Kusej inszeniert "Don Karlos": Nur wer die Menschen liebt, quält sie

    18. Mai 2018, 16:08
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    Aus Friedrich Schillers Drama destilliert Martin Kusej am Münchner Residenztheater ein finsteres Lehrstück über Mittel und Wege totaler Herrschaft. Eine große, weil zutiefst beunruhigende Inszenierung

    Im Reich der spanischen Habsburger, in dem die sprichwörtliche Sonne nicht untergeht, herrscht eine schlimme Energiekrise. Lichtpunkte tanzen durch die bleierne Dunkelheit des Residenztheaters in München. Das karge Land, das Friedrich Schillers Titelheld Don Karlos doch einmal erben soll, um "der Menschheit verlor'- nen Adel wiederherzustellen": Es entbehrt schmerzlich vernünftige Lichtquellen.

    Die Finsternis ist hausgemacht. Nackte, anonyme Menschen werden nach vorn über die Bühne gezerrt und in eine Zisterne gestürzt. Bittet der Despot Philipp (Thomas Loibl) seine Granden zur Unterredung, so sinkt auf Annette Murschetz' Bühne ein quadratischer Kristallluster herab. Er hängt unerreichbar hoch und misst allein schon die Fläche einer gutbürgerlichen Stube.

    Doch genau vom Verfehlen bürgerlichen Maßhaltens, von der Verachtung der Vernunft erzählt, gewohnt unversöhnlich, Martin Kusej. Seine Regentschaft am Bayerischen Staatsschauspiel neigt sich zum Ausklang der vorletzten Saison ihrem Ende entgegen. Er wird an die Burg wechseln. Und den Wienern stehen nicht so sehr unglückliche als ganz einfach finstere Zeiten bevor. König Philipp ist, mehr noch als Herrscher, ein Beherrschter. Die Rechte ist ihm zur Faust verkrüppelt. Sein Haar steht ab, den schmalen Leib kasteit er mit Kaltwassergüssen.

    Karl (Nils Strunk), sein ungeliebter Sohn, weiß mit den mehrbödig widerhallenden Reden der Schranzen und Beamten nicht das Geringste anzufangen. Er wäre womöglich sanguinisch, hätte ihm der graue Herr Papa vor Zeiten nicht die Braut entwendet und sie, die kunstblonde Elisabeth (Lilith Häßle), kurzerhand zu Karls Stiefmutter gemacht. Was den Erbprinzen wiederum in die theatralisch fuchtelnden Arme des schnarrenden Marquis Posa (Franz Pätzold), eines Tugendterroristen, treibt.

    Hochgekipptes Nagelbrett

    Karlos soll nach Flandern gehen und dort gemeinsame Sache mit den Freiheitskämpfern machen. Aus der stark idealtypischen Verkörperung ewiger Prinzipien (Herrschaft versus Freiheitsdrang) erwächst ein Treiben, das man sich scheut, munter zu nennen. Schillers Figuren stehen wie Schattenrisse auf Murschetz' Bühne. Politische Aussprachen finden bevorzugt vor einer Klappkulisse voller Keile statt. Dieses hochgekippte Nagelbrett legt einen Begriff von Politik nahe, der die Geltung absoluter Macht aus der Tortur der Körper ableitet.

    So erzählt Kusejs atemberaubende Inszenierung von einem Zuviel auf der einen Seite: von der Übermacht des Despotismus, vom allgegenwärtigen Tod. Auf der anderen Seite exponiert sie die rührenden Mängel und Schwächen auf menschlicher Seite. In der Habsburger-Diktatur wissen Herrscher und Untertanen nicht, wohin mit ihren Körpern. Karlos verfällt während der fruchtlosen Aussprache mit dem Papa auf die Idee, Liegestütze und Klappmesser zu machen. Verkehrt er innig mit Freund Posa, stützt er sich auf allen vieren auf den Daliegenden. Umgekehrt entdeckt der Tyrann in Posa nicht nur einen (potenziellen) Verbündeten. Er drückt den Dampfplauderer noch vor Schließung eines allfälligen Bündnisses an sich wie einen Bettschatz.

    Vertrackt stellt sich auch die Situation der Frauen dar. In Aranjuez, dem Sommersitz, kauern die Damen resigniert am Wasserloch. Wie um das Maß der Gewaltherrschaft vollzumachen, kippen sie als Mannequins Milch ins nasse Grab so vieler anonymer Aufrührer. Regungen erreichen die Mitwelt nur noch als gedämpfte Reflexe. Einzig die Eboli (Meike Droste) entwickelt über den Umweg von Intrigen erotischen Eigensinn. Sie wird, gegen Ende dieser Prinzenvernichtung mit Ansage, ausgestreckt ins Wasser kippen. Droste spielt das unbeugsam, noch dann, wenn sie als überführte Buhlin kurzerhand die Scham entblößt.

    Verkehrtes Prinzip

    Üblicherweise hielten Schiller und Konsorten ihren Fürsten Spiegel vor. Von deren Bildern sollten Autokraten die Überlegenheit des bürgerlichen Freiheitsbegriffes ablesen. In Kusejs faszinierender Anordnung scheint das Prinzip verkehrt: Er zeigt den Bürgern den Schatten ihrer Ordnung, das Zerrbild von Willkür und Gewalt. Wer möchte, darf auch an die demokratiepolitische Verfinsterung Europas denken.

    Der Großinquisitor (Manfred Zapatka) erscheint am Schluss als alter Penner zwischen Leichensäcken. Der spirituelle Verweser der Macht als Organ der Müllentsorgung: Für solche Befunde ernteten Kusej und sein tolles Team etliche Buhs. Aber wie oft straft man nicht den Boten für die Überbringung schlechter Nachrichten. Ein unbehaglicher, großer, vierstündiger Abend. (Ronald Pohl, 18.5.2018)

    • Als habsburgischer Prinz wird Karlos (Nils Strunk) alle diese Dornen in Madrid einmal erben: eine Aussicht, die ihn nicht eben froh stimmt.
      foto: matthias horn

      Als habsburgischer Prinz wird Karlos (Nils Strunk) alle diese Dornen in Madrid einmal erben: eine Aussicht, die ihn nicht eben froh stimmt.


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