Die Qual der Wahl: Dynamiken der Entscheidungsfindung bei der NR-Wahl 2017

    Blog24. Mai 2018, 11:00
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    Stimmen nichtangetretener Parteien wurden neu verteilt, Parteipräferenzen verschoben sich teilweise strategisch, und der Rückgang an Stammwählerinnen und -wählern scheint voranzuschreiten. Die Wählerwanderung vor und während des Wahlkampfs im Überblick

    Das Wahlergebnis des 15. Oktober 2017 brachte im Vergleich zur Wahl 2013 zum Teil beachtliche Veränderungen im Kräfteverhältnis der österreichischen Parteienlandschaft. Daraus wird ersichtlich, dass es 2017 zu starken Veränderungen beziehungsweise Bewegungen am österreichischen Wählermarkt gekommen sein musste. Vieles deutet darauf hin, dass Entscheidungen für eine Partei von Wahl zu Wahl zunehmend neu und immer später im Wahlkampf getroffen wurden. Der vielfach dokumentierte Rückgang an Stammwählerinnen und -wählern scheint damit weiter vorangeschritten zu sein.

    foto: apa/barbara gindl
    Wählerinnen und Wähler entscheiden immer später, welcher Partei sie ihre Stimme geben.

    Dynamiken zwischen Wahlen

    Welche Dynamiken können wir zwischen den Nationalratswahlen 2013 und 2017 beobachten? Abbildung 1 zeichnet auf Basis der Autnes Online Panel Study 2017 die Wanderungen zwischen 2013 und 2017 nach, das heißt konkret: Wie viel Prozent der Wählerinnen und Wähler von Partei X im Jahr 2013 orientierten sich 2017 wohin? Der horizontale Balken zeigt daher den Anteil stabiler Wählerinnen und Wähler, die bei beiden Wahlen dieselbe Partei gewählt haben. Man spricht von der sogenannten Behalterate. Die abgehenden Balken auf der linken Seite zeigen die prozentuelle Größe der Abwanderungen, jene auf der rechten Seite hingegen die Zugewinne aus anderen Lagern.

    Die Behalteraten fallen demnach für die Liste Kurz/ÖVP (82±5 Prozent Schwankungsbreite), gefolgt von SPÖ (67±6 Prozent) und FPÖ (68±6 Prozent), am höchsten aus. Die Abwanderungen zeigen deutlich die bereits in anderen VieCER-Blogbeiträgen diskutierten Verluste der Grünen und eine Aufteilung ihrer ehemaligen Unterstützerinnen und Unterstützer (nur circa 18±6 Prozent stabil). Stimmengewinne für die Liste Kurz/ÖVP und die FPÖ sind deutlich dem Nichtantreten des Team Stronach und des BZÖ geschuldet. Zudem sind sie aufgrund der ähnlichen ideologischen Ausrichtung wenig überraschend. Die Liste Kurz/ÖVP konnte auch von ehemaligen FPÖ- und Neos-Wählerinnen und -wählern profitieren. Von der gestiegenen Wahlbeteiligung, das heißt aus dem Reservoir ehemaliger Nichtwählerinnen und Nichtwähler, konnten hauptsächlich die drei großen Parteien Liste Kurz/ÖVP, SPÖ und FPÖ profitieren. Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit publizierten Wählerstromanalysen, die auf Schätzungen aus Gemeinde- oder Sprengelergebnissen, nicht aber auf tatsächlichen Wählerbefragungen beruhen.

    grafik: julian aichholzer, sylvia kritzinger
    Abbildung 1: Wählerwanderung zwischen den Nationalratswahlen 2013 und 2017. Daten: Autnes Online Panel Study 2017, Rückerinnerung NR-Wahl 2013 im Juni 2017 abgefragt; n = 2151, gewichtet nach soziodemografischen Indikatoren und Recall 2017.

    Zeitpunkt der Wahlentscheidung

    Wann entschieden sich Wählerinnen und Wähler 2017, welcher Partei sie ihre Stimme geben? Laut Autnes Online Panel Study 2017 war der Markt der "zu umschwärmenden" Wählerinnen und Wähler selbst in der heißen Phase des Wahlkampfs beachtlich. Anfang Oktober gaben immerhin noch 35(±3) Prozent an, dass ihre geäußerte Parteipräferenz noch nicht als gesichert gilt. Allerdings gab es klare Unterschiede, wann Wählerinnen und Wähler ihre Wahlentscheidung fassten.

