Pritzker-Preisträger: "Ich würde mich nicht als Champion bezeichnen"

    Interview15. Mai 2018, 15:00
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    Am Mittwoch wird der indische Architekt Balkrishna Doshi mit dem Pritzker-Preis 2018 ausgezeichnet. Früher arbeitete er für Le Corbusier. Heute will er den Preis dazu nutzen, die indische Regierung zum Umdenken zu bewegen

    STANDARD: Hätten Sie je gedacht, den Pritzker-Preis zu gewinnen?

    Doshi: Ja und nein. Nein, weil man damit einfach nicht rechnet. Es war eine Art positiver Schock mit Genussfaktor. Den Pritzker-Preis zu bekommen ist für einen Architekten wie ein Wunder, das genau einmal im Leben eintritt und dann nie wieder. Und ja, weil ... Ganz ehrlich? Hoffen wir das nicht alle? Letztendlich sind wir doch alle nur Architekten!

    STANDARD: Zum bereits dritten Mal wird ein früheres Mitglied der Pritzker-Jury ausgezeichnet: Shigeru Ban, Fumihiko Maki und nun Sie. Ist das nicht auffällig?

    Doshi: Das müssen Sie die Jury fragen! Ich kann nur so viel sagen: Das Jurynetzwerk besteht nach all den Jahren aus mittlerweile sehr, sehr vielen Architekten. Da kommt ein großes Potenzial zusammen.

    STANDARD: In den ersten Berufsjahren haben Sie mit Le Corbusier zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

    Doshi: Es war ein Zufall. Ich war 1947 in London und besuchte den CIAM-Kongress in Bridgwater. Dort habe ich Le Corbusier kennengelernt. Darauf dachte ich mir: Jetzt oder nie! Also habe ich den Herrn mit der runden Hornbrille gefragt, ob ich denn für ihn arbeiten könne. Gleich am nächsten Tag habe ich ein handgeschriebenes Bewerbungsschreiben nach Paris geschickt – und wenige Tage später kam die Antwort retour.

    STANDARD: Was war Le Corbusier für ein Typ?

    Doshi: Wir konnten uns wirklich gut leiden. Immer wieder nahm er mich an der Hand, hat mich auf die Seite gebeten und das Leben erklärt. "Doshi, komm her!", hat er dann gesagt. "Da ist dein Sessel! Zeichne!" Und so ließ er mich wochenlang Menschen, Figuren, Fenster, Parapete, Säulen, Pfeiler und Treppen zeichnen. Er war ein eigenartiger, aber wirklich gutherziger Mensch. Ich habe so unglaublich viel von ihm gelernt. Le Corbusier war mein Guru.

    STANDARD: Nach sechs Jahren haben Sie sich von ihm getrennt.

    Doshi: Ja. Von 1950 an arbeitete er an seinem Stadtprojekt Chandigarh im Norden Indiens. Die Idee war, dass ich das Projekt als Projektleiter übernehme. Aber ich war damals krank und schwach. Ich wollte einfach nur nach Ahmedabad zurück und wieder zu Hause ankommen.

    STANDARD: Wie haben Sie die Fünfzigerjahre in Ahmedabad erlebt?

    Doshi: Es war eine Zeit des Aufbruchs! Es gab Tausende, ach was, Millionen von Binnenmigranten. Die Menschen kamen aus dem ländlichen Raum und stürmten die Städte in der Hoffnung auf Arbeitsplätze und wirtschaftliche Prosperität. Und sie alle haben plötzlich ein Dach über dem Kopf gebraucht. In diesem Moment war mir klar: Erschaffung von leistbarem Wohnraum ... Das ist der Job, den ich tun muss.

    STANDARD: Die britische Tageszeitung "The Guardian" hat Sie in einem Artikel als "Architekturchampion der Armen" bezeichnet.

    Doshi: Ich würde mich nicht als Champion bezeichnen. Das fühlt sich für mich nicht richtig an. Aber ich habe mich von Anfang an tatsächlich für die arme Bevölkerung engagiert und Häuser für ganz wenig Geld errichtet.

    STANDARD: Was waren das für Projekte?

    Doshi: Einfache Ziegelbauten für arme, einkommensschwache Menschen, vor allem für Migranten. Zu den bekanntesten Siedlungen dieser Art zählen die Wohnsiedlung für Textilarbeiter in Ahmedabad, die Wohnsiedlung für die Life Insurance Corporation sowie die Aranya-Siedlung in Indore. Das Thema ist über all die Jahre und Jahrzehnte gleich geblieben: Wie schaffe ich es, mit wenig Geld robust, funktional und klimagerecht zu bauen?

    STANDARD: In einem Interview sagten Sie einmal, Low-Cost-Housing brauche mehr als alle anderen Bauaufgaben eine gewisse Würde. Worin zeigt sich diese Würde in Ihren Bauten?

