Unknown Pleasures #18: "Call of the West" von Wall of Voodoo

Blog15. Mai 2018, 11:00
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Synthie-Pop und Film noir, Kraftwerk im Wilden Westen – die US-Band Wall of Voodoo schuf aus dieser Ausgangslage brillante Songs von cineastischer Qualität

Sergio Leone hat sich viel Zeit gelassen. Wenn ein Hund durch das Bild lief, dann lief er eben, und zwar so lange, bis er wieder verschwunden ist. Oder beim Duell. Da komponierte er lange Sekunden und Minuten eine Oper aus Augenpaaren und Schweißperlen, in denen sich der existenzielle Stress vor dem todbringenden Schuss abzeichnete – bis es dann knallte.

So viel Zeit gönnten sich Wall of Voodoo nicht. Ihre Musik war meist zappelig und gereizt. Man befand sich in der Ära des Postpunk, da musste es schnell gehen und zackig sein. Dennoch widmeten sich Wall of Voodoo epischen Themen. Schon der Titel ihres zweiten Albums klingt wie ein 800-Seiten-Roman, wie ein Vom Winde verweht des Pop: Call of the West – da schwingt die ganze US-amerikanische Entstehungsgeschichte mit, der Mythos des Westens, menschliche Sehnsüchte, das Unbekannte.

Geplatzte Träume

Doch tatsächlich widmete sich die 1977 in Los Angeles gegründete Band dem, was aus diesen Visionen geworden war: den geplatzten Träumen der Bewohner in den Suburbs, den Arbeitern, die in den Fabriken für Hungerlöhne schufteten. Kein Wunder, dass manch eine sich nicht wirklich willkommen gefühlt hat: They Don't Want Me.

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They Don't Want Me – Wall of Voodoo.

Doch der Ruf des Westens entlud sich nicht nur in pessimistischen Songs: Dazwischen eingebettet befand sich ein Instrumental wie On Interstate 15. Es verströmt die Hoffnung auf Besserung, auf den Traum, es nach dem nächsten Umzug, einem erneuten Ortswechsel besser zu treffen. Der Weg als vielbeschworenes Ziel – mit Ennio Morricone am Beifahrersitz.

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On Interstate 15: Ennio Morricone sitzt am Beifahrersitz, Stanard Ridgway am Volant.

Wall of Voodoo waren eine ungewöhnliche Band. Während Synthie-Pop-Bands über den Synthesizer meist in der von diesem festgeschriebenen Ästhetik aufgingen, unterfütterten Wall of Voodoo dessen Klänge mit knappen Licks aus der Sixties-Garage. Aus der Gitarre kam ein wenig Twang, eine fragile Dramatik, die sich mit dem Synthie anlegte.

The Good, the Bad and the Ugly

Die Sergio-Leone-/Ennio Morricone-Schlagseite manifestierte sich im selben Jahr, in dem Call of the West erschien, in Form einer Interpretation von Hang 'Em High / the Good, the Bad & the Ugly.

Das ergab einen originären Einstieg ins Musikgeschäft, der in Unknown Pleasures #17 schon gewürdigt wurde: Zur Morricone-Hommage gab es eine Coverversion von Ring of Fire, die nichts mit dem fidelen Howdy des Country zu tun hatte, sondern aus Fabriksruinen sein übersteuertes Echo ertönen ließ.

Das zeitgeistige Cover von Call of the West gibt wenige Hinweise darauf, was einen erwarten könnte.

Das 1981 erschienene Debütalbum Dark Continent von Wall of Voodoo klang noch etwas unausgegoren, auf Call of the West fiel aber alles, wie es fallen sollte. Verantwortlich für die präzisen Songs war Stan Ridgway. Der hatte, man ahnt es schon, eine Vergangenheit im Filmgeschäft.

Phil Spector verunglückt

Ridgway arbeitete in Los Angeles bei Acme Soundtracks. Einer Firma, die Scores für Filme produzierte. Daher rührt der Bandname: Ridgway nahm einmal etwas auf, was eine Referenz an Phil Spectors Wall of Sound ergeben sollte, als ein Freund von ihm wenig angetan meinte, das erinnere ihn höchstens an eine Wall of Voodoo.

Auf Call of the West erblühte ihr Sound zu voller Pracht. Es war eine Mischung aus synthetischer Ökonomie und knappen Zutaten aus einer traditionellen Bandbesetzung, die Mastermind Ridgway in Schwingung versetzte und in treibende Popsongs überführte.

