Weder frei noch Liebe: Apersonale Geilheit als Prinzip

    Kommentar der anderen18. Mai 2018, 16:34
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    Der Kult um die sexuelle Befreiung der 68er-Generation hält einem kritischen Blick nicht stand. In Wirklichkeit ereignete sich eine "narzisstische Kulturrevolution", die sich bis heute negativ auswirkt

    Mit dem Schlagwort "freie Liebe" wurde von den 68ern die Unverbindlichkeit zum Prinzip gemacht. Als Psychiater sehe ich das problematisch: Liebe ohne Bindung ist kurzfristige Befriedigung, nicht langfristiges Glück. "Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment" reimt sich zwar lustig, ist aber sonst eine traurige Bankrotterklärung der Liebe. Die Folge davon ist Einsamkeit, die viele 68er heute quält und die sie in psychotherapeutischen Sitzungen abarbeiten.

    Sexualität wurde damals als Allheilmittel missverstanden – um nach dem geschassten Freudschüler Wilhelm Reich eine angebliche Charakterpanzerung zu sprengen und so einen neuen Menschen zu erschaffen. Eine Generation von 68er-Psycho-Spezialisten verschrieb das Medikament von der Wiege bis zur Bahre. Wer nicht genügend Sex hat, muss natürlich ganz schwer krank werden. Und wer krank wurde, hatte natürlich zu wenig Sex. So einfach kann es sein.

    Durch die apersonale Geilheit als Prinzip haben die 68er die Libido vom Du abgewendet und auf sich selbst gerichtet. Genau so beschreibt Sigmund Freud die Psychodynamik des Narzissmus. Herbert Marcuse, ihr intellektueller Leithammel, hat folgerichtig schlussgefolgert, dass der Narzissmus in der repressionsbefreiten, erosfundierten 68er-Gesellschaft "den Keim eines andersartigen Realitätsprinzips enthalten" könne – unter Verherrlichung des Lustprinzips. In der Tat: Sex war bei den 68ern nicht Sprache der Liebe, sondern ein Bedürfnis, das jeder befriedigt, wo er gerade Lust hat.

    #MeToo-Debatte

    Wie krank es ist, die eigene Lust von der Beziehung zum Du abzukoppeln, ist spätestens in der #MeToo-Debatte offenbar geworden. 68er wie Harvey Weinstein, Peter Pilz, Kevin Spacey, James Toback oder Dominique Strauss-Kahn werden jetzt von mutigen Frauen der nächsten und übernächsten Generation beschuldigt, nach dem narzisstisch-rücksichtslosen 68er-Denkmuster übergriffig geworden zu sein. Tja, die Revolution frisst ihre Kinder: Sex ist heute nicht mehr immer und für jeden nur Befreiung. Oder gar Therapie.

    Aber dieses 68er-Sexprinzip hat noch eine viel dunklere Seite, die bis heute weitgehend verdrängt wird: Teil der fröhlichen, bunten sexuellen Befreiung war auch die Pädophilenbewegung! Nach derselben Logik: Das Kind wird durch Sex befreit. Prominente 68er wie Otto Muehl, Helmut Kentler, Daniel Cohn-Bendit, Volker Beck, Ernst Bornemann, Gerald Becker oder Hartmut von Hentig wollten die Pädophilie straffrei haben, haben pädophile Straftaten den verführerischen Kindern in die Schuhe geschoben oder haben gar persönlich Kinder mit der ach so befreienden Sexualität beglückt.

    Die 68er wollten absichtlich Schamgrenzen aufbrechen: Eltern mussten sich ihren Kindern möglichst oft nackt zeigen, Badezimmer durften nicht mehr versperrbar sein. Das Schamgefühl wurde pathologisiert: Genau das ist das Muster der Pädophilen. Ihre Opfer sitzen heute in den psychotherapeutischen Praxen. Die Schüler von Helmut Kentler treiben bis heute ihr Unwesen als selbsternannte "Sexualpädagogen", mit denselben Prinzipien. Kein Zufall, dass auch das Herabsetzen des Schutzalters für Jugendliche als "Errungenschaft" der 68er abgefeiert wurde.

    Narzisstische Kulturrevolutio

    Der ursprünglich marxistische US-Sozialkritiker Christopher Lasch schrieb 1979 das Standardwerk "The Culture of Narcissism". Dabei deutet er die 68er-Bewegung, mit der er selbst sympathisiert hatte, als eine "narzisstische Kulturrevolution". Diese sei zunächst im Zeichen der Selbstverwirklichung angetreten, habe sich dann aber in die Sackgasse eines durch den Mangel an Bindungsfähigkeit und Generativität gekennzeichneten Hedonismus begeben. Die Ursachen der narzisstischen Deformation der Gesellschaft sah er in der Auflösung der traditionellen Familienbindungen und den damit einhergehenden Kindheitstraumata. In der Tat: Die 68er wollten die "Kleinfamilie" überwinden und zerschlagen. Deswegen gründeten sie Kommunen wie in Österreich den Friedrichshof, bei dem der widerliche "Zweierbeziehungsschleim" und die Mutter-Kind-Beziehung verboten wurden, während der Vater – aufgrund der "freien Liebe" – ohnehin unbekannt war.

    Die Otto-Muehl-Kommune befand sich im 68er-Mainstream: Simone de Beauvoir, prominente Vordenkerin der 68er, empfand das gegenseitige Zueinandergehören von Mutter und Kind als eine "verhängnisvolle Unterdrückung". Sie sah in der Schwangerschaft eine "Verstümmelung" und das Kind als "Parasiten". Ihr Ideal war die Kinderlosigkeit, die sie auch selbst gelebt hat. Heute leiden viele ältere Frauen daran, diesem fruchtlosen Ideal gefolgt zu sein.

    Die 68er wollten einen neuen Menschen basteln, wie kürzlich Rainer Langhans im ORF verkündete: Das ist wohl am inneren Wesen des Menschen gescheitert, das sich nicht endlos verbiegen und manipulieren lässt. Die Sehnsüchte der Enkel der 68er hat die Shell-Jugendstudie 2015 festgemacht: 85 Prozent der Jugendlichen sehnen sich nach Treue und monogamen Beziehungen, und 72 Prozent wünschen sich ein glückliches Familienleben. (Raphael Bonelli, 18.5.2018)

    • Auch an die dunklen Seiten von 68 denken.
      cartoon: michael murschetz

      Auch an die dunklen Seiten von 68 denken.

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