    Neben Faktoren wie beispielsweise Alter und Bildung – jüngere Personen oder Personen mit höherer formaler Bildung trafen später ihre Wahlentscheidung – spielte die ideologische Ausrichtung eine wesentliche Rolle. Wählerinnen und Wähler, die ideologisch rechts der Mitte standen, hatten größtenteils bereits im Juli 2017 ihre Wahlentscheidung für den 15. Oktober getroffen (siehe Abbildung 2). FPÖ und Liste Kurz/ÖVP konnten demnach bereits früh ein entsprechendes Potenzial in der Bevölkerung rekrutieren. Demgegenüber äußerte knapp vor der Wahl noch etwa die Hälfte jener, die sich moderat links einstufen, dass ihre Wahlentscheidung noch nicht sicher sei. Dies ist ein Hinweis darauf, dass unter Wählerinnen und Wählern von Mitte-links-Parteien noch eine vergleichsweise kurzfristige Verschiebung stattgefunden hat.

    grafik: julian aichholzer, sylvia kritzinger
    Abbildung 2: Anteil Entschlossener nach ideologischer Selbsteinstufung. Anmerkungen zur Links-rechts-Skala: 0–2 = weit links, 3–4 = moderat links, 5 = neutral, 6–7 = moderat rechts, 8–10 = weit rechts; Daten: Autnes Online Panel Study 2017; n = 1866/1808/1618, gewichtet nach soziodemografischen Indikatoren und Recall 2013.

    Dynamiken während der Wahlkampagne

    Welche Auswirkungen hatte der Wahlkampf auf kurzfristige Verschiebungen der Parteienpräferenz? Mögliche Meinungsverschiebungen während der Wahlkampagne: die spät im Wahlkampf aufkommende Causa Silberstein oder das bereits absehbare schlechte Abschneiden der Grünen. Die folgende Analyse fokussiert lediglich auf Personen, die bereits eine konkrete Parteipräferenz äußerten.

    Wie Abbildung 3 verdeutlicht, bewegte sich ein nicht zu vernachlässigender Anteil an Wählerinnen und Wählern während des gesamten Wahlkampfs noch zwischen den Parteien (insgesamt circa 15±3 Prozent zwischen Juli/August und Anfang Oktober, circa 10±2 Prozent zwischen Anfang Oktober und der Wahl). Das heißt, die Parteipräferenzen dieser Gruppe waren während des Wahlkampfs als durchaus flexibel einzustufen. Auffallend sind die während des gesamten Wahlkampfs kontinuierlichen Abwanderungsbewegungen von den Grünen – vorwiegend zur SPÖ oder zur Liste Pilz.

    Interessant ist auch die Liste Kurz/ÖVP: Während grundsätzlich ein stabiler Zuspruch beobachtet werden konnte (zum Vergleich: zwischen Juni und Juli/August 94±3 Prozent stabil), kam es zu Ende des Wahlkampfs noch zu leichten Abwanderungstendenzen zur FPÖ oder auch zu den Neos. Dieses Ergebnis geht mit dem größeren Trend in Meinungsumfragen einher. Die Liste Kurz/ÖVP scheint am Ende des Wahlkampfs geringfügig an Unterstützung eingebüßt zu haben. Umgekehrt konnte die Liste Kurz/ÖVP – aber auch die SPÖ – noch einen Teil der Neos-Sympathisantinnen und -Sympathisanten anziehen. Für die Liste Pilz zeigt sich hingegen nach dem ersten Zustrom im Juli 2017, dass sich mit andauerndem Wahlkampf wieder mehr Personen umentschieden haben beziehungsweise sich von der Liste Pilz wegorientierten.

    grafik: julian aichholzer, sylvia kritzinger
    Abbildung 3: Wählerwanderung während der Wahlkampagne 2017. Wie viel Prozent potenzieller Wählerinnen und Wähler von Partei X nannten in der folgenden Welle dieselbe Partei, oder gab es diesbezüglich eine Veränderung? Daten: Autnes Online Panel Study 2017; n = 1721/1339/1457, gewichtet nach soziodemografischen Indikatoren und Recall 2017.

    Die Blackbox der Wechselwählerinnen und -wähler: am Ende eine strategische Wahl?

