Zweites Eurovision-Semifinale: Was uns heute Abend erwartet

10. Mai 2018, 07:24
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Nach einem starken ersten Semifinale geht es in die deutlich schwächere zweite Runde. Kann Alexander Rybak ein zweites Mal gewinnen? Hat Metal eine Chance?

Das erste Semifinale ist geschlagen und Cesár Sampson hat es ins Finale geschafft. Seit dem Comeback Österreichs beim Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf erreichte der ORF von sieben Versuchen immerhin fünf Finalplätze. Das kann sich sehen lassen. Ö3-Journalist und "Solid Gold"-Host Eberhard Forcher, der in den letzten drei Jahren so etwas wie der künstlerische Leiter und Act-Scout gewesen ist, hat dabei ein gutes Händchen bewiesen.

foto: andres putting, ebu
Wird er nach 2009 ein zweites Mal für Norwegen gewinnen? Alexander Rybak startet das zweite Halbfinale.

Sich im ersten Semifinale durchzusetzen war auch deshalb ein großer Erfolg, weil dieses voll gespickt mit guten Songs und Favoriten war. Ganz anders sieht das im zweiten Semifinale aus. Mit Alexander Rybak findet man in ihm nur einen Teilnehmer, der auch in den Wettquoten vorne mitspielen kann. Allen anderen Acts werden deutlich weniger Chancen eingeräumt. Es gibt freilich die notorischen Dauerfavoriten Schweden und Australien, allerdings sind auch unberechenbare Acts dabei, etwa Wikinger-Schlager aus Dänemark oder Metal-Core aus Ungarn.

1. Norwegen: Alexander Rybak – That’s How You Write a Song

eurovision song contest

Der Favorit zum Sieg dieses Semifinales kommt gleich mit der Startnummer Eins. Alexander Rybak gewann bereits 2009 den Eurovision Song Contest mit "Fairytale" und will es neun Jahre später noch einmal wissen. Seine Performance – eine dreiminütige Lektion darüber, wie man einen Song schreibt – ist sehr catchy und auch die obligatorische Violine fehlt nicht. Der offenbar nie alternde Peter Pan des Eurovision Song Contests weiß zu überzeugen. Der Song ist Geschmacksache und polarisiert unter den Fans sehr. Es gab erstaunlich viele gehässige Kommentare gegen den Song. Er antwortet gekonnt mit Esprit und Charisma.

Tipp: weiter

2. Rumänien: The Humans – Goodbye

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Der rockige Song machte eine Zeitreise aus den Achtzigern auf die Bühne der Altice Arena. Die Sängerin Cristina Caramarcu hat wahrscheinlich die beste Stimme des gesamten Wettbewerbs dieses Jahres, muss diese aber in einem zu schwachen Song verstecken. Sie sollte ins Finale, aber der Song sollte nach Hause geschickt werden.

Tipp: eher weiter

3. Serbien: Sanja Ilić & Balkanika – Nova Deca

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Ethno-Pop aus Serbien ist man an sich ja gewöhnt, aber die Qualität eines Željko Joksimović ("Lane moje" 2004, "Nije ljubav stvar" 2012) oder eines Milan Stanković ("Ovo je Balkan" 2010) erreicht die Truppe um den Komponisten und Keyboarder Sanja Ilić bei weitem nicht. Der Song zündet nie wirklich.

Tipp: raus

4. San Marino: Jessika feat. Jenifer Brening – Who We Are

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Roboter beim Trashbeitrag aus San Marino.
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Wenn Sie so richtigen Trash, so richtig miesen Trash lieben, dann dürfen Sie sich jetzt freuen. Sollten Sie sich zudem fragen, wer Textzeilen wie "We are who we are, and who we are is who we wanna be" in der Lage ist, zu schreiben… Nun ja. Die Zeilen stammen unter anderem von unserer Zoë Straub, die vor zwei Jahren für Österreich antrat. Rap und Roboter gibt es auch zu bestaunen. Genießen Sie den Auftritt, er ist wirklich auf seine Art lustig. Sie werden ihn nämlich am Samstag nicht noch einmal sehen. Und liebe Zoë, schreibe französische Texte, s’il vous plaît.

