"Schon in der Volksschule beginnt gesellschaftliche Trennung"

    18. Mai 2018, 08:00
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    Ex-Lehrer Wolfgang Seereiter hofft auf die gemeinsame Schule für die Zehn- bis 14-Jährigen

    Wien – Er war zeit seines Lebens Lehrer. 40 Dienstjahre zeugen davon. Jetzt, rund zwei Jahre nach seiner Pensionierung als Volksschullehrer, schwärmt Wolfgang Seereiter noch immer von seinem Beruf: "Was ich immer geschätzt habe, war die Freiheit, den Unterricht, die Inhalte selbst zu gestalten", sagt der 65-Jährige im Gespräch mit dem STANDARD. Die meisten Jahre war er der einzige Mann in dem Berufsfeld. Manchmal sei das auch ein Vorteil gewesen: "Das haben die Schüler durchaus geschätzt." Aber natürlich wäre eine "bessere Mischung" wünschenswert.

    Die Ideen für die Reformschule in den 1970er-Jahren habe ihn für den Beruf begeistert, bekennt Seereiter, "daraus ist aber nicht viel geworden". So hält er es für ein "nicht entschuldbares Versäumnis", dass es keine gemeinsame Schule für Zehn- bis 14-Jährige gibt. "Schon in der Volksschule beginnt die gesellschaftliche Trennung", ärgert er sich. Der Großteil strebe ins Gymnasium, schon in der Volksschule werde daher auch auf Nachhilfe gesetzt. Wer sich diese nicht leisten kann beziehungsweise bildungsfernere Schichten bleiben übrig: "Die Neue Mittelschule trägt das Los der Restschule."

    Diesem Spannungsfeld habe auch er sich in der kleinen Volksschule in Wetzawinkel bei Gleisdorf nicht entziehen können, gesteht der ehemalige Lehrer ein. Man sei ein bisschen "unter Zugzwang gestanden". Grundsätzlich sei es "ein schrecklich trauriges Erlebnis", Kinder derart auszugrenzen. Heute sei der Druck noch größer, ist Seereiter überzeugt: "Alles zielt nur auf Leistung ab. Schon mit einem Zweier im Zeugnis hat man ja fast keine Chance aufs Gymnasium."

    Damit wären wir beim nächsten Kritikpunkt: den Schulnoten. "Es hat immer viele Gespräche gebraucht, um Eltern zu erklären, warum man nicht mit Noten beurteilt", erinnert er sich. "Jedes Mal war es aufs Neue ein Kampf." Eltern würde viel zu sehr auf Noten fixiert sein. Nur könne das nicht ihnen vorgeworfen werden: "Es wäre die Pflicht der Schulbehörde zu erklären, warum andere Beurteilungen besser sind." Er selbst habe lange Briefe geschrieben, die gut über den Stand jedes Kindes Auskunft gegeben hätten: "Es kommt vor, dass ich ehemalige Schüler treffe, die mir erzählen, dass sie diese Schreiben heute noch aufgehoben haben."

    Wahl nachstellen

    Was er in den Volksschulen heute vermisst? "Ich finde, dass das Interesse meiner Kolleginnen und Kollegen an der politischen Bildung schwindet", sagt Seereiter. Wie und in welcher Form diese stattfinde, hänge mehr oder weniger vom Interesse der Lehrkraft ab: "Das kontrolliert ja niemand." Dabei sei die Themenpalette groß. Er habe Bereiche wie Toleranz oder Europa besprochen. Man könne aber auch eine gesamte Wahl vorbereiten und gleich durchführen, sagt Seereiter. "Da kommt noch viel auf uns zu, wenn wir diesen Bereich weiter derart vernachlässigen", warnt der ehemalige Volksschullehrer.

    Über die Kinder lässt Seereiter nichts kommen. Sie seien wissbegierig und in ihrer Unterschiedlichkeit immer spannend gewesen. Natürlich hätten Computer und Co einen großen Einfluss auf die Heranwachsenden. So würden "Primärerlebnisse" in Wald und Natur seltener vorkommen, ist Seereiter überzeugt – was er schade findet. Das sei längst kein urbanes Problemfeld: "Selbst Kinder auf dem Land schrecken davor zurück, sich dreckig zu machen." (Peter Mayr, 18.5.2018)

    • Noten zur Beurteilung bei den ganz jungen Kindern? Der ehemalige Volksschullehrer Wolfgang Seereiter hält davon wenig.
      foto: apa/schneider

      Noten zur Beurteilung bei den ganz jungen Kindern? Der ehemalige Volksschullehrer Wolfgang Seereiter hält davon wenig.

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