Castings, Abzocke und Glückstreffer: Auf Wohnungssuche in Wien

    12. Mai 2018, 15:00
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    STANDARD-Mitarbeiter und ihre Familienmitglieder berichten, was sie bei ihrer Wohnungssuche erlebt haben

    Der Weg zu einer neuen Wohnung ist nicht einfach. Oft müssen nach den ersten Besichtigungen die Erwartungen zurückgeschraubt werden. Davon berichten hier STANDARD-Mitarbeiter und ihre Familienmitglieder. Oft hilft am Ende der Zufall.

    Wer ein knappes Budget hat, tut sich auf dem Wohnungsmarkt schwer. Die einen durchkämmen Immobilienplattformen nach Angeboten, die anderen hoffen auf den Freundeskreis.

    2018: Odyssee auf dem Wiener Wohnungsmarkt

    Bereits auf der Straße ist klar, dass hier eine begehrte Wohnung zu haben ist. Vor dem Haus im fünften Bezirk steht ein Mann, der die zahlreichen Interessenten ins Haus lotst. Er verrät ihnen, dass die Besichtigung im vierten Stockwerk stattfindet. Nach und nach strömen immer mehr Menschen in das Gebäude. Die kleine Wohnung, wegen der sie alle gekommen sind, ist bald voll. Mittendrin bin ich.

    Denn nach mehr als sechs Jahren in einer Wohngemeinschaft ist es Zeit für die erste eigene Wohnung. Leicht fiel die Entscheidung nicht, hatte ich mich doch an das WG-Leben gewöhnt. Das Studium war jedoch abgeschlossen und der Vollzeitjob angetreten – da ist die eigene Wohnung der nächste Schritt. Um die 700 Euro sollte die monatliche Miete betragen, die Wohnung innerhalb des Wiener Gürtels liegen und nicht komplett abgewohnt sein. Die Erwartungen, unter diesen Rahmenbedingungen bald eine Wohnung zu finden, waren groß. Die Enttäuschung umso größer.

    Casting statt Besichtigung

    Nach der ersten Recherche auf diversen Immobilienplattformen stellte sich schnell Ernüchterung ein. Wohnungen, die den Vorgaben entsprachen, waren Mangelware. Die gefundenen Mietobjekte in passender Preisklasse waren zumeist entweder komplett abgewohnt, viel zu klein, oder es fehlten Küche oder Bad. In der ersten Verzweiflung wurden der Freundeskreis und Arbeitskollegen um Rat gebeten. Auf die Frage "Kennt ihr jemanden, der gerade einen neuen Mieter sucht?" bekam ich aber stets zwei Antworten: "Nein" und "Ich suche gerade selber".

    Somit mussten schwerere Geschütze aufgefahren werden. Täglich wurden Immobilienplattformen besucht und Suchagenten eingerichtet, die bei einem passenden Objekt anschlagen sollten. Das erwies sich als effektiver. Erste Besichtigungen waren schnell fixiert. Der Enthusiasmus wurde allerdings auch hier schnell gebremst. Bei manchen Besichtigungen waren die Objekte belebter als Einkaufszentren in der Weihnachtszeit. Die anwesenden Makler wurden von Interessenten bezirzt, damit sich die Vermieter doch für sie entscheiden würden. Wohnungsbesichtigungen wurden so zu Castingshows, auch wenn die Mietobjekte ihre Mängel hatten und zum Teil teuer waren. Mangels Erfolgs unterwirft man sich diesem System dann irgendwann, anstatt es zu bekämpfen. Zu den Besichtigungen nahm ich also bald brav den Einkommensbescheid und eine Kurzinfo für den Vermieter mit – man muss ja irgendwie aus der Masse stechen.

    Abzocke keine Seltenheit

    Wo es viel Bedarf gibt, gibt es allerdings auch Abzocke. Es kam während meiner mehrmonatigen Suche nicht selten vor, dass in Inseraten falsche Konditionen angegeben wurden. Vereinzelte Makler nutzen die aktuelle Marktsituation aus. Sie verlangen etwa Provisionen, die das, was sie gesetzlich verlangen dürfen, übersteigen, oder wollen die Vertragsvergebührung einheben, die im vergangenen Jahr abgeschafft wurde.

    Ein Tiefpunkt war ein Makler, der sich in einem Inserat gar damit rühmte, dass der Betrag nicht eingehoben wird. Das Problem an diesen widrigen Konditionen ist, dass man trotzdem kaum Nein sagen kann. Bestätigt man das Angebot nicht, tun es nämlich andere.

    Für mich hatte die lange Wohnungssuche zumindest ein Happy End. Während der Entstehung dieses Textes erhielt ich die Zusage zu einer Wohnung, die meinen Vorstellungen entspricht. Vor der nächsten Wohnungssuche fürchte ich mich allerdings jetzt schon. (Daniel Koller, Redakteur beim WebStandard)