    Haben einige Wählerinnen und Wähler aus strategischen Gründen ihre Wahlentscheidung abgeändert? Dazu sehen wir uns die berichtete Wahlentscheidung am 15. Oktober getrennt nach eingeschätzter Wahrscheinlichkeit, dass eine Partei in den Nationalrat einziehen würde, an. Unter all jenen, die während des Wahlkampfs noch angaben, mit großer Wahrscheinlichkeit die Grünen zu wählen, aber gleichzeitig deren Einzug für unwahrscheinlich hielten, hatten am Ende nur neun Prozent auch tatsächlich für die Grünen gestimmt (gegenüber 41 Prozent, die es für eher wahrscheinlich hielten). Der Rest wanderte somit strategisch zu einer anderen, größtenteils ähnlich präferierten Partei mit höherer Einzugswahrscheinlichkeit ab. Ein Großteil potenzieller Grünen-Wählerinnen und -Wähler wollte offensichtlich die Stimme nicht "verschenken".

    Im Unterschied dazu hat ein Großteil der Wählerinnen und Wähler selbst bei wenig Hoffnung auf deren Einzug in den Nationalrat für Neos gestimmt (34 Prozent gegenüber 44 Prozent, wenn sie dies für eher wahrscheinlich hielten). Die Neos konnten in diesem Fall trotz allem mehr Wählerinnen und Wähler halten.

    foto: apa/herbert neubauer
    Spitzenkandidaten und Spitzenkandidatin der Nationalratswahl 2017: Ulrike Lunacek (Grüne), Matthias Strolz (Neos), Sebastian Kurz (Liste Kurz/ÖVP), Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Christian Kern (SPÖ).

    Fazit

    Bei der Nationalratswahl 2017 wurden Wahlentscheidungen teilweise sehr spät getroffen, wobei es Unterschiede entlang der ideologischen Selbsteinschätzung gab: Mitte-rechts-Wählerinnen und -Wähler hatten bereits sehr früh ihre Wahlentscheidung getroffen. Im Mitte-links-Spektrum gab es Bewegungen bis zum Schluss. Dies zeigt sich sowohl bei den Wanderungen zwischen den Wahlen 2013 und 2017 als auch während des Wahlkampfs. Das klare Angebot aufseiten der Mitte-rechts-Parteien sowie eine starke Mobilisierung könnte hierfür wichtig gewesen sein. Demgegenüber ist das verhältnismäßig starke Abschneiden der SPÖ, aber auch der Einzug der Liste Pilz besonders unter dem Gesichtspunkt der schlechteren Performance der Grünen zu betrachten. Beide konnten eindeutig Stimmengewinne aus dem Grün-affinen Lager ziehen.

    Generell zeigen die Ergebnisse, dass Wahlkämpfe durchaus dynamisch sind. Parteipräferenzen können sich kurzfristig verändern, und es gilt, noch unsichere Wählerinnen und Wähler bis zum letzten Tag zu "umgarnen". Zumindest für die Wahl 2017 steht jedoch fest, dass diese Dynamik fast ausschließlich im Mitte-links-Lager stattgefunden hat. (Julian Aichholzer, Sylvia Kritzinger, 24.5.2018)

    Julian Aichholzer ist Universitätsassistent (Post-Doc) am Institut für Staatswissenschaft. Er hat an der "Austrian National Election Study" (Autnes) mitgearbeitet und ist Teil der Forschungskooperation ACIER (Austrian Cooperative Infrastructure for Electoral Research) sowie des Forschungsverbunds "Interdisziplinäre Werteforschung". Er hat zuvor Soziologie (Mag.) und Politikwissenschaft (Dr.) an der Universität Wien studiert.

    Sylvia Kritzinger ist Universitätsprofessorin für Methoden in den Sozialwissenschaften am Institut für Staatswissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen politisches Verhalten, Wahlforschung, demokratische Repräsentation, politische Teilnahme und quantitative Methoden. Sie ist eine der Projektleiterinnen der "Austrian National Election Study" (Autnes), verantwortlich für "The Demand Side – Wahlverhalten" und stellvertretende Leiterin des Vienna Center for Electoral Research.

    Die inhaltliche Verantwortung für den Beitrag liegt allein bei Autor und Autorin. Der Beitrag erscheint in Kooperation mit dem VieCER-Blog.

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