Gaza und das Fenster zur Welt

    Hintergrund17. Mai 2018, 06:00
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    Zwei Millionen Menschen sitzen zwischen dem Amboss der Hamas und dem Hammer Israels fest

    Wien hat circa 400 Quadratkilometer Fläche, der Gazastreifen gut 360. Aktuelle Bevölkerungszahlen gibt es keine aus dem 41 Kilometer langen Streifen am Mittelmeer, der zwischen sechs und 12 Kilometer breit ist: Es werden gut zwei Millionen Menschen sein. Damit hören sich jedoch die Vergleiche auf; die anderen Kennzahlen sind wie von unterschiedlichen Planeten.

    Im Gazastreifen liegt die Arbeitslosigkeit bei 44 Prozent, bei Jugendlichen unter 29 Jahren sogar bei 62. 80 Prozent der Menschen sind von humanitärer Hilfe abhängig, 60 von Lebensmittelunsicherheit betroffen. Trinkwasser und Elektrizität sowie stattdessen Diesel für Generatoren sind Mangelware.

    Und man kann nicht weg, auch nicht vorübergehend, etwa um im Westjordanland zu studieren oder die Verwandtschaft zu besuchen. Passierscheine gibt es höchstens für Verwandte ersten Grades, zu Anlässen wie Begräbnissen oder Hochzeiten. Da wächst eine Generation von Kindern heran, deren Welt vom Sicherheitszaun bis zum Meer reicht. Auch für die Fischer ist nach sechs Seemeilen (ca. elf Kilometer) Schluss, zumindest nach Stand Dezember 2017, das variiert (20 Seemeilen sollten es laut Oslo-Abkommen sein).

    Die heutigen 18-Jährigen sind im Jahr des Zusammenbruchs des Oslo-Friedensprozesses und des Ausbruchs der zweiten Intifada geboren. Die 16-Jährigen waren fünf, als die Hamas an die Macht kam und der Streifen administrativ vom Westjordanland abgetrennt wurde. Sie haben die Kriege von 2012 und 2014 erlebt, 2008/09 war der erste. Der islamische Druck – später islamistische Diktatur – im Gazastreifen datiert jedoch schon länger zurück: Er begann 1987, mit der ersten Intifada.

    Konkurrenz für Arafat

    Dass Israel die Hamas kreiert hat, um die PLO zu schwächen, ist Unsinn – dass Israel der entstehenden islamischen Konkurrenz für Yasser Arafat zuerst einmal gute Seiten abgewinnen konnte, nicht.

    Anders als das Westjordanland, das die Haschemiten lange in ihr Jordanien einverleiben wollten, war der Gazastreifen nach Ägypten orientiert. Von 1948 an wurde er ägyptisch verwaltet, bis zur israelischen Besetzung 1967. Im Oslo-Prozess war er mit Jericho im Westjordanland das erste Gebiet, das den Palästinensern 1994 zur Selbstverwaltung übergeben wurde: Die Gazianer durften bald die neu gebauten Villen der heimgekehrten korrupten PLO-Bonzen bewundern. Die danach aufgebaute Infrastruktur – etwa ein Flughafen – wurde von Israel während der zweiten Intifada wieder zerstört.

    Nach dem Wahlsieg der Hamas 2006 kam es 2007 zum Bruch zwischen Hamas und der Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Im Gazastreifen regiert die Hamas seitdem allein und wird höchstens von noch radikaleren Kräften herausgefordert. Versöhnungs- und Wiedervereinigungsversuche, der letzte ein paar Monate alt, blieben erfolglos.

    Zaun und Pufferzone

    1994 begann Israel einen Grenzzaun zu bauen, der 2000, während der Intifada, attackiert und danach durch eine Sicherheitsbarriere ersetzt wurde. Dabei richtete Israel auch eine Pufferzone auf dem Gebiet des Streifens ein (was ihn noch schmäler macht), in die laut israelischen Einsatzregeln scharf hineingeschossen werden kann. Die Breite der Zone, bis zu 300 Meter, wird variabel festgelegt- dort fanden die Aufmärsche der vergangenen Tage statt.

    2005 zog Israel sein Militär und die nach 1967 angesiedelten Israelis aus dem Gazastreifen ab, behielt jedoch die Kontrolle über Außengrenzen und Luftraum unilateral bei: Daraus resultiert der Rechtsstreit, ob der Gazastreifen noch besetzt ist oder nicht. Die letzten Jahre sind geprägt von einem Wechselspiel von Raketenangriffen auf Israel aus dem Gazastreifen, dem Bau von Schmuggel- und Angriffstunnels – und der immer wieder gelockerten und angezogenen Blockade durch Israel.

    Die beiden Narrative, wer denn schuld sei am Leid – Israel oder die Hamas -, sind unversöhnlich. Auch die Palästinenserbehörde (PA) in Ramallah hat dazu beigetragen, etwa indem sie aufhörte, Rechnungen für den Strom für Gaza und Gehälter für PA-Angehörige zu bezahlen. Dadurch sollte die Hamas in die Knie gezwungen werden, was beinahe gelang: Das 70-Jahr-Gedenken Israels bot jedoch ein willkommenes Ventil.

    Der machtlose Abbas hat die Befriedigung, dass die Israel-Feiern zumindest in der Außenansicht getrübt wurden. Israel kann dafür auf das Bild der ewig radikalen Palästinenser verweisen. Und viele Gazianer nehmen den eigenen Tod in Kauf, wenn nur einmal die Augen der Welt auf ihnen ruhen. (Gudrun Harrer, 17.5.2018)

    • Ein Blick von außen in den Gazastreifen: Tränengasnebel am Grenzzaun zu Israel am Tag nach der Tötung von 61 Palästinensern.
      foto: apa/afp/jack guez

      Ein Blick von außen in den Gazastreifen: Tränengasnebel am Grenzzaun zu Israel am Tag nach der Tötung von 61 Palästinensern.

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