Den Landwirten laufen die Erntehelfer davon

    Reportage17. Mai 2018, 06:00
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    Niedrige Löhne, anstrengende Körperarbeit: Immer weniger wollen zur Erntearbeit auf Österreichs Felder. Mit neuen Initiativen soll mehr Personal gewonnen werden

    Es ist eine dreckige Angelegenheit: Rund zwanzig Arbeiter stapfen in Gummistiefeln über die feuchte Erde, immer entlang den weißen Planen, die wie Zebrastreifen das Feld unterteilen. Mit einer Spachtel graben sie das weiße Gold aus, das darunterliegt: Spargel – bis zu 2.500 Stangen ziehen erfahrene Mitarbeiter pro Tag aus der Erde. "Die Arbeit ist anstrengend, vom vielen Bücken tut dir am Ende der Rücken weh", sagt Zdzistan Sztaba, einer der Arbeiter auf dem Feld.

    Gerhard Malafa klopft ihm aufmunternd auf die Schultern. Malafa gehören das Spargelfeld und der gleichnamige Betrieb, der sich in Korneuburg in Niederösterreich befindet. Für den Spargel ist im Mai Hocherntezeit, so gut wie heuer ist er durch die warmen Temperaturen schon lange nicht mehr gewachsen. Aber Malafa hat das bisher wenig genützt, denn ihm fehlen die Erntearbeiter. 65 Erntearbeiter hat der 55-Jährige normalerweise in seinem Betrieb beschäftigt, 20 seien ihm in diesem Jahr schon "abgesprungen". "Personal zu finden und zu halten wird zunehmend schwieriger", meint Malafa. Rund ein Fünftel des Spargels konnten die österreichischen Landwirte heuer nicht ernten.

    Gerhard Malafa (re.) mit Zdzistan Sztaba auf seinem Spargelfeld in Korneuburg.

    Hohe Lohnnebenkosten

    Der Grund: Viele der Saisonarbeitskräfte, die vor allem aus Osteuropa stammen, würden überhaupt nicht mehr nach Österreich kommen wollen. Stattdessen gehen sie nach Deutschland, weil sie dort mehr verdienen. Denn in Deutschland sind die Lohnnebenkosten im Vergleich zu Österreich niedriger, weshalb den Arbeitern netto mehr übrig bleibt. Versicherungsbeiträge fallen dort erst ab dem 70. Tag an. "Wir zahlen circa 12,50 Euro die Stunde, von denen die Arbeiter am Ende 6,50 bekommen. In Deutschland zahlen die Betriebe nur zehn Euro, den Arbeitern bleiben aber rund neun Euro davon", rechnet Malafa vor.

    Das Problem betreffe nicht nur seinen Betrieb: Auch Erdbeer- und andere Gemüsebauern in der Region würden nur schwer Arbeitskräfte finden. 350 bis 400 Erntearbeiter fehlen laut Landwirtschaftskammer diese Saison in Niederösterreich. Und auch in den anderen "erntestarken" Bundesländern fehlt das Personal.

    Wie zum Beispiel in Oberösterreich. Dort ist das Kontingent für Saisonarbeitskräfte und Erntehelfer aus Drittstaaten, also Staaten außerhalb der EU, auf 1.050 begrenzt, weil generell Arbeitskräfte aus der EU bei der Vergabe bevorzugt werden müssen. Benötigt würden aber rund hundert Saisonarbeitskräfte mehr und 55 Erntehelfer, sagt Ewald Mayr, Obmann des Verbands der Obst- und Gemüseproduzenten. Wie der Spargel- sei auch der Gemüseanbau generell sehr personalintensiv. Bei Betrieben wie jenen von Malafa seien rund 70 bis 80 Prozent der Kosten Lohnkosten.

    Bessere Lage in Polen

    Ohnehin würden den Arbeitern die Abgaben auf Pensions- und Arbeitslosengeld nichts nützen, kritisieren die Landwirte, weil sie die dafür nötigen Beitragsmonate nicht erreichen. Neben Deutschland mache auch die Baubranche mit höheren Löhnen Druck auf die Landwirtschaft. Zudem sei die wirtschaftliche Lage in historisch arbeitskräftestarken Ländern wie Polen und Rumänien heute besser, weshalb viele Personen in ihrem Land arbeiten, statt ins Ausland zu gehen.

    Für Österreicher sei die Arbeit jedenfalls zu anstrengend: "Schon seit den 70er-Jahren will das hierzulande keiner mehr machen", meint Malafa. Mehr zahlen könne er wegen der niedrigen Marktpreise und der internationalen Konkurrenz nicht.

    foto: jakob pallinger
    Waschen, schälen und sortieren: Bis der Spargel so weit ist, braucht es die Erntearbeiter auf den Feldern. Den Landwirten fehlt im Moment noch Personal.

    Ausweitung des Kontingents

    Das ist auch ein Grund, weshalb viele Landwirtschaftsvertreter eine Ausweitung des Drittstaatenkontingents fordern. Derzeit würden beispielsweise auch Asylwerber in das Kontingent fallen, was viele Landwirte davon abhält, diese zu beschäftigen, meint Mayr. Auf seinem eigenen Gemüsebetrieb in Oberösterreich seien zwei Afghanen in der Erntearbeit beschäftigt. Die Zusammenarbeit habe bisher sehr gut funktioniert.

    Derzeit hält sich die Anzahl der als Erntehelfer beschäftigten Asylwerber allerdings in Grenzen: So sind laut Arbeitsmarktservice (AMS) rund zehn Asylwerber als Erntehelfer im Einsatz, 163 sind in der übrigen Land- und Forstwirtschaft beschäftigt. Zum Vergleich: Rund 60.000 Personen warten derzeit auf die Entscheidung ihres Asylbescheids.

    Schon vor einigen Jahren startete das AMS in Oberösterreich ein Ausländerfachzentrum, bei dem sich Asylwerber für die Erntearbeit bewerben konnten. Zusammen mit der Landwirtschaftskammer organisierte das AMS eine Jobbörse, bei der von rund 800 Asylwerbern 150 für die Erntearbeit vermittelt wurden.

    Asylberechtigte "schnuppern" auf dem Feld

    Die Land Niederösterreich plant nun gemeinsam mit dem AMS ein ähnliches Projekt, allerdings mit bleibeberechtigten und arbeitslosen Personen. Über eine Plattform sollen diese mit den Betrieben zusammenkommen, um zuerst für drei Tage bei der Erntearbeit zu "schnuppern". Die Kosten werde zu Beginn das Land übernehmen, angestellt sind die Personen bei dem Verein "Jugend und Arbeit", erklärt LK-Niederösterreich-Präsident Hermann Schultes. Rund 350 Personen hätten sich für das Programm bereits gefunden.

    Allerdings bleiben auch bei erfolgreicher Vermittlung die Schwierigkeiten der Branche bestehen: die vergleichsweise niedrigen Löhne, die körperlich oft anstrengende Arbeit und eine zeitlich befristete Beschäftigung. Auch für die Asylberechtigten muss die Saisonarbeit nicht unbedingt eine gute Arbeitsmarktintegration bedeuten, sondern könne im besten Fall als Einstieg in den Arbeitsmarkt dienen, meint etwa der Integrationsexperte Anton Strini.

    Auf Malafas Betrieb werden künftig ohnehin weniger Arbeiter notwendig sein. Denn Malafa plant, die Anbaufläche um 30 bis 40 Prozent zu verkleinern. "Dann sind wir auch weniger vom Personal abhängig." (Jakob Pallinger, 17.5.2018)

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