"Solo: A Star Wars Story": Brauchen wir diesen Film?

    24. Mai 2018, 16:00
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    Disney hat es geschafft, den "Star Wars"-Helden Han Solo binnen drei Jahren sterben und wiederauferstehen zu lassen. Ein Leitfaden in vier Punkten zum Start von "Solo"

    1. Der Weltraumcowboy

    Es hätte auch ganz anders kommen können: Als Regisseur George Lucas Mitte der 1970er-Jahre am ersten Skript zu seinem Weltraumepos The Star Wars schrieb, war Han Solo noch als Wesen mit grüner Haut, Rüssel und Kiemen vorgesehen. Nun wissen wir zwar spätestens seit The Shape of Water, dass die Liebe auch zwischen Mensch und Froschmann prächtig gedeihen kann; für den kommerziellen Erfolg des größten Filmfranchise aller Zeiten dürfte das Auftauchen des Mittdreißigers Harrison Ford (ohne Kiemen, dafür mit Brustpelz) dann aber doch der bessere Griff gewesen sein.

    Mit Han Solo schuf Lucas aber nicht nur ein Sexsymbol, sondern auch den uramerikanischsten Charakter seiner Sternensaga. Im Outfit des Cowboys und als kleinkrimineller Schmuggler in einem fehlgeleiteten, korrumpierten System verkörpert er den libertären Gründungsmythos der Vereinigten Staaten. Zwei Genres, der Western und der Piratenfilm, kulminieren in dieser Figur.

    star wars

    Unwillig oder auch unfähig, Autoritäten zu gehorchen, tritt Han Solo als impulsiver Charakter auf, der mit Nietzsche gesprochen den Körper dem Denken vorausgehen lässt. Oft liegt er damit richtig, manchmal falsch, jedenfalls wachsen sich seine Entscheidungen nie zu jenen epochalen Verschiebungen aus, welche die Saga den Tugendrittern der "Macht" (ob sie nun Jedi oder Sith heißen) zu verdanken hat. Für Han Solo sind sie alle Vertreter einer Religion, die auf den Müll der Geschichte gehört. Ein funktionierender Staat, weiß Solo, ist mit diesen Kräften nicht zu machen.

    2. Der Chauvinist

    Während Lucas mit dem idealistischen Farmerjungen Luke Skywalker den Typus des reinen Tors (Parsifal!) bedient, hat Solo vom harten Leben in den schmutzigen Ecken der Galaxis so einige Verderbtheit auf sich geladen. Das ist die eine Erklärung, warum er sich in der Trilogie aus den 70er- und 80er-Jahren als chauvinistischer Macho durch die Dialogzeilen kämpft.

    Die andere hat mit dem Kontext der Zeit zu tun, in der die Filme entstanden sind. Wie ein Großteil der Hollywoodproduktionen fallen sie beim sogenannten Bechdel-Test hochkant durch. Um hier positiv abzuschneiden, müssten mindestens zwei Frauenfiguren vorkommen, die sich über etwas anderes als einen Mann unterhalten. Durch die feministisch geschärfte MeToo-Brille betrachtet wird der alte Han Solo heute überhaupt zum Problem: Im Internet diskutiert man Szenen wie jene, in denen er Prinzessin Leia trotz mehrfachen Neins in die Ecke seines Raumschiffs drängt, um ihr einen Kuss abzuringen. Im Film steht am Ende die große Liebe. Die Realität sähe wohl anders aus.

    marcelo zuniga

    Die Neuauflage der Sternensaga verdanken wir dem Verkauf der Rechte an Disney. Dort hat man es der Verwertungslogik entsprechend geschafft, Han Solo innerhalb von nur drei Jahren zuerst sterben zu lassen (The Force Awakens) und ihn mit dem jungen Alden Ehrenreich in der Haupt rolle sogleich wieder zum Leben zu erwecken. Der Ablegerfilm Solo: A Star Wars Story startet heute regulär in den Kinos.

    3. Der korrekte Han

    Erzählt wird die Jugendgeschichte Solos. Wie kam er zu seinem Namen? Wodurch wurde ein haariger, meterhoher Wookie namens Chewbacca zu seinem hündisch treuen Begleiter? Durch welche Erlebnisse entwickelte Han bei allem Zynismus seinen gesunden Sinn für Gerechtigkeit? Fragen, die an sich niemand gestellt hat, die Disney nun aber dennoch beantwortet haben will.

    Von den Machosprüchen, die der spätere Han Solo einmal im Dauerbetrieb vom Stapel lassen wird, sind allenfalls homöopathische Dosen enthalten. Damit folgen die Macher der jüngsten Star Wars-Filme ihrem generellen Ansinnen, die weit, weit entfernte Galaxis zu einem politisch kor rekteren Ort zu machen: mehr weibliche Hauptrollen, mehr ethnische Diversität und ein verträgliches Maß an selbstironisch zelebrierter Männlichkeit, das der erzieherischen Wirkung, die Star Wars seit jeher auf 13-jährige Buben hat, entgegenkommt.

    4. Die Zerstörung des Mythos

    Bejahrte Fans hingegen reagieren nicht einhellig freudig auf den neuen Film. Figuren wie Han Solo beziehen ihre Attraktivität aus ihrer Unergründlichkeit. Man will zwar erahnen, was er oder sie erlebt hat, aber will man es wirklich wissen?

    Glaubt man den Gerüchten, so behält sich Disney dennoch vor, zwei weitere Solo-Ableger mit Alden Ehrenreich zu produzieren. Die Antwort wird wohl an den Kinokassen gegeben. Sie sollte eindeutig ausfallen: Disney, lasst Han Solo ruhen! Er hat sich den Heldenschlaf verdient. (Stefan Weiss, 24.5.2018)

    • Den Finger am Abzug, den Macho-Spruch auf den Lippen: Harisson Ford als Han Solo der 1970er-Jahre.

      Den Finger am Abzug, den Macho-Spruch auf den Lippen: Harisson Ford als Han Solo der 1970er-Jahre.

    • Immer noch gut aussehend, aber entschieden weniger chuavinistisch: Alden Ehrenreich als junger Solo.
      foto: jonathan olley, lucasfilm ltd.

      Immer noch gut aussehend, aber entschieden weniger chuavinistisch: Alden Ehrenreich als junger Solo.

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