Luise Meier über Karl Marx: Eine Murx-Maschine für die braven Faulen

16. Mai 2018, 11:00
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Der 200. Geburtstag von Karl Marx hat bisher vor allem fromme Erbauungsliteratur zutage gefördert. Mit der jungen Ostberlinerin stört jetzt eine selbsternannte "Servicekraft" die marxistische Friedhofsruhe

Seine flammendste Fürsprecherin hat Karl Marx dieser Tage ausgerechnet in einer "Servicekraft" gefunden. Der Jahresjubilar aus Trier müsste tiefe Dankbarkeit empfinden. Denn gerade zur 200. Wiederkehr seines Wiegenfestes dominieren sonst Hagiografien das erwartungsgemäß reiche Bücherangebot. Als müsste der realistische Roman des 19. Jahrhunderts im neuen Gehrock auferstehen, hüllt man den Urheber der politischen Ökonomie, seine Lebens- und Liebesumstände, häufig in betuliche Erzählprosa.

Die Ostberlinerin Luise Meier (32) beschreitet einen komplett anderen Weg. Sie ist es, die ihre Schreibtätigkeit – gern auch performativ – als die Arbeit einer "Servicekraft" einschätzt. Als müsste sie brühwarm servieren, was andernfalls kalt ließe oder vielleicht überhaupt ungenießbar erschiene.

Pamphletistische Erweckungsliteratur

Meiers Text MRX-Maschine reiht sich ein in die Tradition der pamphletistischen Erweckungsliteratur. Wer ihr Bändchen aus der Reihe "Fröhliche Wissenschaft" des Verlages Matthes & Seitz liest, soll zum Handeln angestiftet werden. Das aktivierende Moment, das ihrer Prosa eignet, ist jedoch keines, das ohne Umschweif zum Umsturz der herrschenden Verhältnisse führen wird. Die marxistische Orthodoxie hat erst einmal Pause.

Der Kapitalismus, das ist Meiers heilige Überzeugung, hat als System alle Unterdrückungsapparaturen gekapert. Er hat sich die Menschen untertan gemacht und das Proletariat vom Produkt seiner Arbeit ausgeschlossen. Jede Person, die an der globalen Arbeitswelt teilnimmt, sieht sich gezwungen, die eigene Agenda durch die Brille des Wertgesetzes zu sehen. Das Ergebnis nach Meier: eine "Inversion des Proletariats als Klasse".

Das Individuum, ohnehin aufgereizt durch Konsumangebote, ist nicht mehr Teil des Proletariats. Umgekehrt wird das "Proletariat Teil des Produktionsprozesses der eigenen Identität".

Jeder Mensch darf sich in unseren Breiten als Unternehmer seiner selbst empfinden. Er muss sich bloß den Erfordernissen des Arbeitsmarkts anpassen. "Ich" werde mein eigener Gesundheitscoach und überwache meine Darmflora. "Ich" suche als mein eigener Marketingexperte den bestmöglichen Club für mich heraus. Auch finde "ich" womöglich Gelegenheit, meine "Likability" zu checken und die Bikinifigur am Laufband zu ertrotzen.

Das Proletariat als Klasse galt ehemals als Hoffnung auf die revolutionäre Aufhebung der Ausbeutung. Doch heute? – Wird es nach erfolgreicher Selbstoptimierung "weggepudert, wegfrisiert, abgewaschen, überwunden".

Seit Einführung der Lochkarte bedient sich der freie Markt der möglichst lückenlosen Erfassung aller seiner Zuträger. Wird die lenkende Hand der Verwaltung gelegentlich auch als segnende empfunden, so täuscht sie uns bloß über das strukturelle Unrecht ihrer Manipulationen hinweg.

Die Produktionsbedingungen werden durch die globale Streuung und Lenkung neutralisiert, standardisiert und beschleunigt. Umso einfacher kann man den Produkten anschließend eine "Kundenansprache" drüberstülpen, die auf die Empfänger abgestimmt wird.

Das System des Eigentums (das Grundübel nach Meier!) verankert auch das hohe Gut der Freiheit nur noch als eine durch Kauf zugänglich gemachte Ware. Demokratie erweist sich somit als Klassenherrschaft, und es gilt Marx' berüchtigte Einsicht: Die Kritik an der Unmenschlichkeit im Namen der Ordnung kämpft letztlich für die geordnete Unmenschlichkeit.

Paternalismus als Erfüllungsgehilfe des Kapitals

Meier steht hinter dem von ihr gegeißelten System kaum zurück. Sie versteht es, noch den Paternalismus als Erfüllungsgehilfen des Kapitals zu entlarven. Doch Meiers fundamentale Umwälzung liegt in der Art, Marx' Analyse flottzukriegen, um die geeignetsten Theoriebestandteile als brauchbaren Schrott zu verkaufen. MRX-Maschine ist der Motor der Revolution. Doch zufriedenstellend läuft er dann, wenn er stottert und das Vehikel – den "Markt" – nicht vom Fleck bringt.

Und so zeigt das erfrischende kleine Büchlein das Aufgehen eines neuen, heftig blinkenden Theoriesterns an. Luise Meier erklärt ausgerechnet die Ausgemusterten, die – auch sexuell – Querstehenden und vermeintlich Unproduktiven zum kommenden Proletariat. Zum "Mutation Engine", zum Polymorphismusmotor. In diesem ultimativen Schwarzen Loch der Unproduktivität soll der gefräßige Markt verschwinden. Einen Anfang sollen ausgerechnet alle jene machen, die nichts machen.

Marx' vorerst gelehrigste Schülerin in diesem Jahr ist eine überzeugende Servicekraft. Sie lockt mit heilsamen Aussichten auf Ansteckung: mit Unproduktivität. (Ronald Pohl, 16.5.2018)

Luise Meier, "MRX-Maschine". € 14,40 / 208 Seiten. "Fröhliche Wissenschaft 127". Matthes & Seitz: Berlin 2018

  • Mit der jungen Ostberlinerin Luise Meier stört jetzt eine selbsternannte "Servicekraft" die marxistische Friedhofsruhe.
    foto: apa/afp/dpa/harald tittel

    Mit der jungen Ostberlinerin Luise Meier stört jetzt eine selbsternannte "Servicekraft" die marxistische Friedhofsruhe.

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