Rundschau: Murderbot ist wieder da!

    Ansichtssache23. Juni 2018, 10:00
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    Zwei schlechte und eine ganze Reihe sehr guter SF-Romane, unter anderem von Adrian Tchaikovsky, Martha Wells und Michael Marrak

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    foto: tor books

    Martha Wells: "The Murderbot Diaries 2: Artificial Condition"

    Gebundene Ausgabe, 160 Seiten, Tor Books 2018, Sprache: Englisch

    Murderbot mag man eben. Für ihre erste Novelle um den autonom gewordenen Cyborg konnte Martha Wells sowohl Fans von Spaß und Action als auch diejenigen begeistern, die sich stärker für Identitätsfragen interessieren. Alles, was es dazu brauchte, war ein grantelndes Kunstwesen, das für den Kampf gezüchtet wurde, am liebsten aber all seine Zeit mit Fernsehen verbringen würde – und möglichst ohne Sozialkontakte. Aber wenn es halt gar nicht anders geht, übt die Sicherheitseinheit (SecUnit) eben ihre Beschützerrolle aus ... irgendwie schlägt das geklonte Herz ja doch am rechten Fleck.

    Im vorigen Band ("All Systems Red") verhinderte Murderbot die Ermordung einer Gruppe von Wissenschaftern, erlangte dadurch deren ewige (und eher unwillkommene) Dankbarkeit und setzte sich bald danach schon wieder ab. Auf die innere Freiheit – der Cyborg hat längst sein Steuerungsmodul gehackt, was außer den geretteten Forschern aber niemand weiß – folgt nun die äußere. Keine Leihverträge mehr, von jetzt an ist Murderbot in eigener Sache unterwegs. Was vor allem heißt: auf den Spuren der eigenen Vergangenheit, in der es ein paar dunkle Flecken geben dürfte.

    Zur Handlung

    Natürlich ist es mit der erhofften Seelenruh schon auf dem Flug zum nächsten Ziel dahin. Die Künstliche Intelligenz des Transportschiffs, auf dem Murderbot eine Passage gebucht hat, scheint nicht nur über erstaunliche Freiheiten zu verfügen. Nein, sie interessiert sich lästigerweise auch sehr für ihren ungewöhnlichen Passagier und hat zu allem Überfluss gleich ein paar Verbesserungsvorschläge für Murderbots Leben parat – zum Beispiel ein Makeover, um sich als Mensch tarnen zu können. Murderbot tauft die KI daher "ART" (kurz für Asshole Research Transport); es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

    Ziel der Reise ist eine Bergbauwelt, auf der Murderbot möglicherweise einst ein Massaker verschuldet hat. Dort trifft unsere Hauptfigur auf eine Gruppe junger Prospektoren, die Wirtschaftsverbrechern in die Quere gekommen sind und Murderbot mit ihrer Naivität einmal mehr ständig zum Augenrollen brächten, wäre das Gesicht nicht aufs Mienenspiel einer Osterinsel-Statue geeicht.

    Großartige Hauptfigur

    Womit wir schon bei einem der wesentlichen Anreize der "Murderbot Diaries" sind. Wells hat eine Hauptfigur geschaffen, deren nüchterne Sicht auf die Welt immer wieder für Komik sorgt, ohne ins Humoristische abzudriften. Am ehesten können wir uns Murderbot wie den Hausmeister einer Universität vorstellen. Der weiß, wie die Dinge laufen, holt für andere die Kohlen aus dem Feuer und bereinigt stillschweigend den Schwachsinn, den die formal Höhergestellten laufend produzieren. ("Yes, I often want to shake my clients. No, I never do.")

    Aber auch denen, die gerne Rollen und Identitäten hinterfragen, hat Murderbot jede Menge Stoff zu bieten. Das fängt schon bei der sexuellen Identität an, die durch eine Erzählung in Ich-Form natürlich schön verschleiert werden kann. Aktueller Zwischenstand: unentschieden. Murderbot könnte sich problemlos sofort Geschlechtsorgane anzüchten lassen, aber ... "No, thank you, no. No." Dazu kommen Murderbots manipuliertes Gedächtnis und ein seelischer Zwiespalt aufgrund der unterschwellig stets präsenten Furcht, eine Gefahr für andere darzustellen – nicht zuletzt deshalb hat Murderbot die Klienten aus Band 1 verlassen.

    Und schließlich noch die juristische Seite: Für den Hersteller hat Murderbot den rechtlichen Status eines Leihwagens – manche Teile der galaktischen Gesellschaft würden dem Kunstgeschöpf hingegen Bürgerrechte einräumen. Spätestens wenn der Leser grübelt, wo genau eigentlich die Trennlinie zwischen einem organisch-maschinellen Mischkonstrukt mit freiem Willen und einem durch Implantate augmentierten Menschen verläuft, steht wieder die alte Frage im Raum: Was macht einen Menschen aus?

    To be continued

    Noch heuer werden die beiden abschließenden Teile der Murderbot-Tagebücher erscheinen. Noch zwei Chancen also für "Sci-fi's favorite antisocial A.I.", das Rätsel der eigenen Existenz zu lösen. Und ausgiebig TV-Serien zu streamen natürlich.

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