Als Odysseus mich aus meiner Odyssee holte

Blog13. Mai 2018, 13:00
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Wandern auf dem Llogara-Pass in Albanien

"I am coming", rief er mit seiner hellen Stimme hinunter, als die vier Lichtkegel der Taschenlampen aus dem dunklen "Oberhalb von mir" deutlicher wurden. Odysseus war da. Auf Albanisch nennt man ihn Odise. Den Namen hatte er von seiner Großmutter bekommen, die offenbar schnell erkannt hatte, wie gescheit er war. Er hatte meine Stimme vor Stunden als Erstes gehört, sie dann wieder verloren, zwischen dem Regen und den Felsen, den hohen Bäumen, dem Kläffen der Hunde, im Moos war sie verhallt, als er ein paar Meter weitergekraxelt war.

foto: wölfl
Urwald im Llogara Naturschutzpark

Für ein paar Meter brauchte man in dieser Dunkelheit eine halbe Stunde. Die Felsen waren nicht nur hoch und von glitschigem Moos überwuchert, überall waren tiefe Löcher. Viele Bäume waren morsch, zerfielen von Ameisen zerfressen in den Händen, wenn man versuchte, Halt zu finden. Die Lianen waren auch nicht hilfreicher. Es war so steil, dass jeder Schritt zu einem Versuch wurde, nicht abzurutschen. Nach eineinhalb Stunden hatte Odysseus mein Rufen wieder gehört.

Stirntaschenlampen

Es war fast zwei Uhr in der Nacht, als er mich auch fand. Hinter ihm kamen Maksi und drei andere Polizisten in gelben Regenmänteln. "Bist du verletzt?" "Po – nein." Er gab mir als Erstes eine Banane. "Iss!" Dann packte er einen kuscheligen weißen Polizeipullover aus. Darauf stand: "Polarizing real city". Ich zog mich um. Die Polizisten sicherten mich dabei. Zum ersten Mal sah ich durch die Stirntaschenlampen die Gesichter der Männer. Ich fühlte Odysseus' Hand, die mir noch wärmer erschien als das Licht seiner Lampe und die mich nicht mehr ausließ.

Als die Kälte sich in dem flauschigen Pullover verflüchtigte, sagte er. "Zuerst die Familie!" Er gab mir sein Handy, und ich rief meine Schwester an. "Family first" steht auch auf einem seiner Facebook-Einträge. Die Familie steht in Albanien noch immer im Zentrum der sozialen Ordnung. Früher regelte der Kanun der Labëria, das Gewohnheitsrecht im Süden Albaniens, das Zusammenleben. Dabei ging es nicht nur um die Verteidigung der Ehre und Mannhaftigkeit, sondern auch um Edelmut, Hochherzigkeit, Treue und vor allem Gastfreundschaft.

Drei Suchmannschaften

Meine eigene Familie dachte, dass mich die Suchtrupps bereits vor Stunden gerettet hatten, weil Odysseus telefonisch durchgegeben hatte, meine Stimme gehört zu haben. Er hatte damit – ohne es zu wissen – viele beruhigt. Ich schämte mich, so viele Menschen in Sorge gestürzt zu haben, ich schämte mich, dass drei Suchmannschaften diesen Urwald durchkletterten, weil eine dumme österreichische Touristin es nicht einmal geschafft hatte, auf dem Weg zu bleiben – und noch dazu eine, die sich etwas darauf einbildete, sich überall durchschlagen zu können, keine Gefahren zu scheuen, auf niemanden angewiesen zu sein.

Odysseus stieg vor mir aufwärts. "Warte!", sagte er jedes Mal, wenn er nicht sicher war, auf welchen Stein ich treten sollte. "Warte", sagte er, wenn er ein Dornengestrüpp mit seinem Wanderstab durchschlug, als wäre er der Ritter von Dornröschen. "Warte!", sagte er, jedes Mal, wenn er das Moos von den Felsen kratzte, damit ich nicht abrutschte. "Geh!", sagte er erst dann, wenn er wusste, dass ich einen sicheren Tritt machen konnte.

