Marlene Streeruwitz' Prinzessinnenkunde

    19. Mai 2018, 08:00
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    Die königliche Hochzeit am Samstag in Windsor wirft feministische Fragestellungen auf. Warum? Weil erstens: jede Frau eine Prinzessin war. Und zweitens: jedes kleine Mädchen auf der Welt Prinzessin werden soll

    Zuerst einmal ist jede Frau eine Tochter. Über alle soziologischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Veränderungen hinweg hat sich die eine Grundstruktur der Kernfamilie erhalten: die elterliche Fürsorge des Elternpaars. Zwei Personen finden sich zusammen und ziehen Kinder auf. Ja. In Österreich. Im Familienrecht wurde durch die Gleichstellung der Eltern in Bezug auf die Kinder in dieser Fürsorge vor zwei Jahren die Kernfamilie noch deutlicher als der Ort definiert, an dem die Kinder versorgt werden sollen. So liebevoll wie möglich und unter Wahrung der Kinderrechte. Die Kernfamilie. Die Gattenfamilie. Durch alle und auch gegen manche Zeiten. Diese Familienform ist bei uns dadurch gekennzeichnet, dass die Beziehung der Eltern monogam sein soll. Das neue Paar bezieht einen eigenen Wohnsitz. Die Eltern sind einander verbunden. Das Familienleben entsteht aus dieser Verbundenheit.

    foto: ap
    Ikonografisch der Kuss zwischen Diana und Charles am 29. Juli 1981: "Diana blieb Prinzessin, selbst als ihr der Titel aberkannt worden war ..."

    Gesellschaft stellt sich auch mit der Gleichberechtigungskernfamilie durch Inzestverbot her. Die Partner oder Partnerinnen werden außerhalb der Verwandtschaft gesucht. Durch Verschwägerung entsteht das Netzwerk neuer Verbindungen. Das bedeutet. Das kleine Mädchen wird später einmal einen Mann aus einer ganz anderen Familie heiraten. Und. Geheiratet wird ja weiterhin. Weiterhin bleibt die Hochzeit Ort und Gelegenheit der Verkündigung der Aus-Heirat der Tochter.

    Die Tochter. Das kleine Mädchen. Sie wird von Anfang an als die Braut eines anderen entworfen. Der Vater repräsentiert zwar die Vorstellung von so einem späteren Mann. Das Inzestverbot zwingt den Vater aber, das kleine Mädchen als Nicht-Frau-Frau zu sehen. Während der kleine Bub als Wiedergeburt des Vaters zum Sohn wird. Und daraus zum Mann. Das kleine Mädchen wird wie die Mutter eine Frau werden. Aber gerade in diesem Prozess des Frauwerdens bleibt sie durch das Inzestverbot unerreichbar. Die kleine Tochter bleibt darin eine Fremde. Gleichzeitig ist es der Körper dieser Tochter, der die gesellschaftlichen Beziehungen durch die Aus-Heirat herstellen wird. Darin wiederum ist dieser Körper Repräsentation des Vaters. Und seiner Macht. Und wird darin wiederum in den feudalen Heiratspolitiken sichtbar. Immer noch und weiterhin.

    Diese Vaterposition ist kulturell vermittelt. Sie wird immer noch und weiterhin in jedem einzelnen Vater und den Müttern je andere kulturelle Erbschaften und Errungenschaften aufweisen. In solch vererbten Ahnungen. "Sie wird ja einmal weggehen", ist da zu hören. "Sie wird mich verlassen. Später einmal."

    Die Töchter der Oligarchen

    Das kleine Mädchen wird vom Vater zur Prinzessin darin gemacht, dass sie jetzt einmal etwas Besonderes ist. Solange sie in der Familie lebt. So lange ist sie eine Wegzugehende. Sie ist die gesellschaftliche Migrantin, die nur jetzt gerade verwöhnt werden kann. Erzogen werden kann. Beherrscht. Verhätschelt. Geschätzt. Überschätzt. Unterschätzt. Die Tochter ist die Prinzessin in der Ahnung des Vaters ihres Triebschicksals als Frau. In der feudalen Wirklichkeit. Einmal. Damals. Und in der oligarchischen Realität heute. Oder der Familie Trump. Die Töchter. Sie werden wie immer schon zu Tauschobjekten der Befriedung und des Machtgewinns. Wie die Prinzessinnen der Feudalzeiten den Feinden gegeben wurden. Erinnern wir uns an Napoleons Hochzeiten. Heute werden die Töchter der Oligarchen mit anderen Vermögen verheiratet. Oder ein Immobilienvermögen wird mit einem anderen Immobilienvermögen verheiratet. Immer werden aus den Schwagerbeziehungen neue Herrschaftsmöglichkeiten produziert und durch die von den ehemaligen Prinzessinnen zu gebärenden Erben für die Zukunft gesichert.

