Dreißigjähriger Krieg: Versagen, Scheitern, endloses Morden

    21. Mai 2018, 18:00
    115 Postings

    Vier gewichtige Bücher beleuchten diesen gesamteuropäischen Konflikt, der Millionen Opfer forderte, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln

    foto: picturedesk
    Plünderung eines Dorfs 1619: Am Ende des Dreißigjährigen Kriegs waren acht Millionen Menschen tot, umgekommen durch Gewalt, weggerafft von Epidemien.

    "Das Leid ist hier, / Da sehen wir / O grosser Gott, / Wenn dein Gebot / Nicht wird vollbracht, / Was Krieg vnd Schlacht / Vns denn für grossen Jammer macht." Das schrieb der Lyriker Simon Dach (1605-1659) im Jahr 1635. Sein Leid-und-Ach-Gedicht überschrieb er, damals Lehrer an der Domschule in Königsberg – drei Jahre später wurde er Professor für Dichtkunst -, mit "Als die hochlöblichen Crohnen Pohlen vnd Schweden nach abgelauffenem Sechs-jährigen Stillstand in Preussen, sich wiederumb zum Krieg rüsteten".

    Siebzehn Jahre zuvor, am Vormittag des 23. Mai 1618, hatte ein Mann bereits lebensbedrohlichen Jammer durchgemacht. Wilhelm Slavata war Präsident der Böhmischen Kammer und königlicher Statthalter zu Prag, somit oberster Stellvertreter Habsburgs in den böhmischen Ländern. Er war mächtig und durch Heirat wohlhabend. Nun aber klammerte er sich an den Sims eines Fensters der Prager Burg und hing in luftigen 17 Metern Höhe. Sein Amtskollege Jaroslav Martinitz war als Erster von den fünf Männern, die sie überwältigt hatten, aus dem Fenster geworfen worden. Und dann konnte sich Slavata nicht mehr halten, fiel, verletzte sich schwer. Es folgte noch Philipp Fabricius von Rosenfeld, der am wenigsten Schaden davontrug, er landete verblüffenderweise im Burggraben auf den Beinen, ohne sich etwas zu brechen. Fabricius war es auch, der nach Wien reiste und den Kaiser in Kenntnis setzte vom "Prager Fenstersturz". Mit dem der Dreißigjährige Krieg einsetzte, der keine Grenzen, keine Begrenzungen, keine Loyalitäten kannte, weder politische noch religiöse noch militärische.

    An seinem Ende waren acht Millionen Menschen tot, umgekommen durch Gewalt, mehr noch weggerafft von Epidemien. Als man 1648 in Münster sich auf Frieden einigte, sah die Landkarte der Macht und der Einflusssphären von Politik und Religionen in Zentraleuropa vollkommen anders aus als 30 Jahre zuvor. Und mehr als eine Generation war so wie Dach aufgewachsen mit Not, Elend, Tod, Schlachten, Belagerungen, endlosen Verheerungen zwischen Ost- und Bodensee, von Böhmen und dem Elsass bis nach Brabant und Pommern.

    Der Dreißigjährige Krieg wurde zur metaphorischen Folie für spätere Konflikte, für das Grauen des Ersten Weltkriegs wie für die Entsetzlichkeiten des Zweiten. Bis heute ist er rhetorisch-historischer Referenzpunkt. Er war nicht nur der erste, der durch Buchdruck und Holzschnitt medial ins Gedächtnis sich einbrannte. Sondern an diesem europäischen Konflikt war zu sehen, dass ein Krieg, der viele Jahre andauert, stetig eskaliert, sich permanent perpetuiert und zu beenden fast unmöglich ist.

    Tragödie und Trauma

    Drei Neuerscheinungen drücken diese Mentalitätstradition schon in ihren Titeln aus. Von Tragödie schreibt der Brite Peter H. Wilson, der Berliner Politikwissenschafter Herfried Münkler annonciert europäische Katastrophe und deutsches Trauma und der Historiker Georg Schmidt aus Jena die Reiter der Apokalypse.

    Wilson, Militärhistoriker an der Universität Oxford, lässt sich viel Zeit, um ein imposantes, weit gespanntes Panorama auszumalen. Erst auf Seite 344 beginnt bei ihm der Krieg. Der Vorteil seines Buches, das in England bereits im Jahr 2009 erschien, ist die angelsächsische Schule historischen Erzählens: auf diskrete Weise spannend, stets informierend, ohne zu belehren, und herablassungsfrei. Er geht chronologisch und sehr übersichtlich vor und schildert ausführlich die Entwicklungen seit dem späten 16. Jahrhundert. Ein grandioser Einstieg, auch dank Karten und Abbildungen, ohne dass man über größere Vorkenntnisse verfügen muss, um die Heerscharen und die Vielzahl an auf- und abtauchenden Namen umgehend einzuordnen, ein enorm kundiges Gesamtbild.

