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15. Mai 2018, 08:00

Johannes Kepler war wahrscheinlich einer der hartnäckigsten Köpfe seiner Zeit. Manche Menschen hielten ihn vielleicht sogar für stur – zumindest dürften diejenigen davon überzeugt gewesen sein, die seine Erkenntnisse über die Himmelsmechanik gar nicht verstehen konnten oder wollten: Tycho Brahe etwa, jener dänische Wissenschafter, dessen Beobachtungen der Planetenbahnen wohl die genauesten dieser Jahre waren, und der große Galileo Galilei, den Kepler nicht persönlich kannte, aber sehr verehrte. Brahe und Galilei gingen nämlich davon aus, das sich die Planeten in Kreisbahnen um die Sonne bewegen. Die Kreisbahn war ihr unumstößliches Evangelium. Und da kam dieser junge Mathematiker, Naturphilosoph und evangelische Theologe, der eben erst eine Stelle am kaiserlichen Hof in Prag angetreten hatte, und behauptete tatsächlich auf Basis der Beobachtungen von Brahe: Nie und nimmer sind das Kreise, die Planeten bewegen sich in elliptischen Bahnen um die Sonne.

Mathematische Spielerei

Es war der Mars, den Kepler dafür hauptsächlich in Betracht zog. Selbst durch die Zurechtweisung vonseiten anderer Gelehrter, die Daten seien das Ergebnis einer hübschen mathematischen Spielerei, aber falsch, weil nicht real, ließ er sich nicht beirren. Denn er hatte seine Gründe: Manchmal waren Keplers Berechnungen der Planetenbahnen identisch mit jenen von Brahe, mitunter lag seine Bahn etwas darüber, aber auch darunter. Was könnte dem sonst entsprechen als eine Ellipse?

Es war übrigens die zweite Gesetzmäßigkeit der Himmelsmechanik, die der Wissenschafter aus Weil der Stadt in Baden-Württemberg hiermit entdeckte, später wurde sie als erstes Kepler'sches Gesetz bekannt – wahrscheinlich, weil sie die am leichtesten zu verstehende Beobachtung Keplers ist. Sie ist bis heute die Basis für die Berechnung aller Satelliten-Umlaufbahnen, niemand würde das heute noch anzweifeln.

foto: picturedesk
Dieser Kupferstich zeigt Johannes Kepler, der vor 400 Jahren sein drittes Gesetz fand.

Damals aber war Kepler völlig auf sich allein gestellt. "Er war mit seinen Erkenntnissen recht einsam", sagt der Linzer Amateurastronom Erich Meyer, der sich schon viele Jahre mit dem Leben des großen Astronomen auseinandersetzt und alle ins Deutsche übersetzten Briefe an und von Kepler gelesen hat. Immerhin 370 an der Zahl, die von den Kepler-Historikern Max Caspar und Walther Dyck in den 1930er-Jahren aus dem Lateinischen übersetzt wurden. Im Original liegen deutlich mehr vor: 1100. Aber, sagt Meyer fast entschuldigend, da er in der Schule nie Latein hatte, musste er dabei passen. Dieses kleine Manko hinderte den gelernten Schlosser und Elektrotechniker Meyer aber nicht, sich ausgiebig mit einer Frage zu befassen, die Generationen von Wissenschaftshistorikern beschäftige: Wo wohnte Kepler, als er am 15. 5. 1618 das dritte Kepler'sche Gesetz notierte?

Schulden des Kaisers

Dazu muss man wissen: Johannes Kepler lebte von Mai 1612 bis November 1626 in Linz. Was hatte ihn dazu gebracht, vierzehn Jahre in einem Provinznest, damals mit etwa 3000 Einwohnern, zu leben und der Weltstadt Prag den Rücken zu kehren? Seine erste Frau Barbara, die er in Graz heiratete, fühlte sich in Prag nicht wirklich wohl, sie sprach kein Tschechisch und war auch der lateinischen Sprache nicht mächtig. Dazu kam: Kaiser Rudolf II. war mit den Zahlungen an Kepler säumig. Zuletzt war man sogar 12.800 Gulden schuldig, ein Vermögen aus damaliger Sicht. Und: Kepler, selbst Protestant, hatte beste Verbindungen zu protestantischen adeligen Familien wie den Starhembergs, die den aufstrebenden Wissenschafter im Wissen über die Lage in Prag nach Linz lockten.

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Der Dreißigjährige Krieg, der erbitterte Kampf zwischen Katholiken und Protestanten von 1618 bis 1648, kündigte sich bereits an. Und Linz schien sicher für Kepler, wenigstens sicherer als Prag. Die evangelischen Adeligen versprachen ihm fürstliche Entlohnung, er müsse nur zwei Verpflichtungen nachkommen: weiter an den in Prag begonnen Rudolfinischen Tafeln arbeiten, einer Sammlung von exakten Berechnungen für Planetenpositionen. Außerdem hatte er eine Landkarte vom Land ob der Enns, wie Oberösterreich damals genannt wurde, zu erstellen. Dafür erhalte er ein Büro ganz für sich allein. Das schien ein guter Deal zu sein.

