18-Jähriger plante Amoklauf: Weitere Ermittlungen

Video12. Mai 2018, 13:51
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Nun werden Tagebuch und andere Beweismittel ausgewertet – angeschossenem Schüler geht es besser

Mistelbach/Korneuburg – Auch am Samstag dauert die Suche nach Hintergründe des geplanten Amoklaufes an einer Schule in Mistelbach an. "Die Ermittlungen zu den Hintergründen sind nach wie vor im Gange", sagte Polizeisprecher Raimund Schwaigerlehner am Samstag. Der angeschossene Schüler ist auf dem Weg der Besserung.

Der Grundwehrdiener, der am Mittwoch vor einem Schulzentrum in Mistelbach einen 19-Jährigen durch einen Schuss aus einer Flinte verletzt haben soll, hatte laut Staatsanwaltschaft einen "Amoklauf geplant". Wegen einer Hemmung an der Waffe sei er geflüchtet. Die Direktoren des Bundesschulzentrums zeigten sich "tief geschockt". Am Freitag wurde die U-Haft über den 18-Jährigen verhängt. Ermittelt wird wegen versuchtem Mord.

Tagebuch wird ausgewertet

"Spezialisten sind mit der Auswertung des sichergestellten Beweismaterials befasst", sagte Schwaigerlehner. Darunter befinde sich auch ein Tagebuch des 18-jährigen mutmaßlichen Schützen, bestätigte er Medienberichte. Zum Inhalt hielt sich die Polizei bedeckt.

Die Erhebungen werden den Angaben zufolge noch einige Wochen dauern. Bevor die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind, werde man keine Details zu Hintergründen bekanntgeben, hieß es von der Exekutive. "Wir brauchen ein Gesamtbild", sagte Schwaigerlehner. In Medienberichten war von Liebeskummer, Mobbing sowie Rache an ehemaligen Mitschülern und einer "unglücklichen Lebenssituation" des Grundwehrdieners zu lesen. Das wurde von der Exekutive nicht kommentiert.

Trenchcoat wie in Columbine

Der 18-Jährige, der ein Semester lang eine Schule des Zentrums besucht hatte, plante laut Staatsanwaltschaft einen "Amoklauf". Der Weinviertler trug den Angaben zufolge einen dunklen Trenchcoat – wie zwei Jugendliche 1999 beim Massaker in der Columbine Highschool in den USA. Wegen einer Hemmung der Schrotflinte nach einem Schuss habe er die Waffe eine Tasche mit Munition weggeworfen und sei geflüchtet. Laut Polizei habe sich die Hülse der Patrone im Lauf der Schrotflinte verkeilt, berichtete der ORF NÖ. Noch unklar sei, ob sich um einen Fehler in der Handhabung oder einen technischen Defekt gehandelt habe.

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Beitrag aus der ZiB um 13 Uhr.

"Er hat es vor der Polizei gestanden, dass er einen Amoklauf geplant hat", sagte Friedrich Köhl, Sprecher der Staatsanwaltschaft Korneuburg, am Freitag auf APA-Anfrage. Der 18-Jährige habe sich mit Massakern in US-Schulen beschäftigt und wollte demnach eine derartige Tat in der Schule in Mistelbach machen. Ein Motiv dafür gebe es nach derzeitigem Ermittlungsstand "eigentlich nicht".

Defekte Schrotflinte

Nach der Schussabgabe vor der Schule soll die Schrotflinte defekt gewesen sein – näheres soll laut dem Staatsanwalt ein Sachverständigengutachten klären. Aufgrund des Versagens der Waffe habe der 18-Jährige die Flinte und eine Tasche mit Munition weggeworfen und sei davongelaufen.

Laut niederösterreichischem Landeskriminalamt hatte der 18-Jährige die Flinte samt Munition wenige Tage zuvor in einem Waffengeschäft gekauft. Die Waffe fällt in die Kategorie D: sonstige Schusswaffen mit glattem Lauf. Solche Waffen können ab 18 Jahren frei erworben werden, wer keine Jagdkarte, keinen Waffenpass oder keine Waffenbesitzkarte hat, muss eine Frist von drei Tagen abwarten. Meldepflicht gibt es keine, allerdings eine Registrierung durch den Fachhandel.

Columbine-Schützen als Vorbilder

Laut Köhl wurden 25 Patronen für die Waffe sichergestellt. Auch einen dunklen Trenchcoat habe der mutmaßliche Schütze zurückgelassen. Jene beiden Jugendlichen, die 1999 in der Columbine Highschool in den USA zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen hatten, trugen schwarze Trenchcoats.

"Das Bundesschulzentrum dürfte am Mittwochnachmittag nur knapp einem größeren Anschlag entgangen sein", teilten die drei Direktoren des Schulzentrums am Freitag in einer Aussendung mit. "Ursprünglich war man – tragisch genug – von einer gezielt geplanten Einzeltat ausgegangen. Nun steht fest, dass am Mittwoch nachweislich ein größerer Anschlag auf möglichst viele Menschen beim Verlassen des Schulgebäudes geplant war." Die neue Sachlage treffe die insgesamt rund 1.300 Schüler (samt Eltern), 170 Professoren und zahlreichen Mitarbeiter schwer.

