Warum wir Debatten moderieren, statt sie abzudrehen

Kommentar14. Mai 2018, 15:49
392 Postings

Der Mord an einem Kind in Wien beschäftigt die Foren – nicht immer auf angemessene Weise. Wie DER STANDARD mit Vorverurteilungen und Hetze im Netz umgeht

Man muss sich das einmal im Detail vor Augen halten: Ein siebenjähriges Kind wird in Wien ermordet, niemand weiß, wer das getan und den kleinen, leblosen Körper danach in einen Sack gestopft und in eine Mülltonne gesteckt hat. Die Polizei ermittelt fieberhaft und lässt, verständlicherweise, kaum Informationen durch. Und in Internetforen und TV-Privatsendern geht die Spekulationspost ab. Nicht nur darüber, wer der Täter gewesen sein könnte (die Nachbarn haben's gesagt!), sondern auch zur Frage, was der "Grund" dafür sein könnte (als ob es auch nur irgendeinen Grund geben könnte, ein Kind zu töten). Vorurteile, Vorverurteilungen und Hass blühen: Die Familie des Opfers stammt aus Tschetschenien – eh schon wissen; wahrscheinlich Ehrenmord; und überhaupt: "Was machen die ganzen Tschetschenen bei uns?" Und über 1.000 Likes dazu.

Dies ist nicht im Forum des STANDARD geschrieben worden. Wir haben darüber berichtet. Aber auch auf unserer Seite hatten die Foren-Moderatoren das ganze Wochenende lang heftig zu tun. Die Kolleginnen und Kollegen üben einen der wohl härtesten Jobs in der Medienbranche aus, sie machen das mit Umsicht, Geduld, Konsequenz und großer Freundlichkeit – obwohl sie dafür oft beschimpft und/oder der Zensur verdächtigt werden. Umgekehrt heißt es oft, sie seien zu wenig rigoros beim Löschen von Postings oder zu wenig achtsam. Wie gesagt, kein einfacher Job. Aber ein überaus wichtiger, ohne den DER STANDARD seine Rolle als wichtigstes Diskursmedium niemals erfüllen könnte.

Reagieren, aber auch agieren

Seit es das STANDARD-Forum gibt, wird es moderiert. War das in den Anfängen noch eine Tätigkeit, die Redakteure nebenbei "mitmachten", stellte sich bald heraus: Wenn wir auf Einhaltung der Netiquette Wert legen (was wir unbedingt wollten), brauchen wir Spezialisten. Wir setzen einen "Foromaten" ein, ein Tool, das es ermöglicht, Hate-Speech- und strafrechtlich relevante Formulierungen immer besser zu erkennen und zu löschen. Doch oft, so auch im Fall des Kindesmords in Döbling, reicht das nicht.

Dann moderieren die Kolleginnen und Kollegen das Forum. Sie löschen freilich nicht nur Posts mit jenseitigem Inhalt, sie arbeiten auch aktiv dagegen, dass der Tonfall unter einer Geschichte entgleist. Posterinnen und Poster werden etwa aufgefordert, ihre Wortwahl zu mäßigen, sie reagieren auch umgehend auf Kritik. Zum Beispiel kam der Vorwurf, erst durch die Berichterstattung im STANDARD über Hasspostings zu dem Kindesmord in Döbling werde noch mehr Hass im Netz provoziert – worauf wir umgehend reagierten.

Abdrehen allein reicht nicht

Häufig werden wir auch mit der Frage konfrontiert, warum wir in "solchen Fällen" nicht überhaupt das Forum sperren. Das haben wir in der Vergangenheit, in Ausnahmefällen, bereits getan – und dabei festgestellt: Debatten lassen sich so nicht "abdrehen". Sie verlagern und zerstreuen sich nur quer über das gesamte User-Forum und sind dadurch umso schwieriger zu moderieren.

Das Internet bringt keine negativen Emotionen hervor, die es nicht schon gäbe – es verstärkt sie nur, wie unter einem Brennspiegel. Das kann große destruktive Kraft erreichen. Dies zu verhindern ist dem STANDARD ein Anliegen – in diesem Fall wie in jedem anderen. (Petra Stuiber, 14.5.2018)

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