Song Contest: Conchita, Makemakes, Zoë vor Cesár Sampson – Billig-Bruegel für Blümel

Kolumne14. Mai 2018, 07:00
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Medienbehörde zu ORF-Kanal auf Youtube und GIS für Flimmit – Quotenschwund für "Café Puls" im Vorabend

1. GIS für Flimmit, ORF auf Youtube

+++ Update: Die Entscheidungen der Medienbehörde liegen nun vor: Sie lehnt sowohl den Youtube-Kanal des ORF und GIS-Gebührengeld für Flimmit ab, mehr dazu unter diesem Link. +++

Was wurde eigentlich aus dem Prüfverfahren für den geplanten Youtube-Kanal des ORF? Und was aus GIS-Gebührengeld für die – kommerziell als Netflix-Konkurrenz nicht so erfolgreiche – Streamingplattform Flimmit des ORF? Ich maße mir keine Prognosen mehr an, wann die Medienbehörde Komm Austria darüber entscheidet – schon vor ein paar Wochen hab' ich geschrieben, dass die Entscheidung unmittelbar bevorsteht. Aber: Unmittelbar lässt sich eben nicht so präzise fassen.

Wie die Prüfung ausgeht, prognostiziere ich schon gar nicht. Aber wenn ich mir die sogenannten Angebotskonzepte für Youtube und Flimmit mit Gebühren doch noch einmal durchschaue, beschleicht mich doch ein – juristisch gänzlich unfundierter – Verdacht, dass sich die beiden ORF-Wünsche jedenfalls nicht leicht erfüllen lassen. Vielleicht spricht auch die Dauer der Verfahren gegen große Begeisterung für die ORF-Projekte. Aber warten wir ab, wann die Behörde nun entscheidet. Und wie.


2. Steger, Channel Manager, "Report"

Als hätten der ORF und sein General Alexander Wrabetz diese Woche nicht schon genug zu tun. Das wissen Sie als Wochenschau-Abonnentin und -Aficionado und @etatat-Follower natürlich schon. Also nur (für epische Wochenschau-Verhältnisse) recht fix:

  • Donnerstag wählt der neue, noch tiefer türkis-blaue Stiftungsrat des ORF seinen Vorsitzenden – Norbert Steger (und bespricht womöglich auch die eher mauen TV-Quoten der vergangenen Wochen). Schon bis Montag erwarten einige kritische Länder-Stiftungsräte aus ÖVP, SPÖ und Kärnten Antworten Stegers auf einige Fragen zu seinen Vorstellungen über Amtsführung und ORF-Zukunft (Fragebogen im Wortlaut hier).
  • Mittwoch vor dem Stiftungsrat lässt ORF-General Wrabetz seine Geschäftsführung für – wenn ich mich da nicht verhört habe – immerhin sechs Stunden zusammenkommen. Der Verdacht: Das gewaltige Personalpaket von Channel-Managern und Channel-Chefredakteuren von ORF 1 und ORF 2 über "Report", "Eco", Public Affairs und Human Resources bis zu neun Ö1-Ressortleitern könnte von den Damen und Herren Prokuristen vor dem Stiftungsrat abgenickt werden. Merke: Nicht immer hört der – derzeit noch – weisungsberechtigte ORF-Alleingeschäftsführer Alexander Wrabetz auf seine Fachdirektoren: Finanzdirektor Andreas Nadler soll laut "Profil" die zuletzt von Wrabetz ausgehandelte Erhöhung der vielen, vielen Kollektiv- und Einzelverträge des ORF abgelehnt haben; der General legte die Erhöhung dennoch dem Stiftungsrat vor, der sie abnickte. Wrabetz' ORF-Direktoren dürften ohnehin ein Ablaufdatum haben – mit Inkrafttreten des nächsten, türkis-blauen ORF-Gesetzes, das aus heutiger Sicht einen Vorstand statt des Alleingeschäftsführers vorsieht.
  • Dienstag und Mittwoch stellen sich die Kandidaten für Channel-Manager und Channel-Chefredakteure jenen Mitarbeitern in Hearings (und nicht bindenden Abstimmungen), die sie künftig führen sollen.
  • Vor der Bestellung sollte Wrabetz noch die Redakteursräte hören, aber vielleicht geht sich das ja in einer Pause der Masi am Mittwoch aus. Masi, das ist im ORF-internen Jargon die (üblicherweise donnerstags stattfindende) Sitzung der Geschäftsführung. Die Sitzung der Landesdirektoren heißt, falls Sie das wissen wollten, auch schön: Lisi.