"Die Stimmung unter allen Betroffenen ist den Umständen entsprechend", hieß es weiters. An einer der fünf Schulen lief am Freitag die Matura planmäßig ab, an einer gab es einen schulautonomen freien Tag. Die Schüler wurden vor dem regulären Unterrichtsende entlassen. Nächste Woche sind weitere Termine der schriftlichen Reifeprüfung angesetzt.

Kurzer Schulbesuch

Der 18-Jährige hatte der Aussendung zufolge vor Jahren für ein Semester eine der Schulen besucht. "Es gab damals aber keine besonderen Vorfälle und das Ausscheiden von der Schule erfolgte freiwillig", teilten die Direktoren mit.

Die Schulleiter haben laut Aussendung nach dem Vorfall "sofort alle notwendigen Maßnahmen in die Wege geleitet und stehen in engem Kontakt mit den Behörden". Am Freitag stand eine Schulpsychologin Betroffenen zur Verfügung. Die Direktoren betonten außerdem: "Wir ersuchen alle Medien um größtmögliche Rücksichtnahme gegenüber allen schulischen Beteiligten". Nach Abschluss der Ermittlungen erscheine ihnen ein Aufgreifen des Themas "Sicherheit für Schüler und Lehrer" durch die Politik sinnvoll und wichtig.

Ermittlungen dauern an

Der mutmaßliche Schütze aus dem Bezirk Mistelbach war am Mittwochabend festgenommen worden und wurde laut Polizei am Donnerstag in die Justizanstalt Korneuburg eingeliefert, am Freitag wurde die U-Haft verhängt. Gegen den jungen Erwachsenen wird wegen des Verdachts des versuchten Mordes ermittelt.

Die Erhebungen werden laut Polizeisprecher Raimund Schwaigerlehner noch "längere Zeit in Anspruch nehmen". Es müssten auch IT-Medien ausgewertet werden. Dass der 19-Jährige Schussopfer wurde, sei nach derzeitigem Ermittlungsstand "Zufall" gewesen, sagte der Sprecher. Demnach haben sich der 18-Jährige und der Schüler nicht gekannt.

Andere Vorfälle mit Waffen an Schulen

Zum bisher schlimmsten Vorfall mit einer Waffe an österreichischen Schulen kam es 1997 im niederösterreichischen Zöbern: Ein 15-Jähriger bedrohte ein Mädchen mit einem Revolver seines Vaters. Eine Lehrerin versuchte, beruhigend einzugreifen und wurde von dem Burschen erschossen, eine weitere Lehrerin schwer verletzt. Der Bursche wurde zu acht Jahren Haft verurteilt.

Vier Jahre zuvor schoss ein 13-jähriger Schüler – ebenfalls in Niederösterreich – einen Direktor an, von dem er beim Rauchen erwischt worden war. Der Bub erschoss sich in der Folge selbst.

Vom Vorwurf der gefährlichen Drohung freigesprochen wurde im Herbst 2017 ein 15-Jähriger, der vor Mitschülern gesagt hatte, dass er mit der Schrotflinte seines Stiefvaters und Munition ins Lehrerzimmer gehen werde. Wegen Verstößen gegen das Verbots- und Waffengesetz wurde er zu fünf Monaten bedingter Haft verurteilt. Auch kam er in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. (lhag, APA, 11.5.2018)

Der Artikel wurde um 16:44 aktualisiert.


Wissen "Schoolshootings":

Amokläufe und andere Fälle von Waffengewalt kommen international gesehen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens vor. Besonders häufig werden Bildungseinrichtungen attackiert. Solche "Schoolshootings" stellen eine Sonderform unter den Amokläufen dar, da sie seltener aus "blindwütiger Raserei" heraus begangen werden. Die Täter sind überwiegend männlich.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Amok als "willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblichen (fremd)zerstörerischen Verhaltens". Kennzeichnend für eine als Amok definierte Gewalttat ist die Gefährdung mehrerer Menschen, die verletzt oder sogar getötet werden. Nach Erkenntnissen von Polizeipsychologen waren Amokläufer eher unauffällig, zeigten ihre Gefühle nicht und neigten zu Selbstüberschätzung.

Vor "Schoolshootings" haben sich fast alle Täter bereits gedanklich mit der Gewalttat beschäftigt und diese oft auch geplant, berichten Experten. Aus Untersuchungen in den USA, wo Schulen besonders häufig Schauplätze für buchstäbliche Massaker wurden, weiß man, dass Opfer teilweise bewusst ausgewählt und regelrecht hingerichtet worden sind, oder es existierten sogar "Todeslisten". Die jugendlichen Täter fühlten sich ausgegrenzt und wollten sich an einer abweisenden Welt durch ein blutiges Finale rächen, in dem sie dann selbst untergehen.

Nachlese

19-Jähriger in Mistelbach angeschossen: Verdächtiger geständig

  • Die Ermittlungen der Polizei dauern an.
    foto: apa/orf / gernot rohrhofer

    Die Ermittlungen der Polizei dauern an.

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