Weniger Kassenärzte, mehr Wahlärzte in Österreich

    13. Juni 2018, 07:00
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    Hausärzte, Kassenverträge, Wahlpraxen, Spitäler – eine Annäherung in Grafiken

    Die österreichische Bevölkerung wächst kontinuierlich; so auch die Gesamtzahl der in Österreich tätigen Ärzte und Ärztinnen.

    Wird auch die Bevölkerungsentwicklung in die Statistik einbezogen, so deuten die Zahlen auf eine insgesamt ansteigende Versorgungsdichte hin. Im Bereich der Allgemeinmedizin ist jedoch ein Rückgang zu beobachten – hier stehen im Durchschnitt seit 2015 etwas weniger Ärzte und Ärztinnen pro 100.000 Einwohner und Einwohnerinnen zur Verfügung.

    Ordinationen in den Bundesländern

    Schaut man sich die Zahlen für den niedergelassenen Bereich an, so gibt es auch hier in den vergangenen acht Jahren Zuwächse. Im gesamten Bundesgebiet sind heuer mehr Ärzte und Ärztinnen in Ordinationen tätig als noch im Jahr 2010.

    Bei den prozentuellen Zuwächsen gibt es jedoch deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Während es in Kärnten und Niederösterreich nur knapp mehr als fünf Prozent mehr niedergelassene Ärzte und Ärztinnen gibt als noch vor acht Jahren, sind es in Salzburg 26,9 Prozent und in Oberösterreich 30,5 Prozent.

    Allgemeinmedizin wenig attraktiv

    Im Bereich der Allgemeinmedizin sieht es allerdings düster aus: Hier gibt es in fast allen Bundesländern weniger praktische Ärzte und Ärztinnen mit Kassenvertrag als noch vor acht Jahren. Einzig Niederösterreich hat einen leichten Zuwachs zu verzeichnen.

    Zum Teil sind die Rückgänge dramatisch: Während in Wien die Bevölkerung in den vergangenen acht Jahren um knapp zwölf Prozent gewachsen ist, ist die Zahl der praktischen Ärzte und Ärztinnen mit Kassenvertrag um zwölf Prozent gesunken. In der Steiermark ist ein Rückgang von elf Prozent zu verzeichnen, im Burgenland ein Rückgang von zehn Prozent.

    Zunahme an Wahlärzten und -ärztinnen

    Auffallend ist, dass die Zahl der Fachärzte und -ärztinnen ohne Kassenvertrag stark ansteigt, was einer De-facto-Kostenverschiebung in den privaten Bereich gleichkommt, da von den Kassen vielfach nur ein Bruchteil der Behandlungskosten rückerstattet wird.

    Weniger Hausärzte und -ärztinnen, Warten auf Ordinationstermine oder teurere Wahlpraxen auf der einen Seite, 24-Stunden-Versorgung und Einsamkeit auf der anderen Seite – viele Faktoren dürften dazu beitragen, dass Patienten und Patientinnen in Österreich zunehmend eine weitere Option wählen: das Aufsuchen einer Spitalsambulanz. Insbesondere in den Großstädten wird über volle Notfallambulanzen und stundenlange Wartezeiten geklagt.

    Ärzte und Ärztinnen in Spitälern

    Zur Situation in den Spitälern liegen uns Zahlen bis inklusive 2016 vor. Hier ist die Anzahl der Ärzte und Ärztinnen ebenso gestiegen – auch bei rechnerischer Umlegung auf Vollzeitstellen (Vollzeitäquivalent).

    Beim Blick auf die einzelnen Bundesländer zeigt sich, dass von Jahr zu Jahr mehr Vollzeitäquivalente zur Verfügung stehen. Einzig die Steiermark hat einen ersten Einbruch zu verzeichnen. Dieser könnte auf die laufende Umstrukturierung des Spitalswesens hindeuten, in deren Rahmen unter anderem Spitalsbetten reduziert und sogenannte "Gesundheitszentren" eingerichtet werden.

    Arbeitszeit in Spitälern

    Bei der Berechnung von Vollzeitäquivalenten wird die Arbeitszeit des Berichtsjahrs berücksichtigt – und diese ist gerade in Spitälern in Veränderung. So wird die Wochenarbeitszeit von Ärzten und Ärztinnen aufgrund eines erneuerten Arbeitszeitgesetzes, das im Jänner 2015 in Kraft getreten ist, von zuvor 60 Stunden bis Juni 2021 stufenweise auf 48 Stunden abgesenkt.

