Mit Ustascha-Symbolen im Kofferraum nach Bleiburg

    Reportage12. Mai 2018, 18:44
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    Während ein Priester das Verbot politischer Reden und faschistischer Symbole verliest, wird dieses neben ihm gebrochen

    Bleiburg/Pliberk – Sie sind gekommen, um zu beten und der Opfer des "Massakers von Bleiburg" zu gedenken, sagen die Männer, die am Samstag seit 8 Uhr auf dem Parkplatz neben dem Unterloibacher Friedhof stehen und ein Bier nach dem anderen öffnen. Sie sind zwischen 25 und 40 Jahre alt und über Nacht den weiten Weg aus Darmstadt durchgefahren. In einem der Kofferräume liegen mehrere Symbole, die den faschistischen Ustascha-Staat verherrlichen.

    "So macht das doch keinen Spaß"

    Der Wortführer der Gruppe trägt einen Trainingsanzug mit dem Aufdruck eines Sportvereins aus dem deutschen Rhein-Main-Gebiet. Er öffnet sich ein weiteres Bier, steckt sich eine Zigarette an und bietet aus seinem Kofferraum Schinken aus Dalmatien an: "Der aus der Heimat, das ist der beste."

    Die Männergruppe ist verärgert, weil es in diesem Jahr keine Festzelte geben soll. "Die Security hat uns vorher sogar schon vom Friedhof geschmissen, weil sie meinten, wir dürfen nicht trinken. So macht das doch keinen Spaß."

    foto: apa/eggenberger
    Die Hauptmesse wird gehalten von Želimir Puljić, dem Erzbischof der Adriastadt Zadar.

    Ein Feld im Kärntner Nirgendwo, unweit der slowenischen Grenze. Und doch der zentrale historische Bezugspunkt der kroatischen Rechten. Es geht um den Mai 1945, als die mit den Nazis verbündete Ustascha-Armee aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Kärnten in die britische Besatzungszone flüchtete. Sie wurden den jugoslawischen Partisanen ausgeliefert, woraufhin rund 45.000 Menschen, nach Schätzungen des kroatischen Historikers Slavko Goldstein, umgebracht wurden.

    Uniform kroatischer Miliz

    Um der Opfer zu gedenken, möchte eine Gruppe von Veteranen aus dem Kroatienkrieg der 1990er-Jahre auf den Friedhof. Ein Kärntner Polizist nimmt eine schwarze Uniform zur Hand, die einer der Männer dabeihat. Die Teilnehmer erklären ihm, es handle sich um eine Uniform aus dem Kroatienkrieg der 90er. Ein kroatischer Polizist, der zur Unterstützung der Kollegen da ist, nickt das ab. Der Kärntener Polizist gibt ihm die Uniform wieder und sagt: "Jo, passt, danke." Es ist die Uniform einer kroatischen Miliz, die sich positiv auf die Ustascha bezieht.

    Die Männer tragen schwarze T-Shirts, auf denen die Aufschrift "Za dom" (Für die Heimat) steht. Für den faschistischen Gruß der Ustascha fehlt hier noch das Wort "spremni" (bereit). Mit diesen Doppeldeutigkeiten wird an jenem Samstag viel gespielt. Andere zeigen die faschistischen Symbole offen. Doch es sind weniger als im vergangenen Jahr.

    foto: apa/eggenberger
    Rund 300 Polizisten waren heuer in Bleiburg im Einsatz. Kroatische Beamte unterstützten die Österreicher.

    Später wird die Polizei Resümee ziehen: sieben Festnahmen und neun Anzeigen nach dem NS-Verbotsgesetz. "Rein oberflächlich wirkt es weniger martialisch als im Vorjahr", sagt ein Polizist.

    Regeln, die gebrochen werden

    Eigentlich sollte es dieses Jahr auf dem Loibacher Feld ganz anders laufen. Kein Alkohol, keine faschistischen Symbole, keine politischen Reden. Das waren die Bedingungen der Diözese Gurk. Offiziell handelt es sich um eine kirchliche Veranstaltung.

    Ein Priester trägt die Regeln der Diözese Gurk vor, wonach politische Symbole verboten sind. Nur drei Meter daneben steht ein Mann mit einem Schal, auf dem ein Soldat mit Wehrmachtshelm abgebildet ist.

    Applaus für Rede gegen Antifaschismus

    Auch gegen die Auflage, dass es auf dem Friedhof keine politischen Reden geben dürfe, wird verstoßen. Kurz vor 10 Uhr stellt sich am Gedenkstein ein Mann als Tomo Bilogrivić von der "Vereinigten kroatischen Rechten" vor. Er trägt Anzug, Krawatte und legt seinen Hut auf einen Grabstein. Als er die umstehenden Teilnehmer auffordert, sich an den Händen zu halten, machen sie das. Als er fordert, den Antifaschismus aus der kroatischen Verfassung zu streichen, wird ihm applaudiert.

    Der Verfassungsjurist Bernd-Christian Funk deutete im Vorfeld an, dass die Polizei bei faschistischen Symbolen absichtlich wegschaut, und sagte in einem Interview mit Ö1: "Ein absichtliches Wegsehen könnte den Tatbestand eines Missbrauchs der Amtsgewalt, jedenfalls eine strafbare Pflichtverletzung begründen."

    Dem Vorwurf des Amtsmissbrauchs sieht sich die Polizei ausgesetzt, weil es 2017 am Veranstaltungstag selbst nur drei Anzeigen nach dem Verbotsgesetz gegeben hatte, obwohl an jeder Ecke der Nationalsozialismus und seine Kollaborateure verherrlicht wurden. Die Polizei wies die Vorwürfe zurück.

