Cannes-Tagebuch: Verrohung im Donbass und eine Begegnung mit Martin Scorsese

    10. Mai 2018, 17:57
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    Der ukrainische Filmemacher Sergej Loznitsa steuerte zum Festival eine Bestandsaufnahme der Krisenregion seines Landes bei

    Nicht nur das Festival selbst will mit einer Zeremonie eröffnet werden. Da jede Schiene in Cannes mit einem kleinen Festakt beginnt, findet man die ersten beiden Tage in Cannes aus der Feierlaune gar nicht mehr heraus. Das stellt man sich von außen allerdings ein wenig überschäumender vor, als es tatsächlich ist. Der Tag gerät zu einem Marathon, bei dem man viel Sitzfleisch braucht.

    Spontan aufgehellt wird er dann immerhin durch die Begegnung mit Martin Scorsese, einem meiner Lieblingsregisseure. Ihm wurde von der Quinzaine des réalisateurs der Carosse d’or für sein Lebenswerk überreicht. Und der Regisseur von Taxi Driver, Mean Streets oder Casino bewies die Bescheidenheit, die nur den Großen zu eigen ist. Er führte die Namen vieler anderer Regisseure an, deren Werk hier schon den Anfang nahm: Werner Herzog, Aki Kaurismaki, Alain Resnais oder Sembene Ousmane.

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    Der ukrainische Filmemacher Sergej Loznitsa fühlt mit "Donbass" einer verrohten Gesellschaft ohne Zurückhaltung auf den Zahn.

    Pessimistischer Auftakt

    In der offiziellen Nebensektion "Un certain regard", die insgesamt einer jüngeren Generation an Filmemachern vorbehalten ist, fiel der Auftakt pessimistischer aus. Der Ukrainer Sergej Loznitsa, einer der wichtigen Gegenwartsautoren des europäischen Kinos, steuerte mit Donbass den Eröffnungsfilm bei, eine Bestandsaufnahme der Krisenregion seines Landes, die in mehrfacher Hinsicht auch stellvertretend für die wachsende Kluft zwischen Ost und West steht. Der Film ist aus mehreren lose ineinander greifenden Szenen gebaut, die einer verrohten Gesellschaft ohne Zurückhaltung auf den Zahn fühlen. Der asymmetrisch geführte Bürgerkrieg hat längst auch das Volk gespalten und Teile gegeneinander aufgebracht.

    Dass sich auch Mainstream-Medien über die Fronten dieser Auseinandersetzung keinen Überblick mehr verschaffen können, macht Loznitsa in einer besonders grotesken Sequenz fest. Ein deutscher Journalist trifft da mit Übersetzer auf eine Gruppe Russland-treuer Soldaten und scheitert sogleich daran, deren Anführer ausfindig zu machen. Für diese Rolle wird schließlich ein grimassierender Rasputin auserkoren, der sich als Kämpfer gegen den Faschismus stilisiert und den Journalisten als Nachfahre der Nationalsozialisten ausgiebig beschimpft; bis Beschuss dem elenden Geschehen ein abruptes Ende setzt.

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    Keine Erleichterung

    Loznitsas Blick ist mit abgeklärt noch viel zu milde umschrieben. Der Filmemacher, der sich dokumentarisch mit dem Maidan-Aufstand und jüngst auch mit der Sowjet-Nostalgie mitten im Berliner Treptower Park (Victory Day) beschäftigt hat, ist ein hellsichtiger Geschichtspessimist. In Donbass sieht er einer Gesellschaft dabei zu, wie sie ins Stammesformationen zerfällt und als grausamer Mob mitten auf der Straße einen Soldaten der Gegenseite foltert.

    Die Hochzeitsszene, die danach folgt, vom grandiosen rumänischen Kameramann in langen Takes gedreht, fand ich in ihrer zirkushaften Tollheit fast noch unerträglicher. Hier tritt die Vulgarität der neuen herrschenden Klasse in aller Deutlichkeit hervor. Der einzige Ausweg ist kein echter, denke ich: Denn der grimmige Humor, mit dem Loznitsa die Realität punktuell überspitzt, schafft keinen Abstand und damit auch keine Erleichterung. (Dominik Kamalzadeh, 11.5.2018)

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