Neue Regierung, neue Führung im ORF

    Analyse17. Mai 2018, 06:00
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    Führungskräfte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wechseln in Österreich passend zu politischen Mehrheiten – so rasch wie sonst nur in Italien, Spanien, Ungarn und Polen. Dort spricht man von Staatsfernsehen

    Der ORF macht staunen, was alles geht, wenn ÖVP und FPÖ regieren: Vom Innenpolitikredakteur der Zeit im Bild in einem gewaltigen Karriereschritt zum Chefredakteur über 140 Redakteurinnen und Redakteure werden, über die meisten und meistgesehenen Infosendungen des Landes – von Zeit im Bild und ZiB 2 bis zu den Fünf-Minuten-News um 6 Uhr früh.

    Matthias Schrom wird diesen Schritt bald tun. Maßgebliche Kräfte in der Neo-Regierungspartei FPÖ finden, der gesellige 44-jährige Tiroler hat fair über sie berichtet. Das sagen Freiheitliche nicht oft über Journalisten. Schroms deshalb absehbare Bestellung zum Chefredakteur von ORF 2 ist einer der größten in einer langen Geschichte großer Karriereschritte im ORF, die nicht zufällig Regierungswechseln folgten.

    "Das System ist krank"

    "Das System ist krank", sagt eine ORF-Redakteurin. Sie will nicht genannt werden. In solchen Umbruchzeiten, wo kaum ein Job sicher scheint im ORF, geht man ungern an die Öffentlichkeit. Woran krankt es? "Mit Qualität, Leistung, Fleiß kommt man nicht weit. Weiter jedenfalls kommt man, wenn die gerade passende Partei das Weiterkommen unterstützt."

    Die "allermeisten" Journalisten im ORF halten sich genau an die gesetzliche Pflicht zur Unabhängigkeit, sagt ORF-Redakteurssprecher Dieter Bornemann: "Bei der Besetzung von Führungspositionen werden manche in Parteifarben angemalt, manche malen sich auch freiwillig an. Und wenn solche Leute dann Spitzenpositionen in Absprache mit den Regierungsparteien bekommen, dann ist das natürlich für alle anderen extrem frustrierend. Es geht oft nicht darum, wer ist die beste Frau oder der beste Mann für eine Funktion, sondern welche Partei wünscht sich hier jemanden."

    "Wenn sich ein solches Klima in einem Sender festgesetzt hat, dann ist das System krank und muss schnellstens behandelt werden", sagt auch Nikolaus Brender im Interview mit dem STANDARD. "Ein Journalist gehört niemandem, am wenigsten einer Partei. Er buhlt auch nicht um Zugehörigkeit. Alles andere schafft Misstrauen und Missgunst in den Redaktionen und Ansehensverlust bei Hörern und Zuschauern."

    grafik: der standard
    Farbenwechsel im ORF – insbesondere beim Führungspersonal – im Wandel der Zeit.

    Staatssender

    Brender wurde 2010 auf Betreiben der CDU/CSU als Chefredakteur des öffentlich-rechtlichen ZDF abgelöst. "Parteieinfluss auf öffentlich-rechtliche Sender gab es immer. Aber dieses Bäumchen-wechsle-dich, je nachdem, wer gerade die Wahlen gewonnen hat, kenne ich in Europa nur aus Italien und Spanien und leider jetzt auch Polen und Ungarn. In Deutschland ist das rein formal nicht möglich", sagt Brender.

    Richard Sambrook war BBC-Infodirektor. Bis der britische Rundfunk 2003 aufdeckte, dass die Regierung über Massenvernichtungswaffen im Irak gelogen hatte. Sambrook wurde zu BBC World weggelobt, heute leitet er Medienstudien an der Universität Cardiff.

    Lässt sich solcher Einfluss der Politik mit der Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vereinbaren? "Es ist essenziell, dass Public Service Broadcasting anerkannt unabhängig von der Regierung handeln kann. Das Vertrauen der Öffentlichkeit und die Glaubwürdigkeit fußen auf dieser Unabhängigkeit. Das unterscheidet öffentlich-rechtliche Sender von Staatssendern", sagt Sambrook. Er empfiehlt "politisch balancierte" Aufsicht und "transparente, offene" Bestellung von Führungskräften "unabhängig von der Regierung".

