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19. Mai 2018, 08:00

Der Einsatz der Fremdenlegionäre war hochriskant. Für lange Vorbereitungen der "Opération Bonite" blieb keine Zeit: Nur zwölf Stunden nach ihrer Ankunft am 19. Mai 1978 in Zaires Hauptstadt Kinshasa sprangen die Fallschirmjäger über der südzairischen Stadt Kolwezi ab, um tausende europäische Geiseln aus der Gewalt von Rebellen zu befreien. "Aber der Teufel marschiert mit uns", heißt es im Marschlied des 2. Fremdenregiments der Fallschirmjäger (2e REP) – für die Luftlandetruppen sind problematische Einsätze Routine.

Wenige Tage zuvor, am 11. Mai, waren gut ausgerüstete Truppen des Front national de libération du Congo (Nationale Befreiungsfront des Kongo, FNLC) von Angola kommend via Sambia im Süden Zaires eingedrungen. Dieser Einmarsch der 3.000 bis 4.000 "Katanga-Gendarmen" unter der Führung Nathaniel Mbumbas markiert den Beginn des zweiten Shaba-Krieges. Die Rebellen konnten in Angola für die Planung ihrer Kampagne auf die Unterstützung und Ausbildung durch ausländische Söldner und Offiziere aus Kuba und der DDR zurückgreifen.

Schon etwas mehr als ein Jahr zuvor hatte die FNLC eine ähnliche Invasion gestartet, der "Shaba I" genannte Konflikt dauerte 80 Tage und wurde nur mit internationaler Hilfe beendet. Die Rebellen, die hauptsächlich der Ethnie der Lunda angehörten, konnten sich auf Unterstützung durch in Shaba ansässige Lunda verlassen, während die Armee Zaires, die Forces Armées Zaïroises (FAZ), desorganisiert agierte und die Bevölkerung terrorisierte. Die Armeeführung blieb ihren Truppen regelmäßig den Sold schuldig, was sich nicht positiv auf die Kampfmoral der Soldaten auswirkte: Viele desertierten oder liefen zum Gegner über. Entsprechend gering fielen auch die Verluste durch Kampfhandlungen aus. Die Wende zugunsten der Regierungstruppen brachte schließlich die Initiative des antikommunistischen "Safari Clubs". In diesem arbeiteten der Iran, Ägypten, Saudi-Arabien, Marokko und Frankreich auf geheimdienstlicher Ebene zusammen. Frankreich flog marokkanische und ägyptische Truppen nach Zaire, die schließlich die Rebellen vertreiben konnten, welche sich nach Angola zurückzogen.

foto: ap/rebours
Diktator Mobutu Sese Seko regierte mehr als drei Jahrzehnte.

Bereits 1960 hatte sich die südliche Region Katanga direkt nach der Unabhängigkeit Kongos mit belgischer Unterstützung als eigener Staat abgespaltet, wurde 1963 jedoch wieder eingegliedert. Die Kongo-Krise, ein typischer Stellvertreterkonflikt des Kalten Krieges, kostete den jungen Staat die Zukunft und seinen ersten Premierminister Patrice Émery Lumumba das Leben. 1965 putschte sich schließlich Joseph-Désiré Mobutu an die Macht und verwandelte den Kongo in eine der schlimmsten Despotien des afrikanischen Kontinents.

Mobutu ließ in der Folge des ersten Shaba-Krieges Prozesse gegen zahlreiche hochrangige Armeeangehörige führen. Auch der Außenminister Jean de Dieu Nguza Karl-I-Bond wurde gefoltert und zum Tod verurteilt, die Strafe danach aber in lebenslange Haft umgewandelt. Nach seiner Freilassung 1979 wurde Karl-I-Bond aber sogar Mobutus Premierminister, bevor er sich ins belgische Exil absetzte.

Geiseln im Dorado der Bodenschätze

Wie schon im Jahr zuvor stoßen die Katangarebellen bei ihrer zweiten Invasion 1978 auf wenig Widerstand und rücken zügig vor. Bereits am Samstag, dem 13. Mai, erobern die "Tiger", wie sie sich nennen, die Stadt Kolwezi. Mehr als zweitausend Europäer, zum Großteil Franzosen und Belgier, fallen den Rebellen hier als Geiseln in die Hände. Die Tiger plündern die Stadt, vergewaltigen Mädchen und Frauen und massakrieren Einheimische und Europäer.

foto: apa/afp/tounsi
Zwei Drittel der weltweiten Kobaltproduktion stammen aus der Demokratischen Republik Kongo.

