Die SPÖ und der Boulevard: Ansicht statt Aufsicht

Kolumne23. Mai 2018, 16:23
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Das devote Verhältnis der Sozialdemokratie zu heimischen Boulevardmedien

Geht es nach Erich Kästners Diktum "Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken", so hat Christian Kern mit der Beendigung seines Interviewboykotts gegen Wolfgang Fellners oe24.TV einen kompletten Kakaotankwagen in wenigen Schlucken geleert. Wer immer dem Ex-Kanzler zu dieser Unterwerfungsgeste geraten hat, es bleibt zu hoffen, er oder sie hat vorgesorgt und wird Kern in nächster Zeit wenigstens den selbstschädigenden Kontakt mit Spiegeln ersparen. Dass "oe24" gleich darauf "Christian Kern und seine SPÖ holen auf" vermeldete und aufgrund einer "neuen Umfrage" von einem "packenden schwarz-roten Duell um Platz eins" delirierte, bringt letztlich nur die mäßig tröstende Erkenntnis, dass Fellner seine eigenen Leser um nichts weniger verarscht als den SPÖ-Chef.

Was das traditionell devote Verhältnis der Sozialdemokratie zu heimischen Boulevardmedien betrifft, stellt diese Geschichte jedoch nur eine harmlose Schnurre dar – vor allem im Vergleich zu den jüngst von "Dossier" veröffentlichten Daten: Die für Wohnbauförderung der Stadt Wien zuständige MA 50 hat in den vergangenen zehn Jahren sagenhafte 41,5 Millionen Euro für Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben. Waren unter Wohnbaustadtrat Werner Faymann die Ausgaben von 400.000 auf 3,7 Millionen Euro pro Jahr explodiert, so schaffte es sein Nachfolger Michael Ludwig nicht nur, dieses Ergebnis auf fast sechs Millionen Euro zu steigern, sondern auch mit einem speziellen Kunststück den Irrsinn noch auf die Spitze zu treiben.

Wie Werbung für Trinkwasser in Kapstadt

Seit 2015 gibt die Magistratsabteilung mehr Geld für Öffentlichkeitsarbeit als für Bauaufsicht aus. Und das, obwohl der Stadtrechnungshof, angesichts immer häufiger zutage tretender Baumängel, Maßnahmen zur Intensivierung der Bauaufsicht fordert. Die Ausgaben für besagte Bauaufsicht sanken aber seit 2012 um mehr als 40 Prozent. Offensichtlich war dem Stadtrat die Beseitigung von baulichen Mängeln bei geförderten Sanierungen ein geringeres Anliegen als die von finanziellen Mängeln in den Inseratenkassen von "Krone", "Heute" und "Österreich".

Im Gegenzug bewarben die Zeitungen "Wohnen in Wien", was angesichts der Marktsituation (mindestens eineinhalb Jahre Wartezeit auf eine Gemeindewohnung) ähnliche Dringlichkeit hat wie Werbung für Trinkwasser in Kapstadt. Die wertvollere Gegenleistung war da schon die wohlwollende Berichterstattung. Diese beruht wiederum auf einer Erwartungshaltung, die vom nun als Wiener Bürgermeister das größte öffentliche Werbebudget der Republik kontrollierenden Ludwig bestimmt nicht enttäuscht werden wird.

Spannend wird es, falls er als Stadtoberhaupt seine Strategie fortsetzen sollte, zur verstärkten Alimentierung von Fellner und Co – so wie im Fall der MA 50 – bei den eigentlichen Aufgaben der von ihm geleiteten Behörden zu sparen. So könnten beispielsweise Kürzungen bei bislang verlässlich funktionierenden Institutionen wie Müllabfuhr oder Straßenreinigung dazu dienen, positive Berichterstattung über die Sauberkeit Wiens zu kaufen. Zumindest so lange, bis die Sache auch für Boulevard-Leser zum Himmel zu stinken beginnt. (Florian Scheuba, 23.5.2018)

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