Pfeifen und Rufen

Maksi ging hinter mir, schob mich manchmal den Felsen hinauf, Odysseus zog. Ein anderer Polizist ging zur Erkundung voraus. Im Licht der Taschenlampe sah ich meine aufgeweichten Hände, sie waren schwammig geworden wie Fische. Ich sah die zerrissenen Hosen, ich sah die abgespeicherten Bilder des Abgrunds in mir, ich erinnerte mich, wie ich jedes Mal den Baum umklammert hatte, jedes Mal nachdem ich die Zeigefinger und die Mittelfinger zum Pfeifen in den Mund gesteckt hatte, so wie es mich meine Schwester als Kind gelehrt hatte. Der Baum war in dieser Nacht mein Halt gewesen. Ich hatte mich darauf eingestellt, bis zum Morgengrauen, bis vier oder fünf Uhr, zu warten, zu warten, bis es hell wurde, und dann zu versuchen weiterzuklettern. Da hatte ich noch nicht gewusst, dass es Odysseus gab.

Der österreichische Honorarkonsul Arben Malaj, der extra von Tirana hier herunter in den Süden in den Nationalpark Llogara gefahren war, um mich nach der Rettung zu begrüßen, rief mich auf Odysseus' Handy an. Herr Malaj war lange Zeit Finanzminister gewesen und hatte alle möglichen staatlichen Stellen alarmiert, um mich zu retten. Im Albanischen gibt es den Begriff "Besa" – er umfasst auch Sicherheitsgarantie, Loyalität und Treue. Die wunderbare österreichische Botschaft in Tirana hatte sich offenbar die "Besa" zu eigen gemacht. Sie und das Außenministerium in Wien hatten die Suchaktion mit der Hilfe des Honorarkonsuls in die Wege geleitet. Deshalb waren auch die Lichter des Helikopters über meinem Kopf aufgetaucht, deshalb hatte ich die Leuchten der Autos von der anderen Seite des Tals blinken gesehen, bevor der Akku meines Handys aus war und ich das noch mitteilen konnte. Wegen dieser "Besa" all meiner Helfer hatte ich Zuversicht behalten, auch als der Regen die Kälte mit sich gebracht hatte.

Mit den Wölfen heulen

"Waren das Wölfe, die geheult haben?", fragte ich einen Tag später. Ich hatte lange Zeit gedacht, Menschenstimmen zu antworten, die zwischen dem Hundegebell und dem Schreien des Esels in der Nacht aufgetaucht waren. Zwei Tage später zeigten mir mein Retter Odysseus, mit albanischem Namen Odise Çeloaliaj, und sein Chef Nexhip Hysolakoj die Bilder der Wölfe, die auf den Kameras im Naturschutzgebiet Llogara aufgenommen wurden. Es sind elegante, schlanke Tiere, mit geschmeidigen Bewegungen, die auf den Schwarz-Weiß-Bildern zu sehen sind. "Es waren die Wölfe, denen du geantwortet hast", sagte der Chef der Naturschutz-Verwaltung Hysolakoj, der die Suchaktion so erfolgreich koordiniert hatte. Wir lachten. Auch ein anderes Missverständnis klärte sich auf.

"Wir haben nicht gewusst, dass du es warst, die gepfiffen hat", sagten Odysseus und Nexhip. "Wir dachten, es muss jemand ganz in deiner Nähe sein, der gut pfeifen kann. Wir haben nur deine Rufe dir selbst zugeordnet." Mein Glück war gewesen, dass mich weder die Polizei noch Valter, der Schäfer, noch sein Bruder Ronaldo, der Touristenführer aus dem Dorf, noch meine Retter von der Nationalparkverwaltung in der Nacht aufgegeben hatten. Mein Glück war überhaupt, dass ich mich in den albanischen Bergen verstiegen hatte und nicht woanders, sondern genau hier, wo die Gesetze der Gastfreundschaft über allem stehen.