Die strategisch wichtige Stadt in der rohstoffreichen Region Shaba, wie die Provinz Katanga in der Zeit von 1971 bis 1997 hieß, hat bereits rund hunderttausend Einwohner, liegt an wichtigen Eisenbahnlinien und Straßenverbindungen im Süden und verfügt über einen Flughafen. Sie bietet Zugang zu reichen Vorkommen von Kupfer, Cobalt, Uran, Radium und Zink. Der Westen hat also große Interessen, seinen Einfluss dort aufrechtzuerhalten.

Mobutu, der sich 1972 in Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga ("Der allmächtige Krieger, der wegen seiner Ausdauer und seines unbeugsamen Siegeswillen von Eroberung zu Eroberung schreitet und Feuer hinter sich lässt") umbenannt hatte, hilft sein pompöser Name wenig gegen die aufständischen Tiger: Er wendet sich hilfesuchend an die USA, Frankreich und Belgien.

foto: apa/afp/thirion
Die Kupfermine Kamoa Kakula liegt etwa 25 Kilometer westlich von Kolwezi. Hier befindet sich eines der größten Kupfervorkommen der Welt.

Am 17. Mai wird daher das 2e REP alarmiert, das in Calvi auf Korsika stationiert ist. Der Auftrag lautet, die "Ordnung und Sicherheit in Kolwezi wiederherzustellen". Am nächsten Tag landen die Legionäre vom Luftwaffenstützpunkt Solenzara kommend in Abidjan in Côte d’Ivoire und um halb drei Uhr in der Nacht auf Freitag, den 19. Mai, bereits in Kinshasa. Gleich nach Sonnenaufgang wird ihnen im Schnellverfahren die Handhabung der US-amerikanischen Fallschirme erklärt, die sie von der zairischen Armee zur Verfügung gestellt bekommen. Ihre eigenen Schirme haben sie auf Korsika zurückgelassen, auf dieses zusätzliche Gepäck müssen sie zugunsten von Waffen und Munition verzichten.

Nach einer Einsatzbesprechung und der Ausgabe der Ausrüstung heben um 11 Uhr fünf C-130 Hercules und eine französische Transall C-160 mit den Fallschirmjägern an Bord Richtung Kolwezi ab. Um 14.30 Uhr springen 450 Legionäre aus weniger als 250 Metern Höhe über der Stadt ab, sie werden aus größerer Distanz mit automatischen Waffen beschossen. Sechs Legionäre erleiden bei der Landung Verletzungen. Ein weiterer wird von seiner Truppe getrennt, er wird später tot aufgefunden – verstümmelt und mit noch umgeschnalltem Fallschirm.

foto: apa/afp/thirion
Die alte Eisenbahnbrücke über den Fluss Kongo in Kolwezi war Schauplatz der Gefechte zwischen französischen Fremdenlegionären und den Katangarebellen.

Drei der vier Kompanien haben die Befreiung bestimmter Objekte in Kolwezi als Auftrag: das Collège Jean XXIII, das Krankenhaus, die wichtigste Brücke, das Postamt und das Hotel Impala. Die vierte Kompanie errichtet im Impala die Kommandozentrale der Operation. In heftigen Gefechten befreien die Soldaten Geiseln und in Kellern versteckte Menschen. Die Gefangenen bekommen durch den Gefechtslärm natürlich mit, dass die Befreiungsaktion angelaufen ist. In einem Gefängnis im Bezirk Manika singen dutzende Geiseln in ihren Zellen die "Marseillaise", um sich bemerkbar zu machen. Die Legionäre kommen gerade rechtzeitig, um ihre Ermordung durch die Rebellen zu verhindern.