    Tatsächlich war es damals so, dass die Randländer Europas zeitgleich einen Aufschwung nahmen, die Niederlande beispielsweise. Und während sich im wirtschaftlich vollständig darniederliegenden Mitteleuropa die Landschaften entvölkerten, stritten sich in Britannien die Könige der Stuart-Linie ausdauernd mit dem Parlament, bis König Charles I. geköpft wurde und Cromwell eine erste kurzlebige Variante einer parlamentarischen Demokratie errichtete. Schweden hingegen ließ nach dem Tod Gustav II. Adolfs bei Lietzen 1632 alle kontinentaleuropäischen Interessen innerhalb des politmilitärischen Schlachtentableaus fahren, zog sich auf den Ostseeraum zurück, wurde zur Regionalmacht.

    Deutschland selber brauchte 220 Jahre, bevor sich in dem kleinteiligen Fleckenteppich von Königreich bis Duodezfürstentümern eine politische Einheitlichkeit einstellte – per Bismarck'schem Oktroi und unter Mithilfe des militärisch überforderten dritten Napoleon. Preußen wurde erst 1701 zum geografisch zerrissenen Königreich, dann nochmals zwei Generationen später unter Friedrich dem Großen zu einer Militärmacht, die es mit Österreich aufnahm.

    Lässt sich also etwas lernen? Herfried Münkler, der viel über Kriege publiziert hat, zeichnet ebenfalls die Winkelzüge, Bataillen und politischen Rankünen der skrupellos flottierenden Feldherren, "Warlords" avant la lettre, nach. Doch als Politikwissenschafter setzt er andere, theoretischere Akzente. Er will das "Antiquarische" zur Seite schieben und fragt: War dieser Krieg eine Blaupause für Kriege des 21. Jahrhunderts? Was lässt sich aus den blutigen Vorgängen lernen – und Münkler erzählt entgegen seinem Ansatz mit detaillierter Verve viele Schlachten nach – für heutiges Peacekeeping? Am Ende faktisch überzeugender als seine Ableitung für die Zukunft ist aber seine Schilderung der Historie.

    Aberglaube und Apokalypse

    Georg Schmidt ist weder so pointiert überspitzt noch so prononciert einseitig wie Münkler und auch kein solch prägnanter Erzähler wie Wilson. Seine Darstellung ist solide, soigniert und kundig, hie und da etwas phlegmatisch. Im Gegensatz zu Münkler betont er das Denken jener Zeit, vor allem die Religiosität der einfachen Bevölkerung, der der Krieg als Strafe, als Gottesgericht vorkam.

    "Niemals ein Comet hat gebrannt / Der nicht schadete Leuten / Stadt und Land." Im Herbst 1618 versetzte ein lange deutlich am Himmel zu sehender, gewaltig heller Komet die Menschen in Angst und Schrecken. Vor allem die Pfarrer der lutherischen Glaubenskongregation versetzten in Weltuntergangspredigten die Menschen in helle Aufregung, lösten Panik aus. Massenhysterien brachen aus. Ein böses Zeichen wie dieses konnte nur noch Böseres nach sich ziehen. Der Klerus zog alle Register seiner astronomischen und biblisch-astrologischen Bildung. Und beschwor grenzenloses Unheil. Dieses scheinbare Seitenthema des Krieges leuchtet der Berliner Neuzeithistoriker Andreas Bähr elegant aus. Plastisch schreibt er über die Sternenfixierung aller Schichten, von Wallenstein bis zum Landvolk. Auch für Johannes Kepler bestand ein direkter Zusammenhang zwischen dem "Winterkometen" und dem Ausbruch von Seuchen im Frühjahr 1619. Eine hochinteressante Ergänzung zum barocken Krieg ist dieser materialgesättigte Essay über Theologie, Wissenschaft, Kosmologie, Traumata und Heilsgeschichte.

    Als am 1. August 1914 Thomas Mann in der Sommerfrische die Nachricht erhielt, das Deutsche Reich habe Russland den Krieg erklärt, schaute er nach oben: "Nun wird wohl auch gleich ein feuriges Schwert am Himmel erscheinen." Vier Jahre zuvor war neuerlich ein Komet zu sehen gewesen. Zwei Jahre danach erschien der erste Band von Ricarda Huchs Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. (Alexander Kluy, 21.5.2018)


    • Andreas Bähr, "Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg". € 20,60 / 304 Seiten. Rowohlt, 2017
    • Herfried Münkler, "Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648". € 41,10 / 976 Seiten. Rowohlt Berlin, 2017
    • Georg Schmidt, "Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges". € 32,90 / 816 Seiten. Verlag C. H. Beck, München 2018
    • Peter H. Wilson, "Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie". Aus dem Englischen von Thomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt. € 51,40 / 1144 Seiten. Theiss-Verlag, 2017
    Share if you care.