    Umfragen zur Arbeitssituation

    Die jüngste bundesweite Befragung von Spitalsärzten und -ärztinnen im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer stammt aus dem Jahr 2016. Derzufolge ist die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 54 Stunden (Befragung 2013) auf 48 Stunden gesunken. Als Wunsch haben die Befragten eine weitere Senkung angegeben: auf durchschnittlich 41 Stunden Arbeit pro Woche.

    Eine Reduktion der Arbeitszeit kann – wenn nicht gleichzeitig entsprechend Personal aufgestockt oder anderweitig entlastet wird – bei den Betroffenen zu erhöhtem Zeitdruck führen. Denn dann muss mitunter dieselbe Arbeit in weniger Zeit erledigt werden. Auf damit verbundene negative Entwicklungen hat die Wiener Ärztekammer heuer auf Basis einer Umfrage hingewiesen: Der Druck in den Wiener Gemeindespitälern steige, und nicht alle Überstunden würden aufgezeichnet.

    Maßnahmen zur Entlastung von Spitalsambulanzen

    Für Wien ist Anfang Mai eine neue Vereinbarung präsentiert worden – mit dem dezidierten Ziel, überfüllte Spitalsambulanzen zu entlasten und Hausarztpraxen zu stärken. Unter anderem sollen dazu die Honorare für Allgemeinmediziner und -medizinerinnen angehoben und der niedergelassene Bereich gefördert werden.

    Ein weiteres Projekt zur Entlastung von Spitalsambulanzen ist die telefonische Gesundheitsberatung, die im vergangenen Jahr in Wien, Niederösterreich und Vorarlberg als Pilotprojekt gestartet worden ist.

    Fälle in Spitalsambulanzen

    Die 2016 durchgeführte Ifes-Erhebung im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer hat erstmals nach einem Ansteigen der Ambulanzfälle gefragt: 77 Prozent der Befragten haben angegeben, diese Entwicklung wahrgenommen zu haben, 62 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sehen dies als gravierendes Problem.

    Auch den Krankenanstalten-Berichten des Bundesministeriums für Gesundheit ("Krankenanstalten in Zahlen") ist ein Anstieg der Erstbesuche in Spitalsambulanzen von 2013 auf 2016 zu entnehmen: österreichweit um 4,4 Prozent.

    Die Auswertung des Ministeriums berechnet auch das Spitalspersonal pro "tatsächlich aufgestellter Betten". Demnach sind im Jahr 2016 österreichweit pro 100 Betten drei Ärzte/Ärztinnen mehr zur Verfügung gestanden als noch drei Jahre zuvor.

    Weitere Faktoren, wenn es um die Situation von Spitalsärzten und -ärztinnen geht, sind der Administrationsaufwand – bei der Ifes-Umfrage ist er von den Befragten mit 35 Prozent der Tätigkeit beziffert worden – und die Erwartung, dass mit der steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung auch der Behandlungsbedarf steigen wird. Derzeit sind 18,6 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre alt und älter, Prognosen der Statistik Austria zufolge werden es in zehn Jahren schon 22 Prozent sein.

    Abwanderung nach Deutschland?

    Wenn es um den Arztberuf geht, stellt sich auch die Frage, wie viele österreichische Mediziner und Medizinerinnen ins benachbarte Ausland ziehen. Dazu zeigen die Statistiken der deutschen Bundesärztekammer, dass die Gesamtzahl der in Deutschland berufstätigen Ärzte und Ärztinnen aus Österreich zwar weiterhin ansteigt, sich dieser Trend seit 2014 aber doch deutlich verlangsamt hat.

    Ein anderes Bild zeigt sich bei den Medizinabsolventen und -absolventinnen, die aus dem Ausland stammen. Für den Abschlussjahrgang 2011 hat die Statistik Austria erhoben, dass diese nicht in Österreich bleiben: Acht von zehn deutschen Jungmedizinern und -medizinerinnen und sieben von zehn aus den anderen EU-Staaten verlassen Österreich innerhalb der ersten drei Jahre nach Abschluss des Medizinstudiums. (Daniela Yeoh, 13.6.2018)

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