"Ring of Elysium" im Test: Kommt das bessere "PUBG" aus China?

    21. Mai 2018, 11:00
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    Das einst als "Europa" angekündigte "Battle Royal"-Game weiß schon in der Betaversion zu gefallen

    Ein Jahr nach dem Start des "PUBG"-Hypes rüsten immer mehr Entwickler ihre Games mit "Battle Royale"-Spielmodi auf oder kommen mit eigenständigen Games auf den Markt, in dem die Teilnehmer auf einem immer kleiner werdenden Areal ums Überleben kämpfen. Eine durchaus spannende Ankündigung vom Ende des letzten Jahres war dabei "Europa", ein Free2Play-Game, das schon im ersten Trailer so manche Ähnlichkeit zu "Playerunknown's Battlegrounds" erkennen ließ, aber mehr Features versprach.

    Das Game für Windows heißt mittlerweile "Ring of Elysium" ("RoE") – der Name ist eine etwas seltsame Anspielung auf die "Insel der Seligen" aus der griechischen Mythologie – und ist in der Betaphase angekommen. Der STANDARD hat sich in die Schlacht gestürzt.

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    Der erste Trailer zu "Ring of Elysium", das damals noch "Europa" hieß.

    Installation auf dem Umweg

    Ein Hinweis allerdings vorweg: Wer selbst bei "RoE" mitspielen will, muss dafür einen Umweg beschreiten. Denn in Europa gibt es das Game offiziell noch gar nicht. Zugang gibt es über den Spieleclient Garena, für den ein eigener Account benötigt wird. Weiters gilt es darin, die Region auf "Thailand" einzustellen, um das Game installieren zu können. Und will man das Spiel auf Englisch und nicht auf Thai spielen, muss man auch noch das Startkommando des Spielprozesses mit dem kostenlosen Tool Process Hacker herausfinden und eine kleine Batch-Datei basteln, mit der das Game zum Start das englische Sprachpaket lädt.

    Klingt komplizierter, als es ist, erfordert aber freilich mehr Aufwand, als ein Game mit wenigen Klicks über Steam in Betrieb zu nehmen. Wer den Aufwand nicht scheut, findet eine Step-by-Step-Anleitung auf der Seite Mein MMO.

    Entwickelt wird "Elysium" übrigens von Tencent. Der chinesische Spieleriese ist unter anderem für die Veröffentlichung von "PUBG" am eigenen Heimatmarkt zuständig und hat auch "PUBG Mobile" umgesetzt. Mit dem eigenen Game tritt man in direkte Konkurrenz zu den "PUBG"-Machern.

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    Unkommentiertes Gameplay aus "RoE".

    Free2Play, aber kein Pay2Win

    Doch genug geschwafelt: Einmal installiert, begrüßt das Game neue Spieler mit der Charakterkonfiguration. Diese bietet jetzt bereits eine ähnliche Auswahl wie "PUBG", erlaubt aber eine detaillierte Anpassung des Gesichts des Charakters – von der Stirnhöhe bis zur Neigung der Mundwinkel.

    Schon am Startbildschirm wird klar, dass sich Tencent klassischer Free2Play-Mechaniken bedient. Für das tägliche Einloggen gibt es etwa Belohnungen in Form von Items oder Credits. Letztere können auch mit Echtgeld erstanden werden und lassen sich wiederum in Textilien für den eigenen Helden investieren. Zu betonen ist allerdings, dass es sich dabei nur um kosmetische Optionen handelt, spielerische Vorteile lassen sich bislang nicht kaufen.