    Und die Suche geht munter weiter

    In meinem Bekanntenkreis sucht beinahe jeder eine Wohnung. Niemand von uns war früher – wo Wohnraum noch billig war – weitsichtig genug, sich gleich eine Wohnung mit mehreren Schlafzimmern zu sichern. Typisch konsumaverse Generation X. Auf unserer Suche haben wir viel erlebt: Interessenten, die uns Gustostückerln wegschnappten, Massenbesichtigungen, bestechliche Makler. Unsere aktuelle Wohnung bekamen wir über Kontakte. Insgeheim hoffen wir, dass eine der vielen leerstehenden Wohnung in unserem Haus doch vermietet wird. (Manu Honsig-Erlenburg, Außenpolitik)

    foto: apa/georg hochmuth

    Die Wohnung als Weihnachtswunder

    Meine Wohnungssuche dauerte ein Jahr. Kurz vor Weihnachten bekam ich aber einen Anruf von einem Bekannten. Eine Freundin von ihm gab ihre kleine Wohnung auf, ob ich nicht …? Am Heiligen Abend besichtigte ich die Altbauwohnung, die ich unbefristet, ohne Maklergebühren und zu einer leistbaren Miete übernahm. Im Erdgeschoß bewohnt zwar ein mittelloser Künstler ein dunkles Büro, durch die Hausflure wabert Kräutergeruch, und alle Hausbewohner scheinen Hunde zu haben, die mich zur Begrüßung abschlecken. Aber he! Ich habe eine unbefristete Wohnung! (Lisa-Marie Meier, Redaktionsassistentin)

    foto: apa/georg hochmuth

    Mein wachsames Auge auf Baustellen

    Es ist dem STANDARD-User "profeline" und seinem Kommentar aus dem Jahr 2016 zu verdanken. Darin erzählt er: In seiner Nachbarschaft wurde ein Haus renoviert. Er ging auf die Baustelle, forschte die Hausverwaltung aus und unterschrieb vor allen anderen den Mietvertrag. Zwar bin ich selbst nicht auf der Suche, als Immo-Journalistin werde ich jedoch ständig gefragt, wie man zu einer guten Wohnung kommt. Dank "profeline" weiß ich nun immer, wo in meiner Umgebung gebaut wird. und dank Baustellenschild, wo man sich melden kann, um als Erster zu unterschreiben. (Bernadette Redl, Immobilien-Ressort)

    foto: standard

    Altbau-Glücksfund via Facebook

    Wohnungssuche in Wien ist eine Freizeitbeschäftigung für Masochisten. Wie Sardinen drängt man sich mit 15 weiteren Bewerbern auf 40 Quadratmetern und charmiert den Makler. Gefunden habe ich nach drei Monaten doch eine. Die Wohnung war noch nicht inseriert, ein Freund hat mich via Facebook mit der Maklerin vernetzt. Bei der Exklusivbesichtigung habe ich sofort zugesagt. Altbau, Balkon, Lage okay. Sogar der befristete Vertrag wurde in einen unbefristeten umgewandelt. Lag vermutlich am seriösen Anzug, den ich ausnahmsweise getragen habe. (Nelson Siebert, Versicherungsmakler)

    Ein Blick lohnt sich immer

    Der Nachwuchs gedeiht, die Wände rücken zusammen, die Böden sind mit Duplo vermint. Wir wollen mehr Platz. Eine Rechnung (Kredit, Betriebskosten und Wertsteigerung versus Sparpotenzial samt Rendite nach Mietkosten) legt nahe: Kaufen ist derzeit keine gute Option für uns. Ein Jahr lang begutachten wir jedes Objekt, das den Vorstellungen auf dem Papier entspricht, auch zu teure oder solche mit wenigen Fotos – so lernt man den Markt kennen. Dadurch haben wir unser neues Zuhause gefunden: eine Wohnung, deren Charme sich erst beim Betreten offenbart. Ein Blick sagt mehr als tausend inserierte Worte. (Leopold Stefan, Wirtschaft)

    foto: apa/helmut fohringer

    Mini-Kellerloch als Studentenwohnung

    Mein Highlight war eine als "ruhige" und "perfekte Studentenwohnung" beworbene Wohnung in Währing, die sich als Mini-Kellerloch mit einem kleinen Gitterfenster auf Gehsteighöhe entpuppt hat. Der gruselige und leicht nach Bier stinkende Vermieter (die Besichtigung war am frühen Vormittag) war ganz erpicht drauf, mir zu erklären, dass sich der Vormieter niemals über irgendetwas beschwert habe. Immerhin, sie wäre günstig gewesen. Wir sind trotzdem nicht zusammengekommen. (Georg Pichler, WebStandard)

    foto: apa/helmut fohringer

    Angekommen

    Seit dieser Woche habe ich die Schlüssel zu meiner neuen Wohnung in der Hand. Es war die 16. Wohnung, die ich besichtigt habe – darunter einige, bei denen ich etwas länger überlegt und fast zugesagt habe. Aber eben nur fast. Größerer Renovierungsbedarf, Dauerlärm oder Hauszustand … irgendetwas sprach dann doch dagegen. Gefühlt hatte ich seit Ende Februar hunderte Immobilien-Anzeigen gesichtet, bei knapp 40 Wohnungen angefragt. Private meldeten sich nie, Makler und Maklerinnen manchmal.

    Meist waren es Einzelbesichtigungstermine. Gelegentlich stellte sich mir die Frage nach der Maklerleistung, wenn dieser mir keine einzige Frage beantworten konnte und ich ihn zudem auf Mängel in der Wohnung hinweisen musste. Schwarze Schafe, wie es sie in jeder Berufsgruppe gibt. Eine Provision wäre dennoch fällig gewesen. Es war großes Glück, dass ich nun fündig geworden bin und die erste Wohnung, bei der ich zugesagt habe, in den kommenden Wochen beziehen kann. (Daniela Yeoh, Daten- und Interaktiv-Team, 12.5.2018)

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