1853 grüßt 2030: Österreichs Forstwirtschaft als Vorreiter der Nachhaltigkeitsdiskussion

    Blog28. Mai 2018, 08:00
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    Lehrreiche Beobachtungen über das Verhältnis von Politik, Recht, Wirtschaft und Forstzustand

    Eine der Aufgaben der Umweltgeschichte als eigenständigem Fachgebiet der Geschichts- und Umweltwissenschaften ist es, in Vergessenheit geratenes Wissen wieder verfügbar zu machen. Gerade, wenn es um die Agenda 2030 geht, um die 17 im Jahr 2015 von der Uno vorgelegten und inzwischen weltweit ratifizierten Nachhaltigkeitsziele, lohnt der Blick in die Geschichte. Mit weit weniger technischen Mitteln ausgestattet waren Gesellschaften oft mehr am Vorsorgeprinzip orientiert als heute.

    Josef Wessely (1814–1898), einer der drei Begründer des Österreichischen Reichsforstvereins, vieldekorierter Forstexperte, Herausgeber der Österreichischen Monatsschrift für Forstwesen, von vielen als "Vater der österreichischen Forststatistik" geschätzt, macht in seinem epochalen Werk "Die österreichischen Alpenländer und ihre Forste" (1853) Beobachtungen zum Verhältnis von Politik, Recht, Wirtschaft und Forstzustand, die bis heute lehrreich sind. Allerdings nicht direkt: Wie so oft vermittelt die Geschichtswissenschaft ihre Einsichten nicht bei oberflächlicher Betrachtung, sondern bei für Details aufmerksamem, geduldigem Studium.

    Gewinnsüchtige Holzhändler, bestechliche Kirche

    "Das schöne und einst so holzreiche Kärnthen liefert […] schlagende Belege […] wohin ungeordnete Waldzustände, unfreier Besitz, verworrene Eigenthums- und Rechtsverhältnisse, zurückgehaltene Konkurrenz und Holzpreise auch das waldreichste Land zuletzt führen, wohin sie auch ein Land führen können, in welchem der Holzstoff eigentlich schon lange einen sehr hohen inneren (Gebrauchs) Werth genoss."
    "Gespornt von der Gewinnsucht dringen die Holzhändler selber auf alle Weise auf grossartige Ankäufe und gebrauchen nicht immer die lobenswerthesten Mittel zur Besiegung etwaiger Bedenken. Gewöhnlich kleidet sich die schnöde Gewinnsucht in gerechte Entrüstung über angebliche Rechtsverkürzung und räth zur Entscheidung mittelst vollendeter Thatsache: erklärt sich grossmüthig zur gerichtlichen Vertretung des Geschehenen bereit, was sie leicht thun kann, da das nur eine Kleinigkeit von dem kostet, was durch diese Käufe gewonnen wird."
    "In anderen Fällen nimmt sie den Mantel der Religiösität um, und verehret der Kirche jener Ortschaft, welche sie ausbeuten will, einen schönen Kandelaber, eine neue Fahne, u.s.w. – Selbst mit Gewalt hat schon die Gewinnsucht von Holzhändlern ganze Forsttheile in wenig Tagen niedergeholzt, wobei die Überlegung massgebend war, dass, mag nun was immer daraus werden – das gewinnreiche Holzgeschäft sichergestellt bleibt, indem die gefällten Stämme doch in keinem Falle mehr wieder auf ihre Stöcke gestellt werden können." (Wessely, II, 178)

    Nachhaltigkeit braucht Maßnahmen gegen Korruption und Kartelle

    Wessely macht es sich leicht: Es sind die gewinnsüchtigen Holzhändler, die in der Wahl ihrer Mittel wenig zimperlich, zur Waldverwüstung führen. Die Forstgeschichte hat in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet, dass sich die Forstwirte des 19. Jahrhunderts als Experten profilierten, indem sie Missstände anprangerten, für die das durch sie professionalisierte Waldmanagement dann die Lösung war. Sie hatten als Expertengemeinschaft sozusagen durchaus Interesse, die Probleme überdeutlich zu machen und bei anderen Gruppen als sich selbst zu suchen.

    Doch Wesselys Einsicht in systemische Zusammenhänge, die zu Waldverwüstung führen, kann als valide Beschreibung von Mechanismen gelten, die heute eher im globalen Süden zu finden sind, aber immer noch ähnlich funktionieren. Seine Einsicht, dass rechtsstaatliche Verhältnisse, Maßnahmen gegen Kartellbildung und gegen Korruption wichtige Grundlagen eines nachhaltigen, langfristig tragfähigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen sind, wird man auch aus heutiger Sicht nur zustimmen können. (Verena Winiwarter, 28.5.2018)

    Verena Winiwarter ist Umwelthistorikerin und Professorin am Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien. Winiwarter ist zudem Obfrau der Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und wirkliches Mitglied der ÖAW. Sie war Österreichs "Wissenschaftlerin des Jahres 2013".

    Veranstaltungshinweis: Um Nachhaltigkeit und wie toxischer Abfall das Leben zukünftiger Generationen gefährdet geht es bei einem Public Screening des Films "Guardians of Eternity" mit anschließender Podiumsdiskussion am 11. Juni 2018 um 18.30 Uhr an der ÖAW (Dr. Ignaz Seipel Platz 2, 1010 Wien). Am Podium diskutieren Verena Winiwarter, die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher und der Medienwissenschaftler Matthias Karmasin.

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