Sargnagel auf Österreich-Tour: Auf zu Kraftorten der heimischen Seele

    Video19. Mai 2018, 09:00
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    Die Schriftstellerin und ihr Kompagnon Aron Rosenfeld verlieren am zweiten Tag der Autostopp-Reise ihr Zelt und trampen nach St. Pölten

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    ARON ROSENFELD: Wir verlassen Mähren und wiederholen damit im Kleinen, was Österreich als Nation beim Untergang der Monarchie durchlebte, mit dem bedeutsamen Unterschied, dass wir heute im Großen und Ganzen nicht mehr leiden an jenem schicksalhaften Verlust der Kronländer, den viele Untertanen des Kaiserreichs wie eine bei vollstem Bewusstsein durchgeführte Amputation von Gliedern ihres eigenen Körpers empfanden. Treffend sprachen sie folgerichtig vom "Rumpfstaat" der Ersten Republik.

    Heute sind wir vollständig geheilt von territorialen Phantomschmerzen jeglicher Art, und selbst die Rechten wollen die Staatsgrenzen nicht erweitern, sondern hochziehen. Seit 1945 gilt "small is beautiful", und jede Reise in den ehemals schwarz-gelben Kulturkreis fühlt sich an wie das Treffen mit einer langjährigen Exfreundin, zu der man inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

    Wir kehren heim und beginnen unsere Pilgerfahrt zu den Kraftorten der österreichischen Seele nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Wien an einer OMV-Tankstelle nahe Purkersdorf, wo wir uns mit treuherzig ausgestreckten Daumen neben die Leitplanke stellen.




    STEFANIE SARGNAGEL: In der Früh machen wir uns nach dem Senden unserer Berichte fertig, um per Anhalter durch den Nieselregen nach Österreich einzudringen. Wir bereiten uns mental auf die Beschwerlichkeit des Weges vor, da erreicht uns überraschend ein Mail der STANDARD-Redaktion und pfeift uns zurück nach Wien. Sie hätten gern Videos unserer Reise und hätten dafür ein iPhone vorbereitet. Oida, was wollen die denn noch alles für das miserable Honorar, mehr als fünf Sätze ausm Urlaub seh ich da eigentlich nicht drin.

    Wir geben uns geschlagen und nehmen den Zug zurück in die Comfort Zone Wien, diese Kapitulation reißt ein Loch in den gelösten Landstreichervibe, und in der U-Bahn verlieren wir auch noch unser Zelt. Damit der Tag nicht völlig verloren ist, stoppen wir nach dem Besuch in der Redaktion gleich los nach St. Pölten. Das Marschieren mit schweren Rücksäcken an autobahnnahen Unorten gehört zu unseren Lieblingsbeschäftigungen beim Trampen, es stärkt den Rücken und schärft den Geist.

    Nach nur 15 Minuten nimmt uns jemand mit. Man würde denken, die Menschen, die einem eine Mitfahrt anbieten, wären tendenziell verlauste Alternative in abgeranzten VW-Bussen, aber es sind im Gegenteil solide und gepflegt wirkende Leute mit schönen Autos und einem gesetzten Leben.

    Der Mann, der stehenbleibt, trägt ein Sakko und ist der Pressesprecher eines großen österreichischen Versicherungsunternehmens. Er schwärmt von der barocken Altstadt St. Pöltens und erzählt von seiner Jugend in einem steirischen Priesterseminar. In der Kindheit wollte er Priester werden, später Filmemacher, und jetzt lebt er seine Freude an filmischer Dramaturgie in der Unternehmenskommunikation aus. Im Radio läuft Ö1. An der Traisen lässt er uns aussteigen und wir verabschieden uns dankend.

    Diese kurzen Begegnungen mit unbefangener Hilfsbereitschaft beim Autostoppen legen uns einen warmen Flausch übers Herz. (Aron Rosenfeld, Stefanie Sargnagel, 19.5.2018)

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