinstrument erst ab September 2020 flächendeckend zur Verfügung stehen.

    - Eingerichtet wird eine Deutschförderklasse mit eigenem Lehrplan ab acht Schülern pro Schulstandort. Gibt es weniger als acht Schüler, die einen erhöhten Förderbedarf haben, sollen sie in der Regelklasse nach dem Lehrplan für die Deutschförderklassen unterrichtet werden. Zusätzlich erhalten sie eine "unterrichtsparallele Deutschförderung" im Ausmaß von sechs Wochenstunden.

    - Eine Deutschförderklasse kann maximal vier Semester lang besucht werden. Nach jedem Semester soll mittels "einheitlicher Sprachstandsüberprüfung" (deren Entwicklung ist für Juni 2019 geplant) entschieden werden, ob ein Übertritt in die Regelklasse möglich ist.

    - Wer danach weitere Unterstützung braucht, soll diese im Rahmen eines begleitenden Deutschförderkurses im Umfang von sechs Wochenstunden erhalten.

    - Deutschförderklassen sollen klassen-, schularten- beziehungsweise schulstufenübergreifend möglich sein.

    - Die entsprechenden Lehrpläne werden für die Primarstufe I sowie für die Sekundarstufe I entwickelt. Dieser "kann bereits ab dem Schuljahr 2018/19 zur Anwendung kommen". Erst ab dem Schuljahr 2019/20 ist das auch verpflichtend.

    • Leitet die nächsten Schritte zur Umsetzung der Deutschförderklassen ab kommenden Herbst ein: Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP).
      foto: apa / georg hochmuth

      Leitet die nächsten Schritte zur Umsetzung der Deutschförderklassen ab kommenden Herbst ein: Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP).

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