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Wall of Voodoo: Tomorrow – der Einstieg in ein geheimes Meisterwerk.

Das cineastische Moment der Band manifestierte sich massiv in Ridgways Songs. Diese waren wie Drehbücher zu kurzen Filmen verfasst, der aus dem kalifornischen Hinterland stammende Ridgway erwies sich dabei als gelehriger Schüler des Pulp-Großmeisters Jim Thompson. In Lost Weekend sampelt Ridgway Hupgeräusche, während zwei Gambler aus der Vorstadt auf dem Heimweg darüber fantasieren, was gewesen wäre, wenn.

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Lost Weekend – zwei Gambler auf dem Weg nach Hause. Es war wieder nix mit dem Jackpot.

Was einen der beiden am nächsten Tag erwartet, besingt er in Factory. Den stampfenden Maschinenrhythmen hält er zu Beginn noch eine den Horizont aufreißende Mundharmonika entgegen, am Ende wird das Stampfen obsiegen. Dabei ist es nicht der Job in der Fabrik, der ihn erledigt: Es sind Frau, Kinder, Haus und Garten, die er als "factory back home" besingt: "I don't know why I lose my hair", wundert er sich, bevor er ausgelaugt ins Bett fällt.

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Factory – eine in der Arbeit, eine zu Hause.

Dennoch lag in diesen Dystopien ein Hit vergraben. 1983 landete Mexican Radio hinten in den Billboard-Charts – in den College-Radio-Sendern wuchs er aber zu einem veritablen Hit. Auch der Song bricht den American Dream mit den Mühen und Hürden eines unglamourösen Alltags, in dem es um die Butter auf dem Brot geht und nicht viel mehr. Ridgways nasaler Gesang gibt diesen Liedern einen nerdigen Touch, in anderen agiert er als nüchterner Chronist.

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Der einzige Hit der Band: Mexican Radio – bald darauf war Sänger Ridgway weg.

Nach Call of the West und dem Erfolg von Mexican Radio überschlugen sich die Ereignisse in der Band. Drogen wurden ein Thema, Ridgway verabschiedete sich, und die Gruppe machte ohne ihn weiter – und ohne je wieder adäquat nachlegen zu können.

Ridgway hingegen gelang gleich mit seinem ersten Soloalbum ein Hit. Auf dem nach dem gleichnamigen Film noir benannten Album The Big Heat befand sich der Song Camouflage. Ein etwas über Gebühr das Pathos bemühender Titel, bei dem ein junger GI in Vietnam von einem anderen GI namens Camouflage gerettet wird.

Camouflage wurde in neun europäischen Ländern ein Hit – die wirklich tollen Songs auf dem Album sind jedoch das Titellied, Drive, She Said oder Walking Home Alone. Vor allem in Drive, She Said bringt Ridgway sein Songnarrativ einmal mehr zur Perfektion.

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Drive, She Said – ein kurzer Film noir auf MTV.

Wall of Voodoo lösten sich 1989 auf, Ridgway ist als Solokünstler bis heute aktiv und hat mehr als ein Dutzend Alben unter eigenem Namen veröffentlicht. Aber es ist Call of the West, das immer noch alles andere überstrahlt. Diese Songs sind wie offene Türspalten, die Einblick geben in die geschundene amerikanische Seele – zu einer Zeit, in der Ronald Reagan der Mittelschicht gerade das Messer ansetzte.

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Am Ende das Titelstück des Albums: Call Of the West. Das Epos des Average Joe.

Das Titelstück am Ende des Albums thematisiert noch einmal das Dilemma von Traum und Wirklichkeit. Die Gitarren bemühen den Mythos Amerikas. Sie erinnern in der Ästhetik von Ennio Morricones Spaghetti-Western-Soundtracks an den Pioniergeist, während der Synthesizer in eine Zukunft galoppiert, vor der sich viele fürchten mussten. Der Ruf des Westens ist in dieser Kluft kein Versprechen mehr, es ist die Drohung eines grauen Alltags im vermeintlichen Golden State. (Karl Fluch, 15.5.2018)

  • Die US-Band Wall of Voodoo kreuzte Synthie-Pop mit Spaghetti-Western-Sounds. Das zeitigte mit dem 1982 erschienenen Call of the West ein Meisterwerk.
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    Die US-Band Wall of Voodoo kreuzte Synthie-Pop mit Spaghetti-Western-Sounds. Das zeitigte mit dem 1982 erschienenen Call of the West ein Meisterwerk.

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