Keplers erste Frau Barbara, mit der er fünf Kinder hatte, verstarb am Ungarischen Fieber. Er ging dennoch nach Linz und hatte dort zwei Wohnsitze. Einen in der Hofgasse, davon kannte man bisher aber nicht die genaue Hausnummer, und einen in der Rathausgasse 5. Und in der Hofgasse muss er gelebt haben, als er die entscheidenden Rechnungen für das dritte Kepler'sche Gesetz anstellte. Es lautet: Die Quotienten der Quadrate der Umlaufzeiten von Planeten und der dritten Potenzen ihrer großen Bahnhalbachse sind gleich. Damit wurde eine gewisse Harmonie im Chaos des Universums festgehalten.

Streitthema Wohnadresse

Anfang der 1970er-Jahre unternahm man den bisher letzten Versuch, die Adresse zu bestimmen: Während eine Historikerin überzeugt war, es handele sich um die Hofgasse 21, meinte der andere, Beweise für die Hofgasse 22 als Wohnsitz zu haben. Meyer sagt heute lächelnd: "Die beiden hatten eine große Auseinandersetzung über dieses Thema." Seither war es still geworden um die Frage des Wohnsitzes. Bis Erich Meyer kam und sich ihr wieder näherte. Mit monatelanger Archivarbeit, Lesen von Briefen an und von Kepler, Studieren seiner Arbeiten. Meyer wollte unbedingt wissen, wo genau Kepler lebte.

foto: meyer
Der Linzer Erich Meyer ist Amateurastronom und Wissenschaftshistoriker aus Leidenschaft.

Um zu verstehen, was den Amateurastronomen antrieb, muss man wahrscheinlich wissen, wie er dazu kam, den Himmel zu erkunden: Es war im Jahr 1970, Meyer war damals 19 und mit der Schlosserlehre fertig, da besuchte er, "weil der Papa es erlaubte und ich brav lernte", die HTL für Elektrotechnik. Ein Schulfreund lud ihn an einem schönen, wolkenlosen Herbstabend zu sich nach Hause ein. Man könnte doch gemeinsam mit einem neuen Teleskop den Saturn beobachten, sagte er. Das muss ein beeindruckendes Erlebnis gewesen sein. "Von da an ließ mich die Astronomie nie wieder los", sagt Meyer. Vor allem die Himmelsmechanik hatte es ihm angetan, wie er fast schwärmerisch gesteht, die Bewegung astronomischer Objekte aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten.

Kleine Sternwarte im Mühlviertel

Meyer war bis 2013 als Elektrotechniker in der Industrieinstandhaltung aktiv und betrieb nebenbei eine kleine Sternwarte im Mühlviertel – gemeinsam mit einem Freund. Nach dessen Tod und aufgrund der immer stärker werdenden Lichtverschmutzung – sie ist der größte Feind des Astronomen – ließ er sie wieder auf und vertiefte sich fortan in die Frage der Kepler-Biografie, die einen Linzer wie ihn am meisten interessieren musste. Wo genau lebte der Gelehrte in der Hofgasse? Heute sagt Meyer: "Das war nur möglich, weil ich seit 2013 im Ruhestand bin, sonst hätte ich nie die Zeit dafür gefunden." Korrigierender Nachsatz: "Eigentlich bin ich im Unruhestand, das passt viel besser auf mich."

foto: meyer
Das Haus Hofgasse 7 in Linz

Meyer hatte aufgrund vorhergegangener Studien von Historikern gleich mehrere Adressen zur Auswahl: Hofgasse 6, 7, 8, 9, 21, 22 und 23. Und er wusste: Um dieses Rätsel zu lösen, müsste er etwas wirklich Verrücktes machen. Kepler beschrieb seine Mondfinsternisbeobachtungen vom August 1616 recht detailreich: Er habe aus dem Fenster seines Hauses die Mondfinsternis nicht gesehen, weil das hohe Schloss ihm die Sicht nach Westen raubte. Daher musste er für diese Beobachtung auf den nahen Pöstlingberg ausweichen. Meyer beschloss daher, diejenige Wohnung finden, wo die Sicht auf das hohe Schloss jener Beschreibung Keplers entspricht. Und fragte deshalb bei allen Adressen an, ob er sie vielleicht kurz betreten dürfe, ein Foto vom Fenster aus Richtung Berg zu machen.

Verrückte Idee

Vermutlich war das der Zeitpunkt, an dem Meyer dem großen Kepler so ähnlich war wie nie zuvor, obwohl er das in aller Bescheidenheit natürlich abstreiten würde. Er war hartnäckig, vielleicht auch ein wenig stur. Seine Frau bezeichnete dieses Vorhaben, in die betreffenden Wohnungen zu wollen, mit dem Charme, den nur lebenslange Partner und Partnerinnen haben können, als "verrückt und undurchführbar". Meyer sagt, er habe sich wie ein "Bettler" gefühlt, habe Menschen, die skeptisch waren, seinen Reisepass angeboten, um etwas gegen ihn in der Hand zu haben, falls er doch nicht nur ein obsessiver Amateurastronom und Wissenschaftshistoriker sein sollte, sondern wirklich ein "Verrückter".

In der Hofgasse 7 im obersten Geschoß wurde er schließlich fündig: Es ist ein Haus in der Linzer Altstadt, unscheinbar.

Seit einer Woche ist eine Erinnerungstafel an der Außenfassade montiert, wofür natürlich Erich Meyer gesorgt hat. Hartnäckig, wie er ist. Damit die Linzer abseits ihrer Universität, die nach Kepler benannt wurde, wissen, welche Geistesgröße hier lebte. (Peter Illetschko, 15.5.2018)