    In der Gleichberechtigungskernfamilie ist das nicht so gewalttätig. Aber. Bei den Hochzeiten. Immer noch weinen die Väter die Tränen über den Verlust der Tochter. Ihre Prinzessin ist nicht mehr ihre Prinzessin. Sie wird nun selbst die Königin eines anderen. Und bei allen guten Wünschen des Vaters. Das ist ein Abschied. Auch für die Tochter. Die alten Gesetze der Aus-Heirat bringen in Erinnerung, dass es um Gesellschaft ging. Beim Heiraten.

    Heute. Es ist der Staat und nicht die feudalen Väter, die die Rahmenbedingungen bestimmen, in denen die Kernfamilien leben müssen. Heiraten. Hochzeiten. Die hohe Aufmerksamkeit auf dieses Ereignis. Im Grunde ist es eine Demonstration der Unabhängigkeit in der Entscheidung. Die Neigungsehe hat gesiegt. Über Jahrhunderte war der Kampf geführt worden, den Partner oder die Partnerin frei wählen zu dürfen.

    Nicht mehr gesetzlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Zwängen unterworfen in die Ehe wie in ein immerwährendes Gefängnis geführt zu werden. Gleichzeitig ist die Heirat eine Einordnung in die staatlichen Vorschriften, wie Familie zu leben ist. In dieser Ambivalenz der freien Partnerwahl und der Einordnung in die staatlich bestimmte Institution Familie. In der Logik dieser Ambivalenz ist es richtig, die Braut wie eh und je im weißen Kleid auftreten zu lassen. Im Nachvollzug kultureller Normen von lange her und im Wunsch, sich einzuordnen und diesen Wunsch zu veröffentlichen. Es findet ein Neubeginn statt. Und. Es drückt sich der Nichtvollzug kultureller und gesellschaftlicher Gleichberechtigung der Geschlechter in der Inszenierung der Hochzeiten aus. Der Vater führt die weiß gekleidete – und womöglich verschleierte – Braut zum Altar. Dort erwartet der Bräutigam auf sie. Er ist umgeben von den gleichaltrigen Trauzeugen. Die Frau wird dem Mann zugeführt. Das ist eine Wahrheit, die da aufgeführt wird. Die Prinzessin wird vom Vater weggegeben, wird nicht mehr seine Prinzessin sein. Es wird die Braut nicht mehr geopfert. Ein Lebensabschnitt ist abgeschlossen. Etwas Neues beginnt.

    Frozen und Elsa-Manie

    Und heute. Die Prinzessinnen werden immer jünger. Das hat viele Gründe. Einer davon ist die Verstärkung der Bedeutung der horizontalen Kommunikation der Altersgruppen untereinander gegen die Kommunikation von Generation zu Generation. Das wird von der Unterhaltungsindustrie durch Marketingstrategien hergestellt und verstärkt.

    Erinnern wir uns an den Film Frozen und die immer noch herrschende Elsa-Manie. Von Anfang an können kleine Mädchen als Prinzessinnen verkleidet werden. Das können sie vor allem mithilfe der Merchandising-Produkte der Walt Disney Company. Die spektakulären Einnahmen aus dem Kartenverkauf für die Prinzessinnenfilme wie Frozen werden von den Einnahmen aus dem Merchandising weit übertroffen.

    Prinzessinnenfilme wie Frozen sind die Produkte, die der Walt Disney Company zur Erfüllung ihres Mission-Statements verhelfen. Darin wird angekündigt, dass die Walt Disney Company "one of the world's leading producers of entertainment and information" sein will. Es geht also um die Weltherrschaft. Darin wiederum äußert sich die christliche Evangelikalität der Walt Disney Company. Weltmission ist evangelikaler Auftrag. Weltherrschaft ebenso. Die Vorgänge um die US-amerikanische Botschaft in Jerusalem sind auf solche christlich-evangelikale Aufträge zurückzuführen.

    Evangelikale Christlichkeit, wie sie von Walt Disney dem Konzern zum Ziel gegeben wurde. Evangelikale Christlichkeit. Das bedeutet fundamentalistisch-patriarchale Kleinfamilie mit dem Vater als Herrscher über Frau und Kinder. Evangelikale Christlichkeit. Das bedeutet die Anerkennung von Privatbesitz und Marktwirtschaft. Eine Wirtschaftsvorstellung ist das, in der der religiöse Glaube die Grundlage des Reichtums darstellt. Jemand, der kein Geld hat, der oder die hat einfach nicht genug oder nicht richtig an diesen evangelikalen Gott geglaubt. Reichtum ist da von Gott gegeben und beglaubigt und vor gesellschaftlichem Zugriff zu retten. Gesellschaft. Das ist der Zusammenschluss der Gleichgläubigen. Der Staat wird abgelehnt. Demokratie kommt in dieser Glaubensform nicht vor.