3. Wer wird eigentlich bei Ö1 was?

Vor lauter Channel-Managern kommt man ja gar nicht zum öffentlich-rechtlichen Kernprogramm des ORF – und wer dort künftig unter einem (absehbar auch künftigen) Channel-Manager den Laden organisiert. Ja, jetzt geht's um Ö1.

Wer könnte all die (neun neuen) Ressortleiterposten bekommen? Ein paar (womöglich qualifizierte) Schätzungen: Susanna dal Monte könnte zum Beispiel künftig die aktuelle Kultur ressortleiten. Michael Blees Konzert und Oper. Martin Gross die aktuelle Religion.

Literatur und Hörspiel leitet derzeit interimistisch Kurt Reissnegger – aber mit ihm sollen sich noch sechs weitere beworben haben, darunter einige qualifizierte Frauen, und die sind bei gleicher Qualifikation laut Ausschreibung vorzuziehen. Aber: Reissnegger war auch schon Büroleiter von Alexander Wrabetz.

In der Wissenschaft hat sich der interimistische Leiter Armin Stadler nicht beworben – das macht das Namedropping hier nicht leichter. Ich versuch's mal mit Marlene Nowotny und Franz Zeller.

Online-Ressortleiter könnte zum Beispiel Joseph Schimmer werden. Bei Diagonal tippe ich mal auf Christian Scheib – wenn ich mich bei den Bewerbungen nicht gänzlich verhört habe.

Schwierig ist der Jazz für mich, jedenfalls personell und in Sachen Ö1-Ressortleitung. Sorry, auch mit diversen Telefonjokern: kein Tipp. Auch für die aktuelle Musik lass' ich's lieber.

Das zehnte Ö1-Ressort wird erst im Juni frei. Zur Jahresmitte soll Rainer Rosenberg, lange quasi Nummer zwei bei Ö1, in Pension gehen. Er leitet die "Spezialprogramme" bei Ö1. Das ist – natürlich nicht nur – zum Beispiel "Rudi, der Radiohund".


4. Beinahe Europameister, öffentlich-rechtlich

Wo wir schon bei der öffentlich-rechtlichen Kultur sind und ihren vielen Erscheinungsformen: Diese Etat-Wochenschau entstand großteils unter dem Eindruck des Eurovision Song Contests 2018. Ein ziemlich österreichischer Abend: beinahe Europameister.

Es war also ein (auch nach Conchita Wurst 2014) herausragender Song Contest für Österreich mit Platz eins im Juryvoting und Rang drei in der Gesamtwertung eines durchaus geschmackvollen Song-Contest-Publikums. ORF-Chef Wrabetz atmete kurz nach Mitternacht wohl auf, dass er nicht schon wieder 15 Millionen oder mehr zusammensuchen muss für den nächsten Song Contest in Wien. Ebenso vielleicht Medienminister Gernot Blümel (ÖVP), der ja recht ernsthaft über die Finanzierung des ORF aus dem Bundesbudget nachdenkt.

Gegen den Song Contest in Wien 2015 und den Sieg von Conchita Wurst 2014 kommt 2018 quotentechnisch naturgemäß nicht an. Doch selbst Zoë mit ihrem 13. Platz 2016 lag beim Publikum "Loin d'ici" des Cesár Sampson. Vor zwei Jahren kam der ORF in Österreich auf 1,123 Millionen Zuschauer bei Zoës Vortrag, 44 Prozent Marktanteil (Gesamtpublikum) bei den Songs und 60 Prozent beim Voting – kurzum: auf die drittbesten Werte seit 2003 – nach 2014 und 2015.

2018 verfolgten 928.000 Zuschauerinnen und Zuschauer César Sampsons Auftritt. Die Songs hatten im Schnitt 37 Prozent Markanteil, das aus österreichischer Sicht durchaus spannende Voting 54 Prozent. Immerhin einen Hauch mehr als bei Nathan Trent (Platz 16) anno 2017.

foto: orf tvthek screenshot
Jürgen Pettingers Live-Einstieg für die "ZiB 24" nach dem Finale des Song Contest 2018. Für mich das Outfit des Abends – womöglich nicht zum ersten Mal.

Das führt uns zur Wissensfrage der Woche: Trägt Jürgen Pettinger eigentlich zum Liveeinstieg der "ZiB 24" nach dem Song Contest immer schon so gediegene Sakkos, womöglich gar dasselbe? Die Bonusfrage: Seit wann schon ist "Müllers Büro" der offizielle Post-Song-Contest-und-Post-Pettinger-Einschlaffilm des ORF? Ich empfehle als Alternative das epochale Frühwerk von Niki List, "Malaria". Aber vielleicht gibt's das ja – gebührenfinanziert oder nicht – auf Flimmit.


