Grace Jones ist 70: Amazing Grace

    Video19. Mai 2018, 09:00
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    Sie war ein Star der New Yorker Disco-Ära Ende der 1970er-Jahre. Bunt waren damals viele, doch nur Grace Jones war Grace Jones

    Zur königlichen Hochzeit in London ist sie nicht ein geladen. Vielleicht können sich manche noch zu gut an die Feierlichkeiten anlässlich des diamantenen Jubiläums der Queen erinnern. 2012 war das. Zu der Zeremonie war sie eingeladen worden. Damals trat sie vor die erlauchten Gäste, im Zentrum die Queen, und begrüßte sie mit den Worten "Hallo, ihr Sklaven". Mit so etwas muss man rechnen, wenn man Grace Jones einlädt. Sie spielte ihren Hit Slave to the Rhythm und ließdabei einen Hula-Hoop-Reifen minutenlang um ihre Taille kreisen, als wäre er Teil ihres Körpers – was für ein Auftritt!

    Doch selbst wenn Grace Jones zur Hochzeit von Harry und Meghan eingeladen worden wäre, sie hätte wohl abgesagt, denn sie hat selbst zu feiern: Grace Jones wird am heutigen Samstag 70 Jahre alt.

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    Grace Jones heute – immer noch eine Erscheinung.

    Grace Beverly Jones ist so etwas wie der Inbegriff von Pop. Ein flamboyantes Wesen, eine Schwulenikone, gleichzeitig ein Subjekt der Begierde für Heteros. Hart und zärtlich, streng und verführerisch, elegant und unberechenbar, Grace und Jones.

    Sie wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen und ist dennoch authentisch. Sein und Schein besitzen bei ihr eine große Schnittmenge, und damit hat sie Weltkarriere gemacht. Auf dem Laufsteg, in den Charts, in Revolverblättern, im Kino.

    Böse bei James Bond

    Sie köpfelte im James-Bond-Film A View to a Kill als Bösewichtin May Day vom Eiffelturm, an weniger glamourösen Tagen sang sie Playback in einer niederösterreichischen Dorfdisco oder ließ sich von Richard Lugner zum Opernball einladen – um dann in der Baumeisterloge Sex mit ihrem Lover zu haben.

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    Als May Day als Gegenspielerin von James Bond: Jones 1984 bei den Dreharbeiten zu A View To A Kill. Ein Blick wie 20 Jahre Sodbrand.

    Wer Grace Jones bucht, bucht nicht nur eine fantastische Künstlerin, er kriegt ihren Sturschädel gratis dazu. So soll sie seit Jahrzehnten darauf bestehen, ihre Gage vorab zu erhalten, andernfalls bewegt sie sich nicht aus dem Hotel. Da wurden schon Autos und Rolex-Sammlungen als Pfand geboten, doch Jones blieb eisern: No money, no honey. Den Willen hat sie sich hart erarbeitet.

    Geboren wurde sie am 19. Mai 1948 in Kingston auf Jamaika, aufgewachsen ist sie in der Karibik und im US-Bundesstaat New York. Der zweite Mann ihrer Mutter prägte sie nachhaltig. Er war ein religiöser Eiferer, der die Kinder seiner Frau mit dem Ledergürtel schlug, während sie laut aus der Bibel vorlesen mussten.

    Zwei Stockwerke Hut obendrauf

    In dem 2017 erschienenen Dokumentarfilm Grace Jones: Bloodlight and Bami der britischen Regisseurin Sophie Fiennes sagt Jones, dass sie auf der Bühne bis heute gegen ihren Stiefvater kämpft: "Deshalb bin ich so furchteinflößend."

    Furchteinflössend und Epoche-machend. Ihr Freund Jean-Paul Goude spitzt Jones Image zu. Das Cover ihres 1981er-Albums Nightclubbing.

    Stimmt, Jones ist eine Erscheinung. Sie ist knapp einen Meter achtzig groß, doch mit mindestens zehn Zentimeter Stöckeln unter der Ferse und zwei Stockwerken Hut obendrauf betritt sie keine Bühne unter zwei Meter Kampfgröße. Dabei entfallen 65 Prozent auf ihre Beine.

    In einer WG mit Jerry Hall

    So jemand fällt natürlich auf. Als Teenager blieb sie nach einem Besuch bei ihrem leiblichen Vater in den USA, besuchte eine Theaterschule und ging auf Tour, auf der sie sich in Philadelphia absentierte. Sie schlug sich einige Jahre als Tänzerin, Sängerin und Model durch, bevor sie 1970 nach Paris ging. Dort lebte sie mit Jerry Hall und Jessica Lange zusammen.

    In einem Interview in der Dame Edna Show fragte diese, wer denn in der WG den Abwasch gemacht hätte. "Außer Champagner haben wir nicht viel zu uns genommen", antwortete Jones – und bleckte mit 40 weißen Zähnen.

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    Grace Jones zugast bei Dame Edna, selig: "Wer von euch Mädels hat den Abwasch gemacht?"