    Und wie gesagt. Dieser Glaube ist in aktiver Mission in der Welt zu verbreiten. Die Walt Disney Company erfüllt diesen religiösen Auftrag mit den Prinzessinnenfilmen und den Merchandising-Produkten und verdient Unsummen.

    Die vatergemachte Prinzessin wird so weltweit verkündet. Mittlerweile widersprechen diese Prinzessinnen und sind nicht nur einfach sehr brave Mädchen. Aber das waren sie ja ohnehin nie. Da müssen wir uns nur an Prinzessin Diana erinnern. Ihre Geschichte allerdings. Die steht den Disney-Prinzessinnen diametral entgegen. Am Anfang. Erinnern wir uns. Eine kindlich scheue und sehr junge Person wird in einem mittelalterlichen Ritual in einer Riesenkirche an einen Königssohn vergeben. Auf den Fotos und Filmen. Sie scheint ihr Kleid nicht auszufüllen. Schlägt die Augen nieder. Starr und mit gebeugtem Kopf. In den Augen der damaligen Gesellschaftsmedien war zu erwarten, dass sie ihre Prinzessinnenaufgaben in aller Stille und in allem zurückhaltenden Stil erfüllen würde. Und vielleicht. Wenn sie nicht die Prinzessin geworden wäre, sondern die Königin. Vielleicht wäre das eine ganz andere Geschichte geworden. Princess Diana wurde aber durch die Heirat erst zur Prinzessin. Und schauen wir uns die Disney-Prinzessinnen an. Sie toben und rebellieren als Prinzessinnen. Dann aber heiraten sie und werden unserem Blick entzogen. Als Ehefrauen. Da ist es mit dem Toben und Rebellieren vorbei. In der Tradition der Vaterfamilie werden die Prinzessinnen dann eben Mütter und verschwinden. Wie rechte fundamentalistische Männerträume das sich so vorstellen. Und. Solche Geschlechterfantasien grundieren ja auch die Familienpolitik heute hierzulande ganz offiziell. Als Frauen. Die kleinen Prinzessinnen werden zu kleinen Prinzessinnen gedacht, damit sie später ihren Platz kennen.

    In Frozen schaut das so aus: Elsa besitzt von Geburt an die zerstörerische, ja tödliche Kraft, dass sie durch Berührung mit ihren Händen alles zum Erfrieren bringen kann. Gegen diese Kraft zieht ihr ihr Vater Handschuhe über diese Hände. So zähmt er sie. Dann aber lässt die Dramaturgie des Filmskripts den Vater im Meer ertrinken, und Elsa bleibt mit ihrer Schwester zurück. Der Film erzählt uns die Geschichte, wie Elsa diese Kraft zu beherrschen lernt.

    In der Logik des evangelikalen Auftrags der Unterhaltungsprodukte der Walt Disney Company endet diese Pubertätssymbolik der Zähmung des Sexualtriebs damit, dass Elsa das Eis für einen Eislaufplatz zaubert. Eine dicke kleine Untertanin von ihr dreht ihre Runden auf dem Eis. Elsa ist domestiziert. Sie zerstört nichts mehr. Keine himmelhochaufgetürmten Glaspaläste entstehen durch ihre Handbewegungen. Kein Schneesturm verhüllt die Welt. Elsa hat sich unschädlich gemacht. Dementsprechend schaut sie ratlos in die Kamera. Und. Die letzten Bilder von Elsa könnten die ersten Bilder von Princess Diana sein. Ratlosigkeit darüber, wohin eine da nun gelangt ist. Und. Es wird ja nicht gelogen. In den Medien. Es muss die Wahrheit nur gelesen werden können. Von Princess Diana wissen wir heute, dass sie die Prinzessin blieb, die sie durch Heirat geworden war. Princess Diana wurde in den Augen der Öffentlichkeit nie zur Frau. Sie blieb die Prinzessin, die sie von Geburt nicht gewesen war, an der Seite ihres ältlichen Prinzen. Die Kinder änderten daran nichts. Sie blieb die ewige Braut. Ihre Stilllösungen betonten das. Sexuell provokant und witzig flirtete sie mit der ganzen Welt und ließ ihren Prinzen weit hinter sich. Sie blieb Prinzessin, als ihr der Titel aberkannt worden war und man sie nur noch höflicherweise mit "highness" anreden konnte. Ihre Modernität bestand darin, sich wie jede Frau als Prinzessin als etwas Besonderes zu fühlen. Es ging um Teilnahme an der Welt. Ihr patriarchal-reaktionärer Prinz hatte dafür keine andere Lösung, als in ein Konkubinat zu flüchten.