5. Billiger Bruegel für Bluemel

Die (nie gestellte) Frage der Vorwoche war: Eines der wohl wertvollsten Gemälde des Kunsthistorischen Museums – der "Turmbau zu Babel" – wird für eine Bildbesprechung des Kultur- und Medienministers im ORF auf den Küniglberg geschafft? Wer zahlt die – vermutlich gewaltige – Versicherung für die gemeinsame televisionäre Bergtour von Bluemel und Bruegel?

Kollege Stefan Weiss aus der STANDARD-Kulturredaktion fragte beim KHM nach und kam zum – wirtschaftlich beruhigenden, künstlerisch aber vielleicht nachdenkenswerten – Ergebnis: Kulturminister Gernot Blümel interpretierte bibelfest, aber eben nur originalgetreu eine Kopie des Werks, wie sie das Kunsthistorische Museum nach eigenen Angaben auch – relativ kostengünstig – für Eröffnungen von Autohäusern oder deren Präsentation neuer Modelle verleiht.

Ersparen Sie mir und Ihnen Gedanken über Kostenbewusstsein und Authentizität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ab 2018. Ich habe in dem Interviewteil auch beim Nachhören in der ORF-TVthek (noch nachsehbar bis Montagabend) keinen Hinweis darauf wahrgenommen, dass es sich um eine Kopie des "Turmbau zu Babel" handelt. Kann aber auch an mir liegen.

foto: orf tvthek screenshot
ORF-Fernsehkulturchef Martin Traxl und Kultur- und Medienminister Gernot Blümel im "Kulturmontag" bei der Enthüllung einer Bruegel-Kopie.

"Wir wollen Ihnen heute noch was Schönes zeigen", sagte Kulturchef Martin Traxl seinem kulturmontäglichen Dauergast, "wir haben keine Kosten und Mühen gescheut". Wir (die Etat-Wochenschau) können aber laut KHM die Noch-Gebühren-Zahler beruhigen: keine, die handelsübliche Preise eines Autohauses übersteigen. Traxl aber sagt: "Wir haben was Schönes besorgt für Sie, wie Sie sehen, einen Bruegel". "Offensichtlich", sagt Blümel. "Den Turmbau zu Babel, großer Dank diesbezüglich an das Kunsthistorische Museum".

"Warum tun wir das?", fragt Traxl sich und das Pubikum und den Kulturminister. "Wir wollten wissen: Was löst die Kunst in Ihnen aus?" Es wäre zu gemein, das zu übersetzen mit: Was löst die autohausübliche Replik eines Kunstwerks in Ihnen aus? Ganz ehrlich: Hätten Sie erkannt, dass es sich um kein Original handelt? Ich kann für mich sagen: sicher nicht.

"Verschärfung der Transparenzbestimmungen zur Sicherung einer objektiven und unabhängigen Berichterstattung" kündigt das Regierungsprogramm zum ORF an. Aber da soll es nach bisherigen Angaben vor allem um die Social-Media-Aussagen von ORF-Journalistinnen und -Journalisten gehen. Der "Kulturmontag" wurde in dem Zusammenhang nach meinem Wissen nicht erwähnt.


6. Beinahe Europameister, privat

Kommenden Mittwoch kann Puls 4 wieder einmal auf ein Quotenhoch hoffen – das Europa-League-Finale könnte den einen oder anderen Zuschauer extra bringen. Ich würde eher nicht auf ein All-Time-High wetten – das gab's ja zuletzt schon beim Abschied von Red Bull Salzburg gegen Olympique Marseille. Die Riviera-Riege tritt diese Woche im Finale der Europa League gegen Atletico Madrid an. 18,6 Prozent Tagesmarktanteil und bis zu 942.000 Zuschauer, wie bei der Ausscheidung von Red Bull Salzburg, würde ich eher nicht erwarten.


7. Ruhepuls am Vorabend

Wie läuft es eigentlich abseits des runden Leders bei Puls 4? Die Monatsmarktanteile in der Werbezielgruppe ließen ProSiebenSat1Puls4 zuletzt jubeln. Vom jüngsten Anlauf unter vielen weniger erfolgreichen, den Vorabend mit Eigenprogramm zu bespielen, hörte ich schon länger nichts mehr. Das weckt mein Interesse an "Cafe Puls Das Magazin" – das Anfang März 2018, 23 Jahre nach "Willkommen Österreich" im ORF, gestartete Frühstücksfernsehen für den Vorabend.

