Im Wartesaal des Lebens

    21. Mai 2018, 08:00
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    Pragmatismus statt Dogmatismus, Antiideologie als Weltanschauung, Twitter statt Engagement: Universitäten und Studierende haben ihre Rolle als Motor der politischen Veränderung eingebüßt – und versagen dadurch auch gesellschaftlich

    An den Universitäten herrscht Totenruhe. Zumindest im Vergleich mit 1968. Statt wie einst fidel aufs Katheder zu defäzieren (siehe Spurensuche von Hans Rauscher), kommt das Gacki bei den Studenten unserer Tage brav ins Sacki. Dafür gibt es sechs ECTS-Punkte. Konformität scheint die erste Priorität im Curriculum zu sein. An den Hochschulen heute tummelten sich "Langweiler" und "traurige Streber", so nörgeln Altvordere, die es in den 1960er- und 1970er-Jahren krachen haben lassen.

    Was ist geschehen an den Unis? Wo sind die Debatten, die Gesellschaften umtreiben? Wo ist die Systemkritik? Wo Rebellion? Wo der Tabubruch? Wo das Aufbegehren, gegen die Orthodoxie, gegen gewöhnliche Gedanken, gegen die Langeweile?

    Die einzigen Studentenunruhen, von denen zuletzt zu vernehmen war, fanden in Frankreich statt. Dort solidarisierten sich die Hochschüler mit den Bediensteten der Staatsbahnen, um deren unerhörte Privilegien zu verteidigen. Ein Studentenstreik nicht etwa für bessere Bedingungen an den Hochschulen, sondern für Unkündbarkeit, Frühpension und 50 Tage Urlaub bei den SNCF – eine exzentrische Idee, aber immerhin eine Idee.

    Gesinnung am Revers

    Bei den 68ern mag es darum gegangen sein, die Welt neu zu deuten und zu verändern. Heute wird an den Universitäten noch immer viel diskutiert, aber ebenso viel hingenommen. Ob in Sachen Klimawandel, Kapitalismuskritik, Digitalisierung oder Globalisierung – die Ideologien der vergangenen Tage gelten vielen Studierenden als gescheitert. Statt Dogmatismus herrscht Pragmatismus.

    Trugen die einen ihre Gesinnung noch als Button am Revers vor sich her ("Atomkraft, nein danke!"), ist die Haltung der anderen jene der stillen Antiideologen. Müssten Letztere assoziieren, wäre Bologna für sie ein Prozess. Und nicht "la grassa, la dotta o la rossa" – die fette, die gelehrte, die politisch rote Stadt, die seit Jahrhunderten eines der Zentren des europäischen Geisteslebens ist.

    "Die jetzige Studentengeneration ist nicht unpolitisch, aber sie würde auch nicht aufstehen für eine Sache", sagt der Grazer Soziologe Christian Fleck im STANDARD-Gespräch. Das Höchstmaß an zivilgesellschaftlichem Engagement sei oft Twitter. Bei vielen könne man eine merkwürdige Zukunftsangst feststellen. Und viele dieser Generation verirrten sich auch an die Unis, weil sie sonst nichts zu tun hätten – "sie begeben sich in den Wartesaal des Lebens".

    Dabei, ärgert sich Fleck, gehe es nicht mehr um Bildung. Die Universitäten müssten ja alle nehmen (in seinen Lehrveranstaltungen sitzen die besten drei bis fünf Prozent der Studenten eines Jahrganges, die er jemals unterrichtet hat, neben einem zunehmenden Anteil an funktionalen Analphabeten). Und – Kritik und Selbstkritik – auch die Universitäten überließen die jungen Leute sträflich ihrem Schicksal.

    Vor fast 150 Jahren hat Friedrich Nietzsche in Basel eine Vortragsreihe "Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten" gehalten. Darin unterschied er Bildung und Ausbildung, derer es bedürfe, damit Menschen ihre Lebensnotdurft bestreiten können. Für das eine waren die Universitäten zuständig, für das andere die Fach(hoch)schulen. Heute scheint diese Differenzierung kaum noch zu gelten. Auch das steht hinter der seltsamen Flaute an den Unis.

    Muße und Präsenz

    Der Grazer Rechtsprofessor Christoph Bezemek schrieb unlängst im STANDARD: "Wir (also die Unis) hatten schon bessere Zeiten; jedenfalls soweit man unsere Funktion, Reservoir und Katalysator eines kritischen gesellschaftspolitischen Diskurses zu sein, als Gradmesser nimmt. Wir waren mit Blick darauf schon einmal deutlich präsenter, als wir es heute sind. Aber wir waren mit Blick auf diesen Diskurs vielleicht auch schon deutlich inspirierter und damit deutlich inspirierender, als wir es heute sind; auch weil wir wohl unangepasster, unorthodoxer, vielleicht auch unliebsamer, jedenfalls aber unbequemer waren, als wir es heute sind." Und: "Es braucht Muße und Präsenz, um Muße und Präsenz leben zu können. Das indes setzt in einem ersten Schritt voraus, Muße und Präsenz, gelebte Intellektualität, kurz: akademische Bildung wieder als Wert an sich zu begreifen."

    Eine Uni ist kein Wettlokal. Dennoch: 100 ECTS-Punkte darauf, dass dann auch wieder gesellschaftliche Debatten an den Unis und ihre Relevanz zunehmen würden. (Christoph Prantner, 21.5.2018)

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      foto: apa / helmut fohringer
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