    Das war für Princes of Wales in der Geschichte immer ein erprobtes Mittel, die Anforderungen des Hausgesetzes der Windsors und die persönlichen Wünsche des Männlichen zu harmonisieren. Als Princess Diana eine ähnliche Lösung der Probleme anstrebte, war es mit dem Amüsement vorbei. Auch das Haus Windsor und die Church of England mussten sich in die Gleichberechtigungskernfamilie einordnen. Den Machtverhältnissen entsprechend wurde dann doch für die serielle Polygamie durch die Einführung der Scheidung gesorgt. Meghan Markle profitiert auch hier von ihrer Schwiegermutter.

    Prinzessinnengipfeltreffen

    Familienrechtlich ist das Patriarchat in den westlichen Demokratien überwunden. Dass das mehr mit den wirtschaftlichen Umständen zu tun hat als mit einer gelebten Gleichberechtigung, führt dazu, dass die kulturellen Erbschaften in Wiederholungsschleifen weiter ihre Wirkung entfalten können. Die Walt Disney Company kann darauf ihr Marketing aufbauen. So wird das Prinzessinnensyndrom weitergeführt, in dem der patriarchale Vater weiterwirkt, aber nicht zur Erscheinung kommt. Die Herkunft der Prinzessin aus der Vatervorstellung ihrer Weiblichkeit ermöglicht, ein imperialistisch-fundamentalistisch motiviertes Frauenbild zu transportieren.

    Auf der anderen Seite. Wenn es Prinzessin heißen muss, um sich selbst als etwas Besonderes empfinden zu können. Dann sollten wir uns alle und gegeneinander Prinzessinnen nennen. Wir sollten uns all die in diesem Wort enthaltenen Vorstellungen aneignen und reklamieren. In einer Stülpung von außen nach innen sollten wir uns als Prinzessinnen ansehen und dann eine werden. Eine umfassende Selbstverprinzessinung sollte unseren Selbstwert in der Weise vergrößern, dass wir in Ruhe sehen können, was wir nicht bekommen. Obwohl es uns zustünde. Wir sollten Prinzessinnengipfeltreffen organisieren und genau in dieser Gewissheit des Werts darüber reden. Denn. Wenn wir diesen Wert nicht einsetzen können. Einen genügend großen Selbstwert. Alle Hashtags helfen nichts, wenn wir nicht für uns selbst eintreten. Und das jeden Augenblick. Denn. Die Gegnerschaft. Die ist religiös und ideologisiert. Die denkt geschlechtliche Ungleichheit selbstverständlich mit. Jeden Augenblick. Nicht ohne Grund kommt eine auf die Absichten etwa der Walt Disney Company zu sprechen.

    In der Welt und in unserem Land. Die Lenkungsmaßnahmen, die eingeführt werden. Sie treffen nicht auf eine Kultur der Gleichberechtigtheit. Wenn also nun ein kleines Mädchen, das die Prinzessin ihres Vater ist, schlechte Noten in der Schule bekommt statt einer versprachlichten Beschreibung ihrer Person. Wenn die sadistische Festlegung durch Benotung endgültig die versprachlichten Vorschläge für Entfaltungsmöglichkeiten ersetzt. Dann wird der Prinzessinnenvater mit der negativen Einschreibung seiner Tochter in eine staatlich vorgeschriebene Skala der Beurteilung konfrontiert. Wie wird der Prinzessinnenvater mit diesem staatlichen Urteil umgehen. Wie wird das kleine Mädchen zwischen Familie und Staat gestellt sein. Ohne kulturell selbstverständliche Gleichberechtigung. Es werden alte Schichten der Geschlechterpolitik aktiviert werden. Bewusst und unbewusst. Die kleinsten Bestandteile in den Rahmenbedingungen lösen die stärksten Auswirkungen aus. Und. Nur die offensten Formen und die selbstverständlichste Demokratie lassen das zu, was der eigentliche Auftrag der Gleichberechtigungskernfamilie sein sollte. Die liebevolle und gerechte Umgebung.

    Und Prinzessinnen. Das ist wie im Theater. Die spielen die anderen. Vielleicht gelänge die Gleichberechtigung in Österreich eher, wenn alle Frauen zu Prinzessinnen deklariert würden. Und. Den Hochzeitspaaren dieses Wochenendes wünschen wir das, was wir Hochzeitspaaren immer wünschen ... glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage ...

    Weil es um Märchen geht. (Marlene Streeruwitz, 19.5.2018)

    Jeden Donnerstag gibt es jetzt von Marlene Streeruwitz eine neue Folge von "Frag Marlene. Feministische Gebrauchsanleitungen" auf YouTube. #fragmarlene

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