Bis um 18 Uhr haben die Legionäre ihre ersten Ziele erreicht und die Kontrolle in den Altstadtbezirken von Kolwezi übernommen. Die einsetzende Nacht bietet jedoch den Rebellen Vorteile: Sie kennen das Terrain. Die Gefechte halten die ganze Nacht über an.

grafik: odom, thomas p

Erst am nächsten Tag kommt die Verstärkung, deren Ankunft ursprünglich für den Abend vorgesehen ist, jedoch wegen der Dunkelheit verschoben werden muss. Von Lubumbashi im Süden Shabas kommend springt um fünf Uhr morgens die zweite Welle der Fallschirmjäger über Kolwezi ab, sie erhalten Unterstützung von belgischen Kollegen. Eine Kompanie der Franzosen landet im Osten der Stadt im Rücken der Rebellen, während die Belgier den Flughafen besetzen.

foto: apa/afp/thieron
Ein Polizist hält in Kolwezi bei der Gedenkstätte für den unbekannten Soldaten Wache. Das Denkmal ließ Mobutu Sese Seko nach der Schlacht von Kolwezi errichten.

Mehrere Einheiten durchkämmen systematisch die Stadt, während andere sich um die Evakuierung kümmern. Keine 24 Stunden nach der Landung der französischen Soldaten verlassen die ersten Zivilisten Kolwezi Richtung Europa. Innerhalb von zwei Tagen haben die europäischen Truppen die Kontrolle in der ganzen Stadt erlangt, und 2.800 Menschen können ausgeflogen werden.

In den folgenden Tagen sind die Legionäre immer wieder in Gefechte verwickelt. Die Verluste sind jedoch gering: Insgesamt sterben fünf französische Soldaten, zwanzig werden verletzt. Demgegenüber stehen bis zu 400 tote Rebellen. Über hundert europäische und mehr als siebenhundert einheimische Zivilisten verlieren in dem Konflikt ihr Leben.

ina actu
Die Schlacht von Kolwezi und die Heimkehr der Geiseln in Nachrichtensendungen vom 21. Mai ...
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... und 22. Mai 1978.

Gleich nach der Befreiung des Flughafens lässt sich Mobutu einfliegen. Er besucht gemeinsam mit Journalisten ein Haus, in dem 34 europäische Zivilisten ermordet wurden. Die Bilder haben erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung im Westen.

Bis heute hält sich jedoch auch die Version, dass Mobutus Truppen unter Oberst Bosange für das Massaker verantwortlich sind, um eine Intervention der westlichen Mächte auszulösen und um Mobutu einen medienwirksamen Auftritt zu garantieren. Der Hubschrauberpilot Pierre Yambuya berichtete später, dass Bosange am 14. Mai ein Kommando zu der Villa schickte und die Zivilisten durch die Fenster erschießen ließ.

foto: apa/afp/thirion
Kolwezi aus der Luft: Zum Stadtzentrum geht es am linken Bildrand. Wo heute ein See liegt, befand sich früher die Grube Mutoshi.

Am 4. Juni kehrt das 2e REP schließlich zurück in das korsische Quartier. Eine internationale afrikanische Truppe aus Marokko, dem Senegal, Togo und Gabun übernimmt die Kontrolle in Kolwezi. In der Übergangsphase kommt es zu einer Hinrichtungswelle von hunderten angeblichen Rebellen durch die FAZ.

Einsätze in Asien und Afrika

Die Vorgängerregimenter des 2e REP hatten im Indochinakrieg und im Algerienkrieg gekämpft. In Vietnam erlitten sie eine schwere Niederlage in der Schlacht von Điện Biên Phủ. Nach dem Generalsputsch von Algier wurde ihr Schwesterregiment 1e REP aufgelöst und das 2e REP nach Ende des Algerienkrieges nach Korsika verlegt. Bis heute werden die Einheiten bei jeder französischen Militärintervention eingesetzt.

cinemaetcie

Bereits 1980 wurden die Ereignisse der Schlacht als "La légion saute sur Kolwezi" (Die Legion springt über Kolwezi ab) von Raoul Coutard verfilmt: In einer der Hauptrollen spielt der bekannte "Maigret"-Darsteller Bruno Cremer eine der Geiseln. Auch Jean Seberg gehörte zur ursprünglichen Besetzung, ihre Szenen mussten jedoch nach ihrem Tod Ende August 1979 neu gedreht werden. (Michael Vosatka, 19.5.2018)

foto: apa/afp/thirion
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Einflussverhältnisse im Kongo verändert. Die neue Brücke über den Kongo wurde von den Chinesen errichtet.