    Innerhalb weniger Monate wurde sie zum Supermodel. Helmut Newton fotografierte sie, alle großen Magazine hoben sie aufs Cover. Davon konnte sie gut leben, doch die Musik ließ sie nicht los. Sie ging zurück nach New York, bekam einen Plattenvertrag und veröffentlichte auf dem Höhepunkt der Disco-Welle ihr Debüt Portfolio.

    Stammgast im Studio 54

    Die Szene verehrte und vereinnahmte sie, als das Studio 54 im April 1977 eröffnete, war natürlich sie einer der Liveacts. Dort trafen sich David Bowie und Andy Warhol, Salvatore Dalí und Cher, Blondie und Nile Rodgers, ...

    Auftritte mit Tigern

    Bunt waren dort alle, aber nur Grace Jones war Grace Jones. Sie trat mit Tigern auf und kultivierte ein Image, das die Grenzen zwischen feminin, maskulin und an drogyn nach Lust und Laune verwischte. Mit ihrer Adaption von Edith Piafs La vie en rose landete sie einen ersten Hit, der sie neben Donna Summer zu einem der größten Stars des Genres machte.

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    "La Vie En Rose" – natürlich im rosa Kleid dargeboten: La Jones in den 1970ern.

    Im Studio 54 lernte sie den Franzosen Jean-Paul Goude kennen. Der Designer, Werber, Fotograf und Regisseur wurde Jones’ Freund und spitzte ihr Image zu. Er schuf Plattencover, die heute als Epoche-machend gelten: Nightclubbing oder Slave to the Rhythm – und er ist der Vater von Jones’ Sohn Paulo.

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    Ein Grenzgang zwischen Disco und New Wave – das gewaltige Pull Up To The Bumper vom Album Nightclubbing.

    Jones schaffte damals spielend den Sprung von Disco zu New Wave. Dessen kantige Ästhetik konvenierte nicht nur mit ihrem Ziegelsteinhaarschnitt, das Gebot der Coolness erfüllte sie quasi genuin. Ihre Musik war eine infizierende Mischung aus Reggae, Rock und Funk. Knapp und sexy, dunkel und leidenschaftlich.

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    Wenn Grace Jones die Quetsche spielt: I've Seen That Face Before (Libertango) – der zweite Hit ihres Albums Nightclubbing.

    Sie coverte Songs von Roxy Music, Joy Division oder Daniel Miller. Dessen Lied Warm Leatherette über ein Liebespaar, das sich nach einem Autounfall im brennenden Wrack eingeschlossen zum finalen Liebesakt entschließt, wurde erst in ihrer Version zum richtig großen Drama.

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    Nach dem Unfall im Auto eingesperrt, das Wrack beginnt zu brennen, das Paar darin beschließt einen letzten Liebesakt, das Plastik schmilzt in der Hitze: Warm Leatherette live.

    Mitte der 1980er tanzte Jones dann auf zu vielen Hochzeiten. Buchstäblich. Zu der von Arnold Schwarzenegger und Maria Shriver kam sie gar zu spät. Arnie und Maria knieten 1986 gerade vorm Altar, als Jones laut polternd mit Andy Warhol in die Kirche krachte.

    In ihrer 2015 erschienenen Autobiografie I’ll Never Write My Memoirs schildert sie den Moment, in dem sie die Blicke des Brautpaares empfing: "They were not at all impressed."

    Gast beim Life Ball

    Im selben Jahr gelang ihr mit dem Album Inside Story ein letzter großer Erfolg – bevor es etwas stiller um sie wurde. 1992 stand sie neben Eddie Murphy für Boomerang vor der Kamera, dann schien ihre Karriere zusehends zu verebben.

    Doch um wirkungsvolle Auftritte wie beim Wiener Life Ball oder in Talkshows war sie nie verlegen. Wegen ihrer stark sexualisierte Bühnenperson war sie dabei oft Fragen ausgesetzt, die buchstäblich unter die Gürtellinie zielten.

    Noch mit dem Cover einer Kompilation konnte Jones Popgeschichte schreiben. The Island Years – ein Bestseller aus 1985.

    Doch sie parierte derlei Frechheiten mit gnadenloser Offenheit und einem Selbstverständnis, das jeden dummen Talkshow-Host als dummen Talkshow-Host überführte. Natürlich liebe sie Frauen, sagte sie einmal. Sie sei selbst eine, da könne sie gar nicht anders, blöde Frage.

    Weltweit gefeiertes Comeback

    2008 gelang Grace Jones mit dem Album Hurricane ein weltweit gefeiertes Comeback. Seitdem tourt sie beständig und fährt eine zweite Ernte ein. Dabei scheint sie ganz bei sich zu sein. Doch selbst La Jones kommt bisweilen in Situationen, in denen ihr die Knie weich werden.

    In der Doku Bloodlight and Bami fährt sie auf Jamaika mit der Familie in die Kirche – was sie, wegen ihres brutalen Stiefvaters, eigentlich hasst. Sie schminkt sich nervös. Da sagt ihre Mutter zu ihr: "Sei einfach du selbst." Da fängt sie sich wieder und antwortet, ganz Grace Jones: "So etwas sagst du mir besser nicht." (Karl Fluch, 19.5.2018)

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      Grace Jones 1981: Die Coolness der New Wave war ihr genuin gegeben. Am heutigen Samstag feiert La Jones ihren 70er.

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