    Doshi: In der Schönheit. Im Platzangebot. In einer gewissen räumlichen Würde. Im inszenierten Spiel mit dem Wetter und den Jahreszeiten. Und in der Fähigkeit, zu altern und nach vielen Jahrzehnten immer noch gut in Schuss zu sein – so wie ich. Die wichtigste Würde aber ist, so effizient und intelligent zu bauen, dass die Menschen in der finanziellen Lage sind, sich ihre Wohnung zu leisten, ohne jeden Monat die letzten Rupien zusammenklauben zu müssen. Es gibt kaum etwas Unwürdigeres, als nicht genug Geld zum Wohnen zu haben.

    STANDARD: Was sind die aktuell brennenden Wohnbauthemen in Indien?

    Doshi: Durch die ständig wachsende Bevölkerung werden die Städte und Dörfer größer und größer. Was früher eine lokale Kleinstadt war, ist heute mitunter schon eine mittelgroße Wirtschaftsmetropole. Damit verändert sich unser Gesamtverständnis von Stadt und Land. Aktuell merken wir, dass es in den neu entstandenen beziehungsweise gewachsenen Städten noch an sozialer und kultureller Infrastruktur mangelt – und vor allem an Diversität. Das gilt es nachzuholen. Es ist ein enorm riesiger Aufholbedarf, der uns da bevorsteht!

    STANDARD: Was haben Sie vor?

    Doshi: Mein Ziel war und ist das Empowerment, also die Befähigung und Bevollmächtigung der Menschen. Das geht nicht mit Ziegel und Beton. Das geht nur mit Bildung, Technologien und einem Umdenken in der Gesellschaft. Und vielleicht mit einem Pritzker-Preis, wer weiß! Sämtliche Leute, sogar Premierminister Narendra Modi, haben mir dazu gratuliert, dass der Preis heuer erstmals nach Indien geht. Das tut etwas mit den Leuten! Dank des Pritzker-Preises habe ich jetzt glücklicherweise eine gewisse kulturelle Macht – und die möchte ich als Werkzeug nutzen und die indische Regierung zum Umdenken bewegen.

    STANDARD: Woran arbeiten Sie im Moment?

    Doshi: Die zwei größten Schwerpunkte, die wir haben, sind Sanierungen und Erweiterungen von Townships sowie das Thema energetische Nachhaltigkeit. Ich spreche von Nullenergie. In Indien brauchen wir Häuser, die low-tech und vollkommen autark sind. Andernfalls wird dieses Land früher oder später aus allen Nähten platzen.

    STANDARD: Können Sie uns ein konkretes Beispiel für Nullenergie nennen?

    Doshi: Für die Nalanda University in Bihar im Norden Indiens bauen wir als Folge eines internationalen Architekturwettbewerbs einen neuen Campus. Und die Natur hilft uns dabei. Rundherum gibt es etliche Kuhweiden und landwirtschaftliche Betriebe, deren Kuhmist wir für den Betrieb des Campus nutzen werden. Es geht um ein holistisches Zusammenspiel der Kräfte. Kühe gibt es in Indien überall.

    STANDARD: Haben Sie Wünsche für die Zukunft?

    Doshi: Mein dringlichster Wunsch lautet: Wie können wir lernen zu teilen? Und zwar nicht nur Wissen, sondern auch Geld und Ressourcen.

    STANDARD: Wissen Sie schon, was Sie mit den 100.000 Dollar machen werden, die Sie nun überreicht bekommen?

    Doshi: Ich habe vor 30 Jahren die Vastu Shilpa Foundation gegründet, die sich mit Bildung, Training und Umweltthemen beschäftigt. Um noch mehr Menschen zu erreichen, benötigt die Stiftung dringend eine Geldspritze. Die 100.000 Dollar kommen gerade recht. (Wojciech Czaja, 15.5.2018)

    Balkrishna Doshi, geboren 1927 in Pune, studierte Architektur und arbeitete in den ersten Jahren für Le Corbusier in Paris. Heute lebt und arbeitet er in Ahmedabad im Westen Indiens. Zu seinen wichtigsten Bauten zählen das Institut für Indologie in Ahmedabad (1962), die Tagore Memorial Hall (1966), die CEPT University (1966), das Institute of Management in Bangalore (1977), die unterirdische Kunstgalerie Amdavad Ni Gufa (1994) sowie eine Vielzahl an sozialen Wohnbauprojekten. Der Pritzker-Preis wird kommenden Mittwoch in Toronto übergeben.

    • Der Pritzker-Preis 2018 geht an Balkrishna Doshi.
      vinay panjwani

      Der Pritzker-Preis 2018 geht an Balkrishna Doshi.

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