Sehen Sie einfach selbst – die Zuschauerzahlen aller Ausgaben im Gesamtpublikum, in der Werbezielgruppe der Zwölf- bis 49-Jährigen und in der (sehr kleinen) jungen Zielgruppe der Zwölf- bis 29-Jährigen seit dem Start:

Bei der Gelegenheit habe ich mir auch gleich die deutlich abgemagerten Quoten der "Kochgiganten" angesehen – nach solidem Start und einer tiefen Delle am Tag der Arbeit hält das Format nun bei nicht übermäßig fetten 81.000 Zuschauerinnen und Zuschauern.

Remember? Der ORF verlegte "Meine Mama kocht besser als deine" zuletzt aus dem Hauptabend in den späten Abend, als seine Kochshow von anfangs 340.000 binnen zwei Folgen (aber linear) auf 291.000 und 170.000 einknickte. Der neue Freitagabend war einer der Gründe für die dürrsten Monatsmarktanteile des ORF aller Zeiten in diesem April.


8. Und sonst?

Was tut sich sonst so diese Medienwoche? Ein Schnelldurchlauf, wie gewohnt ohne Gewähr für Vollständigkeit. Platz für weitere Programmpunkte hat das Forum unten, ich danke für alle sachdienlichen und sonstigen Hinweise.

  • Montag: Russmedia-Verein vor dem Schiedsgericht – Ohne Gewähr: Am Montag soll in Feldkirch / Vorarlberg eine Schiedsgerichtsverhandlung zu finanziellen Unregelmäßigkeiten beim Verein "MaHilft" stattfinden, die dem Buchhalter des Vereins angelastet werden. Der weist alle Schuld von sich und verweist auf andere Vereinsfunktionäre.
  • Montag: Druck-KollektivvertragArbeitgeber und Arbeitnehmer verhandeln über einen neuen Kollektivvertrag. Der alte ist aufgekündigt.
  • Montag und Dienstag: European Newspaper Congress in Wien"Der österreichische Journalist" lädt zum europäischen Branchentreffen (Standardtext, es war schon spät).
  • Mittwoch: Motorbootunfall am Wörthersee (Urteilsverkündung geplant) – Nächster Verhandlungstermin am Landesgericht Klagenfurt, angesetzt von 9 bis 17 Uhr, laut Verhandlungsspiegel "Urteilsverkündung geplant".
  • Dienstag: Zeitungskassen aufgebrochen – Noch einmal Landesgericht Klagenfurt. Ein weit weniger spektakuläres Verfahren, und dennoch voller Erkenntnisgewinn über die Medienbranche: 21 aufgebrochene Zeitungskassen in Kärnten brachten "Bargeld in Höhe von 20,00 Euro". Angeklagt sind laut Gericht "zwei 1998 und 2000 geborenen Beschäftigungslose", die in der Nacht vom 11. auf 12.03.2018 in Klagenfurt 21 Zeitungskassen aufgebrochen und weggenommen haben, "um sich dadurch unrechtmäßig zu bereichern, indem die Zeitungskassen mit einem Baseballschläger von den Stummen Verkäufern heruntergeschlagen worden sein sollen". Bekommt man um 20 Euro eigentlich einen Baseballschläger?
  • Mittwoch: Rundfunk-Haushaltsabgabe vor deutschem VerfassungsgerichtDas deutsche Bundesverfassungsgericht prüft die Rundfunkabgabe für alle Haushalte, im großen Nachbarland seit 2013 eingehoben.


9. Die televisionäre Zukunft der Sozialdemokratie

Man kann sich noch fragen, wie es um die Sozialdemokratie bestellt ist, wenn sich Agenda Austria und das Spectrum der "Presse" (Paid) ihrer annehmen. Das würde die Etat-Wochenschau aber unzuständigerweise kaum übernehmen, selbst wenn sie die Gedanken überaus treffend fände, wäre nicht der eigens eingeflogene Gerhard Zeiler Protagonist dieser roten Zukunftsüberlegungen. Der wird von seinem Team noch immer mit der Etat-Wochenschau-Huldigung "Fernsehgott" aufgezogen, höre ich. Frei nach Che Guevara: Man muss manchmal ein bisserl übertreiben.

Kommen Sie gut in die neue Woche – und gleich auch die nächste! (Harald Fidler, 14.5.2018)

Die Etat-Wochenschau ist eine sehr subjektive Auswahl und Interpretation anstehender Ereignissen in der – vor allem österreichischen – Medien- und gelegentlich auch Werbebranche. Wie sich die Prognosen in der Medienrealität materialisieren, lesen Sie so rasch wie möglich auf derStandard.at/Etat.

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