Jeder Schutzsuchende

"Für jeden Freund musst du den Arbeitstag verlieren, bei eigenem Brot, solltest du auch selbst dabei verarmen, auf dass du dich nicht mit Schande befleckst. Als Freund gilt im weiteren Sinne jeder Schutzsuchende oder Gastfreund", heißt es im Kanun. Als wir in dieser Nacht nach eineinhalb Stunden zurück auf dem Weg waren, den ich neun Stunden zuvor verloren hatte, erwartete mich der Konsul mit einem Strauß gelber Blumen, deren Blüten mich an die rettenden Taschenlampen erinnerten. Der Polizeipräsident war da und der Schäfer Valter, der gewusst hatte, wie man den Hall im Wald deuten kann.

foto: wölfl
Die Retter in der Nacht, in der Mitte im Anzug Honorarkonsul Arben Malaj

Kevin, der Sohn des Hotelbesitzers, dem ich erzählt hatte, wohin ich gehen wollte, und der mir übers Handy Hoffnung und Zuversicht vermittelt hatte, lächelte, als ich fragte: "Hast du heute Nacht noch einmal ein Zimmer für mich?" Der Schutz des Gastes umfasste im Kanun auch die Verteidigung des Gastes gegen jeden Angriff und jede Ehrverletzung im Haus und auf der Weiterreise. Die Gastfreundschaft musste laut dem Kanun sogar einem Feind gewährt werden. Sie endete, wenn der Gast und sein Begleiter sich trennten. Die Gastfreundschaft war in Albanien traditionell so wichtig, weil sie einer Familie ermöglichte, ihr Schutzvermögen auch dort zu zeigen, wo der Staat keine Sicherheit geben konnte.

Besucherzentrum des Naturschutzgebietes

Ich verstand, dass ich seit einigen Stunden unter dem Schutz vieler Familien stand. Am folgenden Tag schickte mir Odise eine Nachricht über Whatsapp. Er wolle mir etwas schenken. Ich besuchte ihn und seinen Chef Nexhip Hysolakoj im Besucherzentrum des Naturschutzgebietes in Radhime. Odysseus gab mir Olivenöl, das er selbst gemacht hatte, er gab mir eine Flasche Schnaps, den er selbst gebrannt hatte, er gab mir eine Flasche Wein. Sein Chef überreichte mir ein Foto-Buch, das die Pflanzen und Tiere in diesem wunderbaren Teil der Welt erläutert.

foto: wölfl
Odise Çeloaliaj (li) und Nexhip Hysolakoj (re) von der Naturschutzverwaltung von Vlora, Adelheid Wölfl (mi)

Die Naturschutzpark-Leute erzählten mir von dem Feuer, das den Park oft bedrohe, dem Managementplan, den sie noch bräuchten, sie zeigten mir die Wölfe, die Füchse, die Rehe, die Wildschweine, die Eulen, die Eichhörnchen, die von der Kamera aufgenommen worden waren. Sie erzählten mir von ihrer "Perle", dem Llogara-Park, den sie hüteten und vor Wilderern schützten.

Kirschen und Kulaç

Odise fragte mich, ob ich am darauffolgenden Tag mit ihm und Nexhip die Wildkameras inspizieren wolle. Ich wollte. Er ging hinter mir, er zeigte mir nochmals die Felsen, wir blickten gemeinsam hinunter in den Urwald. Er wollte mir eine Taschenlampe schenken, er überreichte mir Kirschen aus seinem Garten und frische selbstgebackene Kulaç, Sauerteigbrote von seiner Mutter, goldbraun, weich. Ich sagte hilflos: "Wenn du nicht aufhörst, mir Dinge zu schenken, beginne ich zu weinen!" Er lächelte auf diese Odysseus-Art. "Nimm!" (Adelheid Wölfl, 12.5.2018)

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