"Was werden die Leute sagen?": Terror von Wohlmeinung und Fürsorge

    11. Mai 2018, 17:22
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    Filmemacherin Iram Haq erzählt in ihrem autobiografisch inspirierten Film, wie eine 15-Jährige an den Normen ihrer traditionell geprägten Familie zu zerbrechen droht

    Immer wieder wirft der Vater einen Blick auf seine Tochter. Als die Welt der in Norwegen lebenden Pakistani-Familie noch in Ordnung zu sein scheint, aber auch später, nachdem die 15-Jährige verstoßen wurde. Die Tochter mag nach bereits erlittenem Martyrium resigniert zu den fatalen Familienplänen nicken, ihr Unglück ist ihr dabei anzusehen. Nicht zu übersehen ist indessen auch das Mitgefühl im Blick eines Vaters, der seine Tochter selbst tatkräftig ins Leid geführt hat.

    Die Differenziertheit, mit der Iram Haq in ihrem Film Was werden die Leute sagen? die Konfrontation zweier Kulturen zeichnet, sucht ihresgleichen. Umso mehr, als die erzählte, auf eigenen Erfahrungen basierende Geschichte zu einfachen Freund-Feind-Zuschreibungen geradezu einlädt.

    Selbstbewusster Teenager

    In der Gesellschaft ihrer norwegischen Freunde ist Nisha ein selbstbewusster Teenager wie andere auch. Innerhalb ihrer traditionell geprägten Familie muss sie bestimmte Regeln einhalten, hat aber auch manche Freiheiten. Erst als sie von ihrem Vater mit einem Jungen in einer zweideutigen Situation in ihrem Zimmer erwischt wird, trifft sie die volle Wucht eines überkommenen Ehrbegriffs. Nisha wird von ihrer Familie nach Pakistan zu Verwandten verschleppt.

    Entscheidend für die Angehörigen ist nicht, was tatsächlich passiert ist, sondern was hätte sein können, was nach außen dringt. Die Freunde der Familie mögen den alltäglichen Ausspruch des Filmtitels, "Was werden die Leute sagen?", im Sinne sozialen Zusammenhalts beschwören. Für das Mädchen auf dem Sprung zur Selbstbestimmung ist er die Wurzel allen Übels, das Druckmittel, an dem es zu zerbrechen droht.

    moviepilot trailer

    Maria Mozhdah, die großartige Darstellerin der jungen Nisha, macht deren zunehmende Ohnmacht geradezu schwindelerregend spürbar. An keiner Stelle lässt der Film Zweifel aufkommen, wem hier Unrecht geschieht, wessen Standpunkt er bezieht. Regisseurin Haq (I Am Yours), die einst selbst als 14-Jährige von ihren Eltern nach Pakistan entführt wurde, schafft es aber eindeutig, Position zu beziehen, ohne den Einzelnen zu dämonisieren.

    Stattdessen werden wir mit Widersprüchen konfrontiert. Am eindringlichsten in der Gestalt des von Adil Hussain (Life of Pi) famos verkörperten Vaters, eines freundlichen Ladenbesitzers, der gerne tanzt und stolz auf die Karriereaussichten seiner Tochter ist. Dem fatalen Druck traditioneller Normen wird er dennoch fast bis zum Äußersten nachgeben. Als sich Nisha wiederum in Pakistan in den Alltag einzufügen versucht, wird das kurze Glück, das sie im Markttreiben findet, ebenso wenig verschwiegen wie die Grausamkeit, mit der sie erneut konfrontiert wird.

    Letzter Blick zwischen Alt und Jung

    Wenn sich die Blicke von Vater und Tochter in Was werden die Leute sagen? ein letztes Mal begegnen, mag sich für den Teenager ein schmerzhafter Ausweg andeuten. Haqs aufwühlender und doch nie polemischer Film verdeutlicht, dass für individuelle Freiheit, umso mehr an der Schnittstelle unterschiedlicher Kulturen, ein Preis zu zahlen ist. Es ist nicht zuletzt diese Aufrichtigkeit, die den Film zu einem Ereignis macht. (Karl Gedlicka, 12.5.2018)

    Im Kino

    • Maria Mozhdah (Mi.), die Darstellerin der jungen Nisha, beim Versuch, die Regeln in ihrer Gesellschaft  zu befolgen – und dennoch so etwas wie ein eigenständiges Leben zu führen.
      polyfilm

      Maria Mozhdah (Mi.), die Darstellerin der jungen Nisha, beim Versuch, die Regeln in ihrer Gesellschaft zu befolgen – und dennoch so etwas wie ein eigenständiges Leben zu führen.

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