    Mittwochnachmittag stimmten die TV-Journalisten über ihre künftigen Chefredakteure ab. Die meisten Stimmen erhielt jener Mann, dessen Job Schroms Karriereschritt im Wege steht: Fritz Dittlbacher, TV-Chefredakteur. Für ihn stimmten 48 Redakteure bei 105 gültigen Voten, für Schrom neun.

    Es gibt Dittlbachers Funktion bald nicht mehr: Nicht zuletzt, um den Sozialdemokraten loszuwerden, kommen in türkis-blauen Zeiten – nach einem Jahrzehnt Diskussion – sehr rasch Channel-Manager und Channel-Chefredakteure für ORF 1 und ORF 2. Mit den neuen Funktionen lässt sich rasch passendes Führungspersonal installieren.

    "Es ist schon auffällig, dass ORF-Generaldirektor Wrabetz seit zehn Jahren über die Notwendigkeit von Channel-Managern spricht, und just jetzt – nach einem Regierungswechsel – wird eine neue Struktur erfunden, in der die Position des amtierenden Chefredakteurs der TV-Information auf zwei Chefredakteure für ORF 1 und ORF 2 aufgeteilt wird", sagt Redakteurssprecher Bornemann. "Für seine Ablöse lässt sich kein fachlicher und sachlicher Grund finden: Die TV-Information hat in den vergangenen Jahren deutlich an Zuschauern dazu gewonnen, alle Umfragen zeigen immenses Zuschauervertrauen in den ORF, und es werden trotz vieler Personalkürzungen im Haus deutlich mehr Informationssendungen produziert. Und: Die Redaktion war nicht dauernd in Aufstände verwickelt, wie das bei früheren Chefredakteuren der Fall war." Bornemann spielt hier wohl auf die Rebellion vieler ORF-Redakteure gegen den bürgerlichen Chefredakteur Werner Mück von 2006 an.

    Dittlbacher machte 2010 seinen großen Schritt. Einen nicht ganz so großen wie nun Schrom, dessen Führungserfahrung sich auf den Posten des Programmchefs beim Privatradio Antenne Tirol stützt. Dittlbacher war stellvertretender Innenpolitikchef und Chefreporter der "Zeit im Bild", zuvor Innenpolitikchef der SPÖ-Zeitung "AZ". Es war 2010 die damalige Kanzlerpartei SPÖ, die sich Dittlbacher in die TV-Chefredaktion wünschte. Dafür ließ ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz 2010 sogar ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser abwählen. Der legte sich quer – wegen des SPÖ-Wunsches, nicht der Qualifikation.

    Nächste Runde: Vorstand

    Die Unterstützung einer Partei kann fähige und geeignete Menschen in eine Funktion bringen. Das würde zum Beispiel die FPÖ eher nicht über Dittlbacher sagen, und die SPÖ vielleicht nicht über Schrom. Die ORF-Redakteure stimmten schon 2010 mehrheitlich für Dittlbacher – ihr Votum ist damals wie heute nicht bindend. Wrabetz wiederum kam 2006 auch dank Elmar Oberhauser an die ORF-Spitze: Damit das freiheitliche BZÖ im ORF-Stiftungsrsat gegen Regierungspartner ÖVP den Sozialdemokraten Wrabetz wählte, nahm Wrabetz gleich drei BZÖ-Wünsche als Direktoren.

    Unmittelbar vor Dittlbacher hat sich Oberhauser 2010 gegen ein Avancement als ÖVP-Wunsch quergelegt, da noch mit Erfolg: Elisabeth Totzauer sollte damals Chefin der TV-Magazine werden. Sie baute seither professionell und erfolgreich mit einem winzigen Team die Information in ORF 1 aus und weiter auf*. Schon lange vor der neuen Regierung war sie fix als Senderchefin von ORF 1. Nun dürfte das nur ein Zwischenschritt sein: Der ORF soll mit einem neuen Gesetz von ÖVP und FPÖ mehrere Vorstände statt eines Alleingeschäftsführers bekommen. (Harald Fidler, 17.5.2018)

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    Kommentar von Harald Fidler

    Regierungsrundfunk

    * Korrektur/Ergänzung: Erste Infochefin von ORF 1 war ab 2007 Waltraud Langer, sie wurde 2010 TV-Magazinchefin.

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      grafik: der standard
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