Königliche Hochzeit: Zwischen Monarchie und Alltag

    16. Mai 2018, 18:49
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    Liveübertragungen königlicher Hochzeiten erwecken Gefühle, die wir sonst gar nicht hätten. Sie prägen sich tief ins kollektive Gedächtnis. Zwischen Kitsch und Klatsch haben wir aber wohl schon mehr Glam als Prinz Harrys Jawort erlebt

    Ob Elton John schon bei der Hochzeit von Lady Diana und Prince Charles als Ehrengast dabei war, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. 1981, der Anfang von früher. Die gefühlt 18-stündige Liveübertragung der Trauung weltweit im Fernsehen stellte damals jedenfalls quotenmäßig Elvis Presleys "Aloha from Hawaii", die Trennung der Beatles, Niki Lauda gegen Muhammad Alis "Rumble in the Jungle" oder die erste Mondlandung locker in den Schatten. Sehr wahrscheinlich hat das damals alles Hugo Portisch kommentiert. Dank der Macht seiner Worte bekommen auch weniger wichtige Dinge wie die erste Mondlandung eine gewisse Dringlichkeit.

    foto: ap/steve parsons
    Das Leben imitiert die Kunst: Im Legoland nahe Windsor Castle wird die königliche Hochzeit mit knapp 40.000 Bausteinen schon einmal vorweggenommen.

    Nach Straßenfegern wie dem Begräbnis von Lady Di, dem Jawort des grinsenden Honigkuchenpferds aus Schweden, dem Junggesellenabschied von Queen Mum und zuletzt der Hochzeit von Prince William und Kate Middleton ist die große Zeit des völkerverbindenden Fernsehens im Zeichen von Monarchie kontra Alltag zwar möglicherweise langsam vorbei – obwohl "Wir sind Kaiser" noch immer Spitzenquoten einfährt. Und auch die vor einigen Jahren im deutschen Privatfernsehen stundenlang live vor einem Krankenhaus in London erwartete Niederkunft des ersten Kindes des Prince of Wales stemmt sich ein spätes Mal gegen die Zeichen der Zeit.

    Mit gerade einmal 270 veranschlagten Minuten Liveübertragung des ORF kommenden Samstag aus London anlässlich der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle scheint hier allerdings ein bescheidener Endpunkt erreicht.

    Elton John, genau. Ein gutes Omen ist es jedenfalls nicht, wenn sich am Samstag der früher einmal supere Popsänger mit dem Kerzenlied als VIP-Gast oder gar als Mitternachtseinlage bei der Hochzeitsgesellschaft von Prinz Harry und seiner US-amerikanischen Charakterschauspielerin ("Knight Rider", "CSI: Miami", "Castle", "Suits" ...) hineinschleimt. Andererseits ist es bei dieser C-Promi-Sause auch schon egal.

    Die Clooneys kommen. Ja, mein Gott, fliegt man halt schnell von Cannes rauf. Dazu kommt noch irgendeine popelige Verwandtschaft aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts etwas heruntergerockten Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, die zum Canapé-Schnorren anreist – und auch damit die Frau im "Spiegel" etwas zum Schreiben hat. Dann kommt wahrscheinlich noch so ein Popstar, den die Oma Lissie zum Ritter geschlagen hat, damit er mit dem Geld, das er mit den Beatles gemacht hat, nicht ganz Wales aufkauft und sich dann von der britischen Krone unabhängig erklärt.

    Michelle und ihr Mann, ein ehemals hochrangiger Politiker in Washington, kommen auch. Die Spice Girls und deren Präsidentin Victoria Beckham singen leider sicher. Victorias Mann, ein Unterwäschemodell, hat vorige Woche vom britischen Secret Service eine Mail bekommen. Wenn man bei der Hochzeitszeremonie in Windsor Castle öffentlich auch nur eines seiner hässlichen Tattoos zu sehen bekommt, wird er von Geheimagent Daniel Craig dem Nullnullsiebten mit einem Lachs-Canapé getötet werden.

    Prinz Harry steht in der britischen Thronfolge übrigens nur an sechster Stelle. An sechster Stelle!!! Und Meghan Markle konnten mit Müh und Not gerade noch Spurenelemente bezüglich standesgemäßer Heirat nachgesagt werden. König Robert I. von Schottland, Edward III. von England, beide aus dem 13. beziehungsweise 14. Jahrhundert, waren Vorfahren ihres Vaters, der in Hollywood immerhin dem bürgerlichen Beruf eines Beleuchters nachging.

    Die Mutter hat afroamerikanische Wurzeln und ist Yogalehrerin. Die Eltern ließen sich scheiden, als Meghan sechs Jahre alt war. In den hochwohlgeborenen Kreisen, in denen sich die übrigens schon einmal geschiedene zukünftige Frau Meghan ohne Land und Duchess of Sussex bewegt, ist zwar eine Scheidung auch nicht ganz unbeliebt. Wenn sich ein Ehepartner statt einer Trennung aber lieber in eine "Nervenschwäche" oder auf irgendeinen Landsitz in bewaldeten nördlichen Regionen des Königreichs flüchtet oder sich in seinen letzten Lebensjahren auf die Suche nach einer seltenen neuseeländischen Whisky-Sorte macht, hat auch niemand etwas dagegen.

    Wichtig für uns alle, die wir am kommenden Samstag vor dem Bildschirm sitzen: Wir machen das alles nur, weil wir an die Liebe glauben! So wie wir ein Formel-eins- oder Abfahrtsrennen schauen, weil wir auf einen Unfall oder darauf hoffen, dass es einen Fahrer ordentlich hinwimst, sehnen wir bei diesem Ehebund ein gutes Ende herbei. Und das, obwohl Elton John dabei sein wird. Hoffentlich werden wir das Happy End erleben. Ganz frisch sind die Brautleute auch nicht mehr. Theoretisch ist es sogar möglich, dass Queen Elizabeth und Keith Richards uns alle überleben.

    Liebe ist die größte Kraft, die alles schafft. Wenn sie es nicht schafft, zerreißen wir uns darüber das Maul. Das ist Klatsch. Klatsch ist ein menschlich notwendiges emotionales Entlastungsgerinne. Klatsch in Verbindung mit Kitsch erweckt Gefühle, die wir möglicherweise sonst gar nicht hätten. Was man noch sagen kann: Obwohl viele Männer bei dieser Hochzeit Uniform tragen, wird an diesem Tag kein Krieg begonnen werden. So. Harry, hol schon mal den Wagen. Jetzt geht es in die Flitterwochen. (Christian Schachinger, 16.5.2018)

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