Musical "Lazarus": Ein Siebziger-Jahre-Gschnas als Bowie-Hommage

    10. Mai 2018, 11:43
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    Bei der Erstaufführung des David-Bowie-Musicals lässt das Ensemble des Wiener Volkstheaters bei aller Sangesfreude Stil und Glamour vermissen

    Wien – Auf seiner langen und gefahrvollen Sternenreise ist der Außerirdische Thomas Jerome Newton jetzt auch an der Wiener Zweierlinie gelandet. Im Volkstheater findet er als Wiedergänger von Rockstar David Bowie (1947-2016) gewissermaßen die Idealbedingungen für eine zünftige Wiedererweckung vor. Lazarus nennt sich die unwiderruflich letzte Inkarnation einer Kunstfigur, die als Wiedergänger ihrer selbst unermüdlich durch das popkulturelle Gedächtnis spukt.

    Ein Musicalheld soll der Sternenpilot jetzt auch noch sein. Ein an der Ginflasche hängendes, Frühstücksflocken mampfendes Broadway-Gespenst, dessen blutarmes Dasein wenigstens zum (Wieder-)Erklingen von 17 Bowie-Songs führt. Immerhin diese, vom todkranken Sänger selbst noch abgesegnete Botschaft, gerichtet an eine tapfer Nostalgie-willige Nachwelt, rührt hartgesottene Erdenbürger von etwa 50 Jahren aufwärts zu künstlichen Tränen.

    Rockstar im Untätigkeitsmodus

    Am Wiener Arthur-Schnitzler-Park ist man leider auf den Empfang extraterrestrischer Gäste schlecht vorbereitet. Vor dem Eisernen Vorhang vagabundieren drei "Mädchen", die offenbar auf dem Milchstraßenstrich ihrer nicht besonders ehrbaren Arbeit nachgehen. Eines der "Teenage Girls" (Evi Kehrstephan) ähnelt Angie, David Bowies androgyner erster Ehefrau.

    Fortan richtet sich alle Aufmerksamkeit auf den gefallenen Engel Newton (Günter Franzmeier). Dieser träge Zimmervampir hängt nicht nur schlapp einer Reihe von Erinnerungen nach. Der Mann ist auch eine Art Rockstar im Untätigkeitsmodus. Ein Dracula mit Reisepass aus einem finsteren Quadranten im All, der seine Rolle als Ziggy Stardust komplett verschwitzt hat und jetzt am Rücken liegt wie ein von Insektiziden gemeuchelter Käfer.

    Brav hängt das Volkstheater-Ensemble Lied an Lied. Eine plausible Fabel wird man sich von diesem – von Enda Walsh geschriebenen – Schmonzes nicht erwarten dürfen. Newton möchte via Rakete heimreisen, um auf dem Heimatplaneten nach dem Rechten zu sehen. Seine Assistentin Elly (Isabella Knöll) wäre ihm dabei gerne behilflich, nur muss sie gleichzeitig die eigene Beziehung wieder in Schuss bringen.

    Epileptischer Mephisto

    Ein epileptischer Mephisto namens Valentine (Christoph Rothenbuchner) vergällt anderen Paaren die Zweisamkeit und mordet obendrein gerne Mädchen. Alle diese Papierriesen klettern mehr oder minder schrecklich onduliert durch eine Art Naturhistorisches Museum, in dessen Schaukästen z.B. Schlangen zu einem Wald von Stalagmiten erstarrt sind (Bühne: Wolfgang Menardi). Eine schöne, unbekannte Nippon-Tochter (Claudia Sabitzer) muss großteils stumm agieren, die Arme anheben und ansonsten wie Siouxsie & The Banshees ausschauen, nur dass die Banshees gerade irgendwo anders urlauben.

    Gesungen wird leidlich, auch wenn Franzmeier die Gesangslinien bei Bedarf transponiert (It‘s no Game – Part 1). Die Figur des "Mädchens" (Katharina Klar), dessen Erscheinung allein Newtons Einbildungskraft entspringt, entpuppt sich als Wiedergängerin von – und aus – Newtons verlöschender Erinnerung. Klar tremoliert so herzerfrischend, dass sie ihrem Namen alle Ehre macht.

    Einen schönen Teilerfolg feiert auch Gabor Biedermann als karottenroter Glamour-Prolet mit All the Young Dudes. Tatsächlich gelingt der achtköpfigen Band unter der Leitung von Posaunist Bernhard Neumaier das Legen einer flauschigen Unterlage: Die braven Volkstheater-Schauspieler sind ja auch keine hauptberuflichen Sänger. Hübsche Details richten sich an den Bowie-Nerd: Die Low-Nummer Always Crashing in the Same Car wird herrlich federnd und entrückt gespielt ...

    Ohne Stil und Gefahr

    Bitter ankreiden muss man der Inszenierung von Miloš Lolić ihren erschütternden Mangel an ästhetischer Haltung. Dieser angeblich biblisch inspirierten Bowie-Hommage fehlen die beiden Hauptingredienzen für jede ernsthafte Beschäftigung mit dem verglühten Sternenmann: Stil und Gefahr. David Bowie gestaltete noch seinen Abschied von unserer gebrechlich eingerichteten Welt als Triumph des Designs über jede Art von Hinfälligkeit. Als ob der sprichwörtliche "Black Star" noch die entstellendste Wunde zum Verschwinden brächte ("I‘ve got scars that can‘t be seen...").

    Im Volkstheater wird man Zeuge eines Kostümfestes, eines Siebziger-Jahre-Gschnases. Als wäre eine besonders honorige SPÖ-Sektion aus einem der Flächenbezirke mit der Ausrichtung eines Themenabends befasst worden: "Glamour, The Spiders from Mars und andere Errungenschaften der Ära Kreisky". Anders gesagt: Der Abend rockt nicht, und er swingt nicht. Man wünscht Mister Newton einen baldigen Heimflug ins All. (Ronald Pohl, 10.5.2018)

    • Träger Zimmervampir: In Miloš Lolićs Inszenierung des David-Bowie-Musicals "Lazarus" gibt Günter Franzmeier den gefallenen Engel.
      foto: www.lupispuma.com / volkstheater

      Träger Zimmervampir: In Miloš Lolićs Inszenierung des David-Bowie-Musicals "Lazarus" gibt Günter Franzmeier den gefallenen Engel.

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