    "Tod dem Faschismus"

    Nach dem Gedenken auf dem Friedhof geht es auf das Loibacher Feld. Auf dem Weg haben Unbekannte die Worte "Tod dem Faschismus" auf Kroatisch auf den Boden geschrieben. Über die roten Lettern der Inschrift läuft Ante Kutleša, Pfarrer und Sprecher des Bleiburger Ehrenzuges, der diese Veranstaltung mitorganisiert. Er wirkt etwas übernächtigt, hat die Schultern hochgezogen und trägt den Schal des Bleiburger Ehrenzuges um den Hals.

    foto: krsto lazarevic
    Ante Kutleša, Veranstalter.

    Er bittet um einen differenzierten Umgang mit dem Faschistengruß "Za dom spremni": "Von 1991 bis 1995 war es auch der Gruß einer kroatischen Brigade, die sich HOS nannte und Kroatien verteidigt hat."

    Auf die Frage, warum Menschen mit T-Shirts des Faschistenführers Ante Pavelić herumlaufen, sagt er: "Das ist eine Veranstaltung mit 15.000 Menschen, da können wir doch nicht ausschließen, dass auch Extremisten da sind."

    foto: apa/eggenberger
    Auch mit dabei: Kroatiens Parlamentspräsident Goran Jandroković , der Minister für Staatseigentum, Goran Marić, und Verteidigungsminister Damir Krstičević beim Kroaten-Gedenktreffen am Loibacher Feld am Samstag.

    Zu Mittag ist es warm auf dem Bleiburger Feld, die Sonne knallt herunter. An der Wasserstelle bildet sich eine Schlange. Trotz des schwülen Wetters tragen viele Schwarz. Rund 10.000 Menschen haben sich dieses Jahr versammelt, um der Ustascha zu gedenken. Das sind 5.000 weniger als erwartet.

    Der Eingang zum Loibacher Feld wird von einem Security-Unternehmen bewacht. Ein kroatisches Paar aus Wien, beide um die 40 Jahre alt, wird nicht hereingelassen. Beide tragen ein schwarzes T-Shirt der HOS-Miliz mit der Aufschrift "Za dom spremni". Sie verstehen die Welt nicht mehr. Die Frau sagt: "Wir haben dieses T-Shirt doch letztes Jahr hier gekauft."

    foto: krsto lazarevic

    Mittelfinger für Kamerafrau

    Viele Teilnehmer sind unglücklich damit, dass sie sich bei der "kirchlichen Veranstaltung" an solche Auflagen halten sollen. Trotzdem kommen viele Besucher auch mit politischen und faschistischen Symbolen auf die vermeintlich kirchliche Veranstaltung auf dem Loibacher Feld.

    Auf dem Feld selbst wird eine Kamerafrau des kroatischen Nachrichtenportals index.hr angepöbelt. Ein Besucher nähert sich ihr und bedeckt die Kamera, ein anderer hält ihr den Mittelfinger vor die Linse. Aus dem Hintergrund schreit eine Frau auf Kroatisch: "Es ist eine Schande, so junge Menschen zu sehen, die ihr Vaterland hassen."

    Die Hauptmesse wird gehalten von Želimir Puljić, dem Erzbischof der Adriastadt Zadar. Dieser hat sich in der Vergangenheit dafür eingesetzt, dass der faschistische Ustascha-Gruß "Za dom spremni" für die Armee legalisiert wird. Das ist etwa so, als würde jemand versuchen, das "Sieg Heil" in Österreichs Bundesheer einzuführen.

    Erzbischof lässt KZ Jasenovac unerwähnt

    Puljić feiert hier eine Art Jubiläum. 2003 übernahm er im Namen der katholischen Kirche Kroatiens die Patronanz über das Treffen. Davor war es keine kirchliche Veranstaltung.

    Wer ihm zuhört, könnte meinen, die Geschichte Kroatiens beginnt im Mai 1945. Gedacht wird der Opfer aufseiten der Ustascha, die von den jugoslawischen Partisanen ermordet wurden. Dass die Nazikollaborateure zuvor im sogenannten "Unabhängigen Staat Kroatien" hunderttausende Menschen ermordet und ein eigenes Vernichtungslager in Jasenovac betrieben hatten, wird nicht erwähnt.

    "Unheimliche" Massenansammlung

    Im rund vier Kilometer entfernten Zentrum von Bleiburg gab es zum ersten Mal eine Gegenveranstaltung. Organisiert von dem KZ-Verband, dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, der Österreichischen Hochschülerschaft und Partisanenverbänden aus Slowenien, Italien und Kärnten. Gefordert wurde ein Verbot des "Gedenkens" auf dem Bleiburger Feld.

    foto: apa/peter lindner
    Gegendemonstranten am Samstag in Bleiburg. Ihre Kundgebung blieb ohne Zwischenfälle.

    Die 34-Jährige Elena sagt: "Mir ist das antidemokratische Moment unheimlich. Diese Massenansammlung von Menschen, die sich positiv auf ein faschistisches Regime beziehen."

    Kurz nach 14 Uhr ist die Sonne wieder verschwunden, und es beginnt zu gewittern. Regentropfen fallen vom Himmel, und die Veranstaltung auf dem Loibacher Feld löst sich auf. (Krsto Lazarević, 12.5.2018)

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