    Runter mit dem Hängegleiter

    Eine Lobby wie in "PUBG", die allerdings seit Entfernung der dort einst gebotenen Waffen ohnehin an Nutzen verloren hat, gibt es nicht. Solange sich der Server noch füllt, fliegt das Flugzeug durch eine dichte Wolkenwand. Sobald es losgehen kann, klärt sich diese auf und der Flug über die Insel beginnt. 100 Spieler bekommt man auf den thailändischen Servern für eine Partie bislang nicht zusammen, in der Regel treten 50 bis 70 Passagiere gegeneinander an. Der Spielstart erfolgt wesentlich flotter, als in "Battlegrounds"

    An einer beliebigen Stelle kann man abspringen und mit einem Hängegleiter zu Boden segeln. Dieser ist leichter steuerbar und hat auch eine größere Reichweite, als die Fallschirme in "PUBG". Am Boden angekommen, gilt es, in Gebäuden und an anderen Stellen nach Waffen und Ausrüstung zu suchen. Das Ziel ist bekannt: Am Ende überlebt nur ein Spieler bzw. Team. Derzeit kann man entweder alleine oder im Vierer-Squad antreten. Es ist anzunehmen, dass auch ein Duomodus kommen wird. Gespielt wird derzeit übrigens nur im Third-Person-Modus.

    foto: roe
    Die Karte von "Elysium".

    Schöne, große Karte

    Grafisch kann "Ring of Elysium" seinem Vorbild jetzt schon Paroli bieten. Die Landschaft ist schön gestaltet und bietet eine Reihe teils spektakulärer "Ankerpunkte". So gibt es ein riesiges Hafenareal, ein opulente und teils begehbare "St. Gabriel"-Statue, eine Fabrik, eine Ausgrabungsstätte, einen Vergnügungspark und ein Observatorium. Das Gelände bietet sowohl mediterranes Flair an der Küste, wie auch mitteleuropäisches Bergfeeling. Die Erhebungen auf der Karte fallen gefühlt deutlich höher aus, als jene auf den "PUBG"-Maps. Eher wenig liebevoll gewählt sind manche Namen. "Bridge Town" und "Water Tower Town" klingen eher nicht wie Touristenmagnete.

    Bei der Farbwahl hat man sich für deutlich kräftigere Töne entschieden, als etwa die "PUBG"-Entwickler bei Erangel, was schlicht ein Zugeständnis an den asiatischen Zielmarkt sein dürfte. Knalligere Farben finden sich auch bei Ausrüstungsgegenständen. Sehr atmosphärisch umgesetzt ist das dynamische Wetter, das zwischen knallender Sonne und ausgewachsenem Gewitter pendeln kann – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Sichtbedingungen. Gespielt wird zu drei möglichen Tageszeiten mit passender Lichtstimmung: Morgens, Mittags, Abends.

    Obwohl die Map detaillierter erscheint und grafisch konkurrieren kann, läuft das mit der von Tencent selbst entwickelten "Quicksilver X"-Engine erstellte "Elysium" von Beginn an angenehm flüssig und ohne seltsamen Framedrops. Als Spieler aus Europa muss man sich aber freilich mit einer höheren Latenz plagen, was etwa im Zusehermodus sehr wohl sichtbare Verzögerungen und Ruckler erzeugt.

    Sinnvolle Erleichterungen

    "RoE" wurde im Vergleich auch an einigen Stellen vereinfacht. Und an einigen Änderungen könnte sich "Battlegrounds" durchaus eine Scheibe abschneiden. Geschmackssache ist freilich das simplere Waffen-Handling. Projektile haben auch hier Flugkurve und Streuung, ebenso gibt es Rückstoß. Doch alles ist deutlich gnädiger gehalten und weniger realistisch als in "PUBG". Auch beim Fallschaden übt sich das Game in größerer Toleranz. Es ist übrigens möglich, über Mauern und Hindernisse zu klettern oder aus Fenstern zu springen.

    Als sehr praktisch erweist sich, dass Aufsätze für Waffen – etwa Griffe oder Sichthilfen – automatisch angelegt werden, wenn man ein passendes Schießgerät mit freiem Steckplatz hat. Manuelles Verschieben ist freilich immer noch möglich. Und wechselt man eine Waffe gegen eine andere aus, werden vorhandene Aufsätze übernommen bzw. ins Inventar befördert. Mit dieser Mechanik erspart das Game dem Spieler eine Menge Micromanagement, mit der man sich in "Battlegrounds" plagen muss.

    Eine eigene Lösung hat das Spiel auch für das Zielen um die Ecke gefunden. Wo man sich in "PUBG" über die Standardbelegung Q und E nach links oder rechts lehnen kann, passiert dies hier beim Anvisieren automatisch, wenn man hinter einer Deckung steht. Und wer am Boden liegt, kann auch nach hinten schießen, ohne sich zuerst mühsam umdrehen zu müssen. Der Spieler rollt sich dafür automatisch herum und feuert dann aus der Sitzlage.

    Zähes Mid-Game

    Spielerisch leidet das Game aber auch unter ähnlichen Problemen, wie sein Vorbild. Die "Action" findet großteils am Anfang des Spieles (so man in einem beliebten Gebiete abspringt) und am Ende statt, wenn der kleiner werdende Kreis die restlichen Überlebenden zwangsweise zusammentreibt. Dazwischen kann es zu sehr viel Leerlauf kommen, in dem man zu Fuß oder mittels Auto, Tuk-Tuk über die Karte fährt, weitere Ausrüstung aufklaubt und versucht, sich an einem strategisch günstigen Ort in den nächsten Kreis zu begeben.

    Stress hat man dabei selten. "RoE" gibt den Kämpfern viel Zeit, um sich in das markierte Spielareal vorzuarbeiten, was den im "Midgame" eher zähen Spielfluss weiter in die Länge zieht. Und gerät man selbst in die Zone außerhalb des Kreises, ist auch dann keine Panik angebracht. Denn der Schaden, den man dort nimmt, ist selbst am Schluss eher moderat. Dazu sind auf der Karte reichlich Heilmittel verteilt. Es ist freilich gut denkbar, dass Tencent hier in Zukunft nachbessert, wie es auch in "Battlegrounds" geschehen ist.

    Noch keine zerstörbare Umgebung

    Die Waffenauswahl entspricht weitgehend dem, was man bereits aus Erangel kennt. Teilweise sind die gleichen Modelle im Einsatz, teilweise ähnliche. Anstelle der UMP-9 findet man etwa die HK5 und der Karabiner 98k wurde mit der Mosin-Nagant ersetzt, die ein integriertes Zielfernrohr mitbringt. Ebenfalls gibt es Abwürfe von besonderem Equipment, verpackt in futuristische Kapseln, die an einem Ballon herabsegeln. Verzichtet hat man bislang allerdings auf ein Äquivalent zur "Red Zone", also zufällig ausgewählte Areale, die unter Artilleriebeschuss genommen werden, was die Spieler dazu zwingt, entweder auszuweichen, oder ein Gebäude aufzusuchen.

    Im Trailer prominent gefeatured, in "Elysium" aber ebenfalls noch nicht vorhanden, sind zerstörbare Konstruktionen. Abseits von Fenstern, Türen und Fahrzeugen ist in dem Spiel derzeit nichts kaputt zu bekommen. Das ist schade, wäre es doch ein spielerisch potenziell extrem bedeutendes Unterscheidungsmerkmal zu "PUBG". Nachbessern sollten die Entwickler auch in Sachen Akustik. Denn insbesondere die Waffengeräusche klingen momentan noch ziemlich schwachbrüstig.

    Fazit

    "Ring of Elysium" ist ein vielversprechendes "Battle Royale"-Game, welches das Potenzial hat, "PUBG" in Zukunft starke Konkurrenz zu machen. Es glänzt vor allem mit schöner Grafik, bereits guter Optimierung und besserer Zugänglichkeit, ohne dabei den realistischen Anspruch komplett abzulegen, wie es etwa "Fortnite" macht. Technisch gibt es eigentlich nur beim Sound merkbaren Verbesserungsbedarf. Spielerisch könnte dem Game etwas Beschleunigung gut tun.

    Das Free2Play-Modell, bei dem sich mit Geld nur kosmetische Verbesserungen kaufen lassen, macht einen fairen Eindruck. Bleibt nun zu hoffen, dass Tencent für sein eigenes "Battle Royale"-Game auch bald europäische Server bereitstellt, damit keine nervigen Installations-Workarounds mehr nötig sind und man hierzulande mit guten Pingzeiten mitspielen kann. (Georg Pichler, 21.05.2018)

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