Rundschau: Murderbot ist wieder da!

    Ansichtssache23. Juni 2018, 10:00
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    Zwei schlechte und eine ganze Reihe sehr guter SF-Romane, unter anderem von Adrian Tchaikovsky, Martha Wells und Michael Marrak

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    foto: piper

    Benjamin Rosenbaum: "Die Auflösung"

    Gebundene Ausgabe, 368 Seiten, € 20,60, Piper 2018 (Original: "The Unraveling", noch nicht veröffentlicht)

    "Kann ich auch Penisse haben?" Das ist – man beachte den Plural – keine alltägliche Frage aus Kindermund; ebenso selten hört man einen gutgemeinten Elternrat wie: "Ich finde, du solltest in Erwägung ziehen, ob du verrückt werden willst." Die beiden Zitate stelle ich mal an den Anfang, um zu illustrieren, dass wir es in diesem Roman mit einem Social Worldbuilding zu tun haben, das nicht weniger fremdartig wirkt als die bizarreren unter Stephen Baxters physikalischen Settings ("Flux" oder "Das Floß"). Und hier beruht die Exotik allein auf gesellschaftlichen Konventionen.

    Wo bin ich da nur reingeraten?

    Gehen wir's im Sinne eines Gegengifts mal extranüchtern an. Die Gesellschaft des Romans – ferne Zukunft, anderer Planet – gliedert sich in zwei Arten von Menschen: die selbstdisziplinierten und ziemlich kopflastigen Staids und die von Leidenschaft geprägten und im Wesentlichen für körperliche Tätigkeiten vorgesehenen Bails. Warum diese beiden Typen just als "Geschlechter" bezeichnet werden (jeder Bail wird als "er" tituliert, jeder Staid als "sie"), bleibt ein Rätsel. Mit Fortpflanzung oder so etwas wie einem biologischen Geschlecht hat es jedenfalls nichts zu tun – wir sind hier schließlich in einer Welt, in der sich jeder nach Belieben primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale anzüchten lassen kann. Aber natürlich ist in dieser Welt ohnehin nichts mehr: "Ich gehe nie an die Oberfläche, wenn ich es vermeiden kann. (...) Da oben ist es pervers. Der Himmel kann dich einfach mit Wasser begießen oder dich unter Strom setzen, wann immer ihm danach ist. Ein schrecklicher Ort."

    Das zweite wesentliche Element ist die Mehrkörperlichkeit: Fast jeder Mensch verteilt sich über mehrere Körper (Hauptfigur Fift beispielsweise hat drei), die unabhängig voneinander agieren können, aber durch ein gemeinsames Bewusstsein verbunden bleiben. Auch dafür, warum man das eingeführt hat, ist mir der Roman eine Erklärung schuldig geblieben. Es sorgt aber regelmäßig für verblüffende Passagen, in denen die Figuren gleichzeitig an verschiedenen Orten verschiedenen Tätigkeiten nachgehen. Zur Einstimmung lautet der erste Satz des ersten Kapitels nicht von ungefähr: Fift war fast fünf, und es war nicht mehr ihre Art, in allen ihren Körpern zu schlafen.

    Wir haben es also mit einem völlig anderen Identitätskonzept zu tun – das, was Ann Leckies "Die Maschinen" so faszinierend machte, ehe ihre Trilogie im Tee absoff. Dass uns das Ganze aus der Warte eines Kindes mit entsprechend fragmentiertem Blick auf die Welt vorgestellt wird, macht die Sache natürlich nicht einfacher durchschaubar. Angehende Leser können sich in den ersten Kapiteln auf ein psychedelisches Erlebnis einstellen!

    Das eine Einfache

    Umso einfacher gestaltet sich der eigentliche Plot. Anhand von Fift (Staid) und ihrem Freund Shria (Bail) erzählt Benjamin Rosenbaum eine im Grunde klassische Coming-of-Age-Geschichte. Zwei junge Menschen müssen ihren Platz in der Gesellschaft sowie eine Lösung dafür finden, dass sie auf unterschiedlichen Seiten einer Trennlinie stehen, die sich durch diese Gesellschaft zieht. Das geschieht just zu einem Zeitpunkt, an dem diese in eine Umbruchsphase tritt. Eine Performance des "Cirque Fantabulös" mutiert – ohne dass jemand so recht verstehen würde, wie – in einen Aufruf dazu, alte gesellschaftliche Zöpfe abzuschneiden. Es ist der Start einer Revolution.

    Die zwar seltsame, aber auf Konsens und unzähligen Regeln beruhende Romangesellschaft gerät damit ins Wanken – ein Prozess, den man ganz unterschiedlich bewerten kann. Doch ob man es als Ordnung vs. Chaos oder Neuanfang vs. Stagnation versteht, auf jeden Fall ist es neben den "Geschlechtern" eine weitere der Dichotomien, die den Roman von Anfang bis Ende prägen.

    Glückwunsch dem, der die Übersicht behält

    Benjamin Rosenbaum, ein heute in der Schweiz lebender US-Amerikaner, hat nach einer langen Reihe von Kurzgeschichten mit "Die Auflösung" seinen ersten Roman veröffentlicht. Den höheren stilistischen Verdichtungsgrad von Kurzformaten hat er dabei allerdings beibehalten. Kurz gesagt: Er hat sich kompromisslos ausgetobt. Zu grotesken Wortkonglomeraten, die die Political Correctness von Fifts Ära wiedergeben (oder karikieren), gesellen sich höchst alberne Namen wie die Ortsbezeichnungen Unterschnurz oder Grünes-Zuckerbläschen-Separat-8 und mein persönlicher Favorit in Sachen Personenregister: Tigan Melitox Farina vom Namensverzeichnis Blaues-Huckepack-Zahnen-5, Bail, 221 Jahre alt, Sprecher der Papageiengesellschaft.

    Da mögen jetzt einige an die Raumschiffnamen in Iain Banks' "Kultur"-Romanen denken, aber der Vergleich hinkt: Die waren nur ein Running Gag in einem ansonsten weitgehend straight gehaltenen Ambiente. Bei Rosenbaum hingegen hat man es mit einem nie endenden Mahlstrom von skurrilen Eigennamen und Neologismen zu tun, die großteils nie erklärt werden und von denen viele wohl nur um der Klangwirkung oder eines anderen Effekts willen aufpoppen. Selbst zentrale Phänomene der Romanwelt bleiben oft rätselhaft. Wenn sowohl Übersetzer als auch Lektorat "Habilitation" mit "Habitat(ion)" und mehrfach "Pool" mit "Pol" (oder vielleicht auch "Pol" mit "Pool") verwechseln, dann werte ich das schlicht als Zeichen dafür, dass hier wirklich niemand den Durchblick hat, worauf Rosenbaum eigentlich hinauswill.

    Zu viel bleibt offen

    "Die Auflösung" hat wie gesagt eine im Kern schlichte Handlung, erhält aber durch die verschiedenen Stil- und Wor(l)dbuildingfilter, die Rosenbaum drüberlegt, eine stark absurdistische Note. Das wird beim Lesen zu einem Wechselbad der Gefühle zwischen verblüffend und frustrierend, begeisternd und ermüdend. Als Mensch der Ratio bin ich von anfänglicher Lesefreude leider zunehmend ins Negative gekippt – mir bleiben hier einfach viel zu viele Fragen offen.

    Warum soll Shria eigentlich kein geeigneter Partner für Fift sein, die doch selbst "gemischtgeschlechtliche" Eltern hat (acht Stück übrigens)? Wie werden die Geschlechter bei der Geburt "erkannt"? Wie ist die bizarre Gesellschaftsform des Romans zustande gekommen? Wie hat man sich überhaupt eine Welt aus riesigen schwebenden Habitaten vorzustellen, "über" denen dann aber die natürliche Oberfläche eines Planeten liegt? Welche Rolle spielt die Außerweltliche Thavé, die schon im Prolog zu Wort kommt und dann im Roman nur einen orakelnden Auftritt hinlegt? Was ist die Lange Konversation nun wirklich? Und what the heck hat "fransenklammernd" zum Schimpfwort werden lassen?

    Das Übermaß an unverständlich Bleibendem in Relation zu Erklärtem unterscheidet Rosenbaum letztlich von anderen Vertretern ungezügelter Kreativität wie China Miéville, Hannu Rajaniemi oder Paul Di Filippo. Auch die lassen Ideen- und Wortwirbelstürme auf uns los – aber die wirken zumindest auf mich nicht so willkürlich wie die von Rosenbaum. Eine einzigartige Lektüre war "Die Auflösung" gewiss und ist als solche eine Empfehlung – aber auch ein strahlendes Beispiel für "Dafuq did I just read???".

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