Tipp: raus

5. Dänemark: Rasmussen – Higher Ground

foto: thomas hanses, ebu
Rasmussen mit Wikingerschlager aus Dänemark.
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Direkt aus der Serie "Vikings" scheint Rasmussen mit seinem Segelschiff angereist zu sein. "All Aboard" wird in diesem Fall auch musikalisch und optisch umgesetzt. Während der Proben haderten die Dänen damit, dass ihnen der Schneesturm technisch einfach nicht gelingen wollte, aber immerhin stöbert es mittlerweile ein wenig. So maskulin der Song daher kommt, eigentlich ist es einfach nur ein simpel gestrickter Schweden-Schlager. Aber wie immer mit eingängigen Produkten dieser Art funktioniert das Ding.

Tipp: weiter

6. Russland: Julija Samoilowa – I Won't Break

foto: andres putting, ebu
Julija Samoilowa wollte schon 2017 singen. 2018 darf sie endlich.
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Julija Samoilowa wollte ja bereits voriges Jahr in Kiew antreten, aber das durfte sie nicht, da sie aus Russland in die Krim reiste. Russland ist jetzt jedenfalls wieder an Bord. Julia Samoilowa versteckt ihren Rollenstuhl in einem Art Berg. Das könnte man natürlich kritisieren, denn was ist das für eine Botschaft seinen Rollstuhl zu verstecken? Ganz offen fragte sie Journalisten in Interviews, was sie im Fall eines sichtbaren Rollstuhls kritisiert hätten? Dass sie nur Mitleidspunkte haben wollen würde? Da hatte die sehr sympathische Sängerin natürlich einen Punkt. Singen tut sie jedenfalls nicht besonders gut, und an ihrer englischen Aussprache dürfte sie etwas gearbeitet haben, denn mittlerweile versteht man sogar das eine oder andere Wort. Aserbaidschan kam immer ins Finale, scheiterte 2018 erstmalig. Das könnte Russland auch passieren.

Tipp: Wackelkandidatin, eher weiter

7. Moldawien: DoReDoS – My Lucky Day

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Das ist einfach nur großartig! Für mich ist dies mit Abstand die beste Performance des heutigen Abends. Mit einem Budget von nur 5000 Euro haben DoReDos mit unglaublich viel Kreativität eine richtige Komödie auf die Bühne gestellt, mit Tanzeinlagen, Doubles und purem Slapstick. Keine Sekunde will man da wegschauen, das ist Entertainment. Der Song stammt aus der Feder vom bulgarisch-russischen ESC-Urgestein Philipp Kirkorov, dessen Komposition 2016 für Russland immerhin dritter wurde. Kirkorov covert als Sänger auch gerne mal westliche Pop-Nummern, so auch Shantel. Das hört man.

Tipp: weiter

8. Niederlande: Waylon – Outlaw in ’Em

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Waylon hat zwei Nachteile. Erstens, er kommt nicht sympathisch rüber und hat es sich sogar mit vielen Medien seines Heimatlandes verscherzt, die eine Kampagne gegen ihn führen. Zweitens die Tänzer samt Breakdance-Moves wirken völlig unpassend zu diesem Song, er hätte gut und gerne darauf verzichten können. Seine zwei Vorteile: Der wirklich gute Song sticht heraus. Country-Rock hört man nicht oft bei einem Eurovision Song Contest. Zweitens ist dieses Halbfinale schwach genug um durchzukommen.

Tipp: Wackelkandidat, eher weiter

9. Australien: Jessica Mauboy – We Got Love

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Die Australier wollen seit 2015 gewinnen, keine Frage. 2018 wird das aber wieder nicht passieren. Down Under schickt eine recht generische, am Reißbrett entworfene Dancepop-Nummer zum Song Contest. In diesem Genre liefern Israel, Zypern und Finnland jedoch deutlich bessern Nummern. Für dieses Semifinale wird es wohl reichen, zudem gibt es offenbar immer noch so etwas wie einen "Australien-Bonus". Überzeugend ist das aber nicht.

Tipp: weiter

10. Georgien: Ethno-Jazz Band Iriao – For You

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Traditionell polyphone Gesänge aus Georgien auf einer Song Contest-Bühne sind eine Herausforderung. Damit auch alle verstehen – denn wer in Europa kennt schon georgische Traditionen? – dass es sich um Ethno-Jazz handelt, haben Iriao das Genre auch im Bandnamen voran gestellt. Diese polyphone Klänge sind vermutlich nicht jedermanns Sache. Ich finde den Beitrag schön.

Tipp: raus (Ich würde das allerdings gerne im Finale sehen)

11. Polen: Gromee feat. Lukas Meijer – Light Me Up

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Gromee ist ein polnischer DJ und steht deshalb auch hinter seinen Decks, eben wie ein richtiger DJ. Er wird vom schwedischen Sänger Lukas Meijer begleitet, der in den Proben stimmlich oft sehr neben der Spur war. Der moderne Radiosong ist sehr groovy und zeitgemäß, zündet aber nie wirklich.

Tipp: Wackelkandidat, eher raus

12. Malta: Christabelle – Taboo

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Malta ist seit 1971 dabei und hat noch nie gewonnen. Der Beitrag 2018 ist schlecht genug, diese Serie fortsetzen zu dürfen. Mehr gibt es zu diesem Beitrag nicht zu sagen.

Tipp: raus

13. Ungarn: AWS – Viszlát Nyár

foto: andres putting, ebu
Metalcore aus Ungarn rockt Lissabon.
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Metal beim Eurovision Song Contest ist nicht ganz neu, aber mit dieser Intensität war das Genre noch nie vertreten. Wir bekommen sogar Stagediving geliefert. Ungarn rockt die Bühne, der Song ist herausragend aufgebaut und reißt mit. ich bin mir sicher, dass dieser Song sehr weit nach vorne kommen wird und von den meisten Wettern, Journalisten, Fans und ESC-Propheten völlig unterschätzt wird. Wir werden sehen, wer sich am Ende getäuscht hat. Für mich sind die ungarischen Schreihälse Mitfavoriten auf den Sieg – auch am Samstag.

Tipp: weiter

14. Lettland: Laura Rizzotto – Funny Girl

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Nett ist für den Eurovision Song Contest einfach nicht mehr gut genug. Der Song hat Anspruch, ist auch nicht schlecht, aber geht bei diesem Wettbewerb völlig zwischen Ungarn und Schweden unter. Das liegt vor allem an der unmotivierten Performance der gebürtigen Brasilianerin, so wirken ihre Handbewegungen zum Beispiel zu einstudiert. Höchstens die Jurys könnten diesen Beitrag noch retten, aber alles in allem ist das zu langweilig.

Tipp: raus

15. Schweden: Benjamin Ingrosso – Dance You Off

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Justin Bieber heißt jetzt Benjamin und ist Schwede. Die Musik will ein bisschen wie Justin Timberlake klingen, aber die Vocals von Benjamin Ingrosso bleiben dünn und sind wenig überzeugend. Daher dominiert bei diesem Beitrag die Bühneninszenierung. Die Schweden stellen eine eigene komplizierte zweite Bühne auf die Bühne – bombastisch, voller technischer Raffinesse, Lichteinlagen – und genau das Gegenteil von Moldawien. Bei den Proben musste man oft lange unterbrechen, bis die Technik funktionierte. Mit dem Budget dieses Beitrags könnte man vermutlich 300 moldawische Auftritte finanzieren, die dafür deutlich mehr Spaß machen.

Tipp: weiter, weil Schweden

16. Montenegro: Vanja Radovanović – Inje

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Die übliche und unverzichtbare Balkanballade kommt dieses Jahr aus Montenegro und klingt wie alle dementsprechenden Beiträge aus all den Jahren zuvor. Sie klingt nur etwas langeiliger, trotz aller Versuche sehr dramatisch und leidenschaftlich zu wirken. Eh schön (Ich steh ja auf sowas), aber es reißt nicht wirklich vom Hocker.

Tipp: raus

17. Slowenien: Lea Sirk – Hvala, Ne!

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Lea Sirk vertritt Slowenien mit starkem Beat und schwachem Song
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Slowenien schickt einen sehr starken Beat nach Lissabon und Lea Sirk hat offenbar von den Niederländern 2016 gelernt. Spoileralarm: Sie unterbricht den Song einen überraschenden Moment. "Nein, danke" ist eine sehr zeitgemäße Produktion, hat einen wirtlich guten Beat und Bass.

Tipp: Wackelkandidatin, eher raus

18. Ukraine: Melovin – Under the Ladder

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Aus einem Sarg steigen, der dann zu einem Klavier wird, ein Sänger mit zwei verschiedenen Augenfarben. Melovin will sowas wie Vampir-Feeling auf die Bühne stellen. Sein Song ist sehr zeitgemäßer Pop und das Semifinale endet verdientermaßen mit Mittelmäßigkeit, gute Mittelmäßigkeit in diesem Fall.

Tipp: weiter

(Marco